Pfarrerin Simone Lippmann-Marsch vor ihrer Gemeinde | Griet Petersdorff
mittendrin

Pfarrerin in Brandenburg Mit Bibel und Bier im Auftrag des Herrn

Stand: 18.07.2022 15:48 Uhr

Eine Pfarrerin will die Menschen wieder für die Kirche begeistern. Ihr Konzept: Menschen in deren Lebenswelt abholen, ihnen nahe sein - mit Predigten auf Flugplätzen und Fürbitten auf Bierdeckeln.

Von Griet von Petersdorff, rbb

Pfarrerin Simone Lippmann-Marsch schaut sich den alten Flugplatz von Borkheide im Landkreis Potsdam-Mittelmark an. Sie plant einen Bikergottesdienst und will wissen, ob diese Location geeignet ist.

Griet von Petersdorff

Die schwarzen langen Haare wehen im Wind, die vielen Tätowierungen auf ihrem Arm sind von weitem sichtbar. Neben den Piercings im Gesicht hat sie auch eins in der Zunge - das sieht man oft, die Pfarrerin lacht viel und herzlich.

"Kirchenmauern sind ganz schön dick"

Auf dem Flugplatz stehen eine alte Iljuschin und andere Flugzeug-Oldtimer - eine ungewöhnliche Location für einen Gottesdienst, es passe also, findet Lippmann-Marsch. Sie bemüht sich gezielt um Menschen, die nicht gerade die klassischen Kirchgänger sind, in denen aber der Wunsch nach Religiosität schlummert, die Sehnsucht nach Spiritualität haben.

"Kirchenmauern sind ganz schön dick", sagt sie, und für manche scheinen sie unüberwindbar zu sein - vor allem im Osten. "Ich weiß ja, wie ich mich gefühlt habe", erzählt sie. "Also, ostsozialisiert bin ich komplett ohne Kirche aufgewachsen. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, in eine Kirche hinein zu gehen, weil ich gar nicht wusste, was hat das mit mir zu tun."

Sie sei eine leidenschaftliche Motorradfahrerin, und unter den Bikern gebe es wirklich viele Leute, denen der Glaube wichtig sei - die aber nicht auf die Idee kämen, am Sonntag um zehn Uhr in die Kirche zu gehen. "Was machen wir dann?" Die potenziell Gläubigen da treffen, wo sie sind.

Mit Bibel und Bier für Gott begeistern

Sie ist verabredet mit Florian Weishaupt, von der Berliner Heavy-Metal-Band Sanity. Eine christliche Band, das ist eher ungewöhnlich in dem Genre. Sie hätten die Offenbarung des Johannes vertont, erzählt Weißhaupt stolz, damit würden sie gern den Bikergottesdienst abrunden.

Um neue Kreise zu erschließen, müssen neue Ideen entwickelt werden. Eine solche ist der Kneipengottesdienst in Borkwalde auf dem Land. Unter dem Motto "Bibel und Bier" hat die Pfarrerin zum Gottesdienst geladen. Es ist 18.00 Uhr: Die Kirche ist komplett aus Holz, sie steht mitten im Wald, wer durchs Kirchenfenster blickt, sieht nur Baumstämme.

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Pfarrerin Lippmann-Marsch schaut sich einen Flugplatz an, auf dem sie einen Gottesdienst veranstalten will.

Lockere Atmosphäre, statt religiöser Strenge

Erste Besucher kommen angeradelt, schnell füllt sich der Vorplatz - es kommen mehr als gewöhnlich, das zeichnet sich schnell ab. Dann wäre ein Ziel schon erreicht. Mittendrin steht die Pfarrerin, grinst in die Runde, sie hat ein Bier in der Hand.

"Wer schnell noch ein Bier möchte, muss an die Bar gehen!", ruft sie. Es folgt der Hinweis, das Bier sei zwar umsonst - aber eine Spende ins Körbchen wäre nett. In der Kirche stehen einzelne Tische mit Stühlen, drumherum Schüsseln mit Erdnüssen, Flaschen. Wie in einer Kneipe, die Stimmung ist gemütlich, die Menschen sind redselig.

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Pfarrerin Simone Lippmann-Marsch will die Menmschen mit lockeren Gottesdiensten für die Kirche begeistern.

Fürbitten kommen auf Bierdeckeln

Auf Bierdeckeln sollen sie auf Bitten der Pfarrerin ihre Fürbitten schreiben, da steht neben vielen Friedens-, und Gesundheitswünschen auch Lustiges drauf. Wie: "Hopfen und Malz. Gott erhalt's."

Es wird gebetet, eine Predigt gibt es, das "Vater unser" fehlt auch nicht - die Besucherinnen und Besucher äußern sich am Ende positiv. Sie bleiben noch und quatschen. Gelobt wird auch, dass der Gottesdienst schön spät stattfand. Und dass man am Sonntag ausschlafen könne.

Hemmschwelle zur Kirche oft hoch

Lockerer werden, starre Regeln ändern - manche der Gottesdienstbesucher an diesem Abend glauben, das könne helfen, um mehr Menschen für die Kirche zu begeistern: Kirche öffnen für neue Gemeindemitglieder. Im Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg sind nur 13,57 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner in der evangelischen Kirche. Und der Trend weist zurzeit nicht unbedingt nach oben.

Und manchmal spielt einfach nur die zu große Hemmschwelle hinsichtlich der Institution Kirche eine entscheidende Rolle. Bei Lippmann-Marsch selbst war die Hinwendung zu Gott ein Prozess. Im ersten Berufsleben war sie Visagistin, ein Ratschlag aus einem Berufsberatungsgespräch, dem sie folgte.

Lob von Jugendlichen, aber auch Kritik

Erst mit 28 Jahren ließ sie sich taufen, und dann schlug sie die theologische Laufbahn ein. Eine Quereinsteigerin mit Outfit und Habitus, die in der Kirche zumindest auffallen. Sie hatte mit Selbstzweifeln zu kämpfen: Passe ich vielleicht doch nicht in den Job, wenn ich so anders bin? Bis sie für sich erkannte, dass sie andere Menschen ansprechen kann, gerade weil sie so ist, wie sie ist.

Und gerade bei den Jugendlichen kommt sie offenbar gut an. Das bestätigen mehrere Gemeindemitglieder. Sie habe vor einigen Wochen Jugendliche komplett den Gottesdienst gestalten lassen - das sei richtig gut gewesen, erzählt Erich Schmidt, ein regelmäßiger Kirchgänger.

Lippmann-Marsch bekomme auch Gegenwind, heißt es. Gefragt, wie Ihr Arbeitgeber die Idee mit "Bibel und Bier" findet, meinte sie: "Das warten wir erstmal ab. Die Herausforderung: konservative treue Gemeindemitglieder nicht verschrecken und gleichzeitig neue Kreise erschließen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Juli 2022 um 22:20 Uhr.