Antisemitismusseminar mit Burak Yilmaz | WDR/ David Zajonz
mittendrin

Projekt in Duisburg Kampf gegen Antisemitismus an Schulen

Stand: 30.11.2021 11:26 Uhr

Antisemitismus ist bei jungen Menschen weit verbreitet. Auf Schulhöfen wird das Wort "Jude" als Schimpfwort benutzt. Ein Duisburger Pädagoge kämpft dagegen an.

Von David Zajonz, WDR

Burak Yilmaz erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er anfing, sich verstärkt mit Antisemitismus zu beschäftigen. Vor zwölf Jahren arbeitete er als junger Pädagoge in einem Duisburger Jugendzentrum. Mehrere Jugendliche kamen zur Tür hinein, machten vor ihm den Hitlergruß und riefen "Heil Hitler". Es seien muslimische Jugendliche gewesen, erzählt Yilmaz - und sie kamen direkt von einer Anti-Israel Demonstration.

David Zajonz

"Ich hatte keine Ahnung"

Heute steht Yilmaz im Duisburger Norden vor einer Gruppe von Zehntklässlern und erzählt die Geschichte aus dem Jugendzentrum. Er will aufklären und junge Menschen für das Thema Antisemitismus sensibilisieren. Bei einer historischen Stadtteilführung erzählt er den Jugendlichen, dass hier, in ihrem eigenen Viertel, früher viele Juden lebten. Dann schildert er, wie jüdische Geschäfte und Synagogen brannten, und wie jüdische Menschen von den Nazis ermordet wurden.

Antisemitismusseminar mit Burak Yilmaz | WDR/ David Zajonz

Burak Yilmaz möchte Duisburger Schülerinnen und Schüler für das Thema Antisemitismus sensibilisieren. Bild: WDR/ David Zajonz

Die Schülerinnen und Schüler hören gebannt zu, das Entsetzen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie sei schockiert und überrascht, erzählt die 16-jährige Nikola. Ihr Mitschüler Aziz ergänzt: "Ich hatte keine Ahnung, dass in Duisburg so viel passiert ist." Vom Holocaust hat der 15-Jährige nicht erst durch die Stadtteilführung erfahren. Allerdings war die Judenvernichtung für ihn bislang etwas, das vor allem in anderen Städten, zum Beispiel in Berlin, stattgefunden habe.

Holocaust "vor der eigenen Haustür"

Vom Grauen in ihrer eigenen Wohngegend zu erfahren, verändert, wie die Jugendlichen den Holocaust wahrnehmen. Plötzlich ist der Schrecken sehr viel näher. Diese Erfahrung ist Teil des pädagogischen Konzepts von Yilmaz. "Der Holocaust hat nicht in den Konzentrationslagern begonnen, sondern vor der eigenen Haustür", sagt der Seminarleiter. Yilmaz besucht mit seiner Seminarreihe verschiedene Schulen. Gefördert wird er dabei von der Antisemitismusbeauftragten in Nordrhein-Westfalen.

"Jude" als Schimpfwort

Eine Woche nach der Stadtteilführung steht Yilmaz in der Aula der Duisburger Gesamtschule, an der die Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Er stellt ihnen Fragen zu ihren eigenen Erfahrungen mit Antisemitismus. Die Frage, ob sie das Wort "Jude" schon mal als Schimpfwort gehört hätten, wird von fast allen Schülern bejaht.

"In der Schule wird das voll oft gesagt", sagt Lukas. Ihr selbst sei es schon in der dritten Klasse passiert, erzählt Alaa. Sie habe sich mit einer Freundin gestritten. Daraufhin habe die Freundin "Du Jüdin" zu ihr gesagt und damit versucht auszudrücken, dass sie jetzt nicht mehr mit ihr befreundet sei. Sie finde es einfach schrecklich, dass Kinder sich so verhielten, sagt Elissa. "Das sind vielleicht kleine Kinder - aber man weiß nicht, wozu das später führen kann."

Hassparolen vor Synagogen

Im Verlauf des Seminars streut Yilmaz immer wieder Berichte über antisemitische Vorfälle ein. Er erzählt beispielsweise von den Protesten vor einer Synagoge in Gelsenkirchen im Mai dieses Jahres. Zu dieser Zeit gab es im Nahen Osten erneut Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern. Die Wut der jugendlichen Demonstranten traf aber in Deutschland lebende Juden.

"Die haben vor der Synagoge gerufen 'Scheiß Juden, scheiß Juden'", erzählt Yilmaz den Schülerinnen und Schülern. "Und in der Begründung haben sie gesagt: 'Wir wollten Israel kritisieren'. Also, wenn man Israel kritisiert, dann gehe ich nicht vor eine Synagoge", stellt der Seminarleiter klar.

Schüler wollen künftig auch andere aufklären

Durch solche Schilderungen wird den Jugendlichen im Verlauf des Seminars immer bewusster, was es heißt, als Jude in Deutschland zu leben. Die 15-jährige Kader Hazal ist bedrückt: "Vielleicht sind die Juden sich bis heute noch nicht sicher, ob sie einfach durch die Straßen laufen können, ohne nach hinten schauen zu müssen."

Aziz sagt, er wolle versuchen zu helfen, dass Juden in Deutschland ihre Identität nicht verstecken müssen. Der Entschluss der Schülerinnen und Schüler steht fest: Sie wollen von jetzt an auch andere Menschen aufklären - und gemeinsam gegen Antisemitismus kämpfen.​

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2021 um 22:35 Uhr.