Das Dorf Artern von oben | MDR

tagesthemen #mittendrin Trocken wie in der mongolischen Steppe

Stand: 01.09.2020 11:07 Uhr

So wenig Regen wie in Artern gibt es sonst nur in der mongolischen Steppe. Aber Artern liegt in Thüringen - es ist Deutschlands trockenster Ort. Wasser ist hier ein Luxusgut. Besuch in einer Kleinstadt auf dem Trockenen.

Von Julia Grünwald und Matthias Koch, MDR

Trockenster Ort Deutschlands: Auf diesen Titel würde Arterns Bürgermeister Torsten Blümel am liebsten verzichten. Viel lieber aber noch auf die Aufgaben, die ihm die Trockenheit in der Kleinstadt bescheren.

So sind aktuell 80 Prozent der Nadelbäume auf dem Friedhof eingegangen, weil es an Wasser fehlt. Das gleiche Schicksal droht in den kommenden Jahren auch den Laubbäumen, die schon jetzt ihre braunen Blätter verlieren. Und das, obwohl der Herbst erst bevorsteht. Einfach gießen, das würde das Problem nur kurzzeitig lösen.

Torsten Blümel, Bürgermeister von Artern | MDR

Torsten Blümel ist Bürgermeister von Artern. Bild: MDR

Denn Wasser ist in Artern zum Luxusgut geworden. Einen Anschluss an das Trinkwassernetz gibt es noch nicht. Und so ist der Ort auf Wasser aus zahlreichen Brunnen angewiesen. Doch weil der Grundwasserspiegel seit Jahren sinkt, sind zunehmend Alternativen gefragt.

Auch bei der örtlichen Feuerwehr. Die Zeiten, in denen die Einsatzkräfte Löschwasser ungehindert aus den Seitenarmen der Unstrut entnehmen konnten, sind langsam, aber sicher vorbei. Denn ähnlich wie die Böden trocknen auch die Flüsse in der Umgebung aus.

Immer öfter helfen daher Landwirte bei Großbränden mit Löschwasser auf Güllelastern aus - aus den eigenen Vorräten.

Idylle in Problemlage

Das Land um Artern ist flach und der Boden durch die Nähe zur Unstrut fruchtbar. Eigentlich ein paradiesisches Tal für die mehr als 5000 Menschen. Wenn da nicht das Problem mit dem fehlenden Niederschlag wäre.

Zwar deuten sich oft dunkle Gewitterwolken an, doch die regnen sich meist schon an den umliegenden Gebirgen ab. Artern wird umrahmt vom Harz, Thüringer Wald und dem Kyffhäuser. Im eingekesselten Ort kommen dann nur Tropfen an. Wind und warme Temperaturen lassen den wenigen Niederschlag schnell verdunsten.

In keiner anderen der 2000 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes wird in der Summe so wenig Niederschlag gemessen wie in Artern. Seit 2018 verzeichnet der DWD für den Ort einen besonders drastischen Rückgang. Hinzu kommt der Klimawandel, der für zunehmende Hitzetage sorgt. Meteorologen rechnen damit, dass der Grundwasserspiegel wie in vielen Regionen in Deutschland dadurch weiter sinken wird. Das hätte drastische Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität der Menschen und auf die Lebensbedingungen für die Tier-und Pflanzenwelt.

Staubtrockene Felder in Artern | MDR

Die Landwirtschaft rund um Artern leidet massiv unter der Dürre. Bild: MDR

Feld bei Artern mit Mauselöchern | MDR

Neben der Dürre bereiten Mäuse große Probleme. Bild: MDR

Und dann auch noch Mäuse

Die Auswirkungen sind in der Landwirtschaft schon jetzt spürbar. Der dritte Dürresommer in Folge ist auch an Landwirtin Beatrix Kummer nicht ohne Verluste vorbeigegangen. 23 Mitarbeiter bewirtschaften rund 3000 Hektar rund um Artern. Gerade wurde der Weizen geerntet. Wieder mit 30 Prozent Ausfall. Eine Entwicklung, die sich im vergangenen Jahr bereits angekündigt hatte. Einen Großteil der Feldfrüchte haben Mäuse gefressen. Die kleinen Nager haben sich zusätzlich zum Wassermangel zu einem echten Problem in der Region entwickelt. Milde Winter, wenig Nässe - eine Kombination, die ihnen ideale Lebensbedingungen bietet.

Wenn Angler von Fischen träumen

Ein ganz anderes Bild zeigt sich hingegen an der Unstrut - vor allem in ihren Seitenarmen. Wo früher Angler wie Heinz Grolle unzählige Fische herausgezogen haben, ist nun stinkendes Sumpfland. Karpfen, bis zu einem Meter groß - davon können die Angler vom Anglerverein nur noch träumen. Zu warm ist das Wasser über die Dürresommer geworden, zu niedrig der Wasserstand. Die Fische bekommen wie vielerorts in Deutschland in Seen und Flüssen zu wenig Sauerstoff und verenden. Eine Entwicklung, die kaum noch aufzuhalten scheint.

Eine langfristige Lösung haben auch die Kleingärtner in Artern nicht. Derzeit heißt es: haushalten und abwägen. Viele von ihnen haben ausschließlich Regenwasser zum Gießen. Pro Tag und Garten können da schon mal 200 Liter zusammenkommen. Da muss es Abstriche geben. Gegossen wird oft nur, was frisch gepflanzt ist.

Artern: Angler Heinz | MDR

Angler wie Heinz Grolle erinnern sich noch an bessere Zeiten. Bild: MDR

Die Aussichten: trocken

Ob im Kleingarten oder bei der Trinkwasserrechnung - das Thema Trockenheit ist in Artern für viele ein alltägliches Gesprächsthema geworden.

Meteorologen machen allerdings nur wenig Hoffnung, dass sich dieser Zustand in den nächsten Jahren ändern wird. Insgesamt könnten die Niederschlagsmengen zwar wieder steigen, das Problem sind aber weiterhin die ausgetrockneten Böden. Sie können das Wasser bei einem Gewitter nur bedingt aufnehmen. Der Großteil des wertvollen Niederschlags würde somit nicht ins Grundwasser gelangen. Ein Teufelskreis.

Den könnte nur Landregen durchbrechen - über Stunden oder besser noch: über Tage. Doch davon ist in der Region rund um Artern vorerst nichts in Sicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. September 2020 um 22:15 Uhr.