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Sexueller Missbrauch an Schulen Loswerden, was einen nicht loslässt

Stand: 28.04.2021 12:08 Uhr

Mit einer großen Kampagne will die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Erwachsene ermutigen, ihre Erlebnisse von Übergriffen und Gewalt an Schulen zu offenbaren. Der Appell richtet sich auch an Zeitzeugen.

Reden, worüber jahrelang niemand reden konnte - die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat Erwachsene dazu aufgerufen, über mögliche frühere Missbrauchserfahrungen in der Schule zu berichten. Mit einem Fernsehspot, Aufrufen im Netz und Plakaten sollen Menschen dazu ermutigt werden, ihre Erlebnisse vertraulich zu schildern. Auch Zeitzeugen können sich melden. Sie seien wichtig, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie mit Grenzverletzung und sexueller Gewalt im Kontext Schule umgegangen worden sei, sagte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen in Berlin. "Die persönlichen Geschichten von Betroffenen haben eine besondere Kraft und bilden die Grundlage unserer Arbeit."

"Die Zeit ist reif, dass nicht nur Betroffene sprechen"

Die Bundesregierung hatte die Expertenkommission 2016 eingesetzt, um Missbrauch in verschiedenen Bereichen aufzuarbeiten, etwa in der Familie, in Sportvereinen oder im sozialen Umfeld. Nun geht es um den Bereich Schule.

Frau mit Schulranzen neben Text "Werden Sie los, was Sie nicht loslässt" | Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung

Bild: Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung

Kern der Untersuchungen sind vertrauliche Anhörungen und Berichte von heute erwachsenen Betroffenen. Ziel des Aufrufs sei es, die Kulturen und Strukturen zu untersuchen, "die dazu beigetragen haben, dass Kinder sexualisierte Gewalt erfahren haben und mit dazu beigetragen haben, dass ihnen gar nicht oder zu spät geholfen wurde". Bei Fällen des sexuellen Missbrauchs in Schulen gebe es nicht nur Betroffene, sondern häufig auch Zeitzeugen. "Die Zeit ist reif, dass nicht nur Betroffene sprechen, sondern auch diese Dritten", sagte Andresen.

Woran scheiterte Hilfe?

Es solle untersucht werden, welche Bedingungen den Missbrauch an Schulen ermöglicht hätten und welche Strukturen und Haltungen dazu beigetragen hätten, dass Gewalt verschwiegen und Aufklärung verhindert worden sei. Die Experten wollen zudem herausfinden, wie betroffenen Kindern und Jugendlichen geholfen wurde und woran Hilfe gescheitert ist.

Unter dem Motto "Werden Sie los, was Sie nicht loslässt" wirbt die Aufarbeitungskommission daher nun mit einem Spot und mehreren Motiven dafür, dass sich Menschen ihr anvertrauen. Mit dem Aufruf solle Betroffenen und Zeitzeugen die Möglichkeit gegeben werden, "sich von ihrer Last zu befreien", erklärte Andresen. Über die eigenen Erfahrungen zu sprechen und Anerkennung zu erfahren, könne das Leben mit persönlichen Erfahrungen erleichtern. Leitmotiv der Kampagne sind Erwachsene, die einen Schulranzen tragen. Dieser soll die in der Kindheit erlebte sexuelle Gewalt als eine Erfahrung symbolisieren, die bis weit ins Erwachsenenalter hineinwirken kann.

Im Schnitt ein bis zwei betroffene Kinder pro Klasse

Wie die Kommission erklärte, hatten manche Betroffene bereits davon berichtet, dass sie ihre Schule als Schutzort erlebten, insbesondere wenn sie in der Familie sexuelle Gewalt erlitten und durch Lehrkräfte Hilfe erfahren haben. Andere berichteten dagegen von Übergriffen durch Erwachsene und Mitschüler. Einige erzählten auch davon, dass sie Hilfe bei anderen Lehrern suchten, sie aber meist nicht erhielten. Experten gehen aktuell davon aus, dass statistisch gesehen im Schnitt etwa ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexueller Gewalt betroffen sind.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. April 2021 um 12:00 Uhr.