Flüchtlinge in Deutschland. | Bildquelle: dpa

Studie zu Migration und Populismus "Angriff auf die heile Welt"

Stand: 06.11.2018 15:53 Uhr

Ist die Flüchtlingskrise Ursache für den Aufstieg des Populismus in Europa? So einfach ist es nicht, besagt eine Studie der TU Dresden. Migration sei vor allem der Katalysator für tiefer gehende Konflikte.

Die Ankunft von mehr als einer Million Asylbewerbern hat in Deutschland alte Konfliktlinien in der Bevölkerung wieder aufbrechen lassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Forschern der Technischen Universität Dresden, an der die Universität Duisburg-Essen mitgewirkt hat. Grundlage der Studie waren unter anderem bereits veröffentlichte Untersuchungen zu einzelnen Aspekten.

"Die 'Flüchtlingskrise' hat latente Konfliktlinien in und zwischen den europäischen Gesellschaften offengelegt oder verschärft", sagte Hans Vorländer, der Direktor des interdisziplinären Mercator Forschungszentrums. Dass rechtspopulistische Einstellungen gerade in Sachsen stark verbreitet sind, hat laut Studie auch damit zu tun, dass die Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre oft "als Angriff auf die 'heile Welt' ethnokultureller Beschaulichkeit interpretiert" wird.

"Kollektive Kränkungserfahrung"

Die Populismusneigung in diesem Bundesland mit ökonomischen Abstiegsängsten oder Bildungsfragen zu erklären, greife zu kurz, erklären die Forscher. Wichtiger seien kollektive "Kränkungs-, Abwertungs- und Deklassierungserfahrungen" als Folge der politischen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen nach der Wiedervereinigung.

Bei der Bundestagswahl 2017 war die AfD in Sachsen mit 27 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft geworden, mit hauchdünnem Abstand vor der CDU. Bei Anhängern der AfD seien "Ängste vor einer Entwertung der eigenen Lebensweise, der eigenen Kultur und der gemeinsamen Identität als Grundlage kollektiver Solidarität" festzustellen - allerdings nicht nur in Sachsen, stellten die Autoren fest.

"Regionale Spaltungen werden sichtbar"

"Durch Migration werden regionale und landesspezifische Spaltungen sichtbar - etwa zwischen Ost und West in Deutschland, zwischen Norden und Süden in Italien und zwischen Zentrum und Peripherie in Großbritannien", heißt es zudem in der Studie "Migration und Populismus". Diese latenten Konflikte seien teils kultureller, teils sozioökonomischer oder politischer Natur.

Die "Flüchtlingskrise" sei somit nicht Ursache, sondern Katalysator für den um sich greifenden Populismus. Neben Deutschland untersuchte das 14-köpfige Forscherteam acht weitere Staaten, darunter Italien, Großbritannien, Österreich, Polen, Ungarn, Tschechien und die Niederlande.

In Schweden ist nach Ansicht der Studie unter anderem ein "Wohlstandschauvinismus" ursächlich für den Erfolg der Rechtspopulisten.

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"Beeinflussung durch gezielte Politisierung"

"Viele der heute aufbrechenden Konflikte waren schon da, fanden aber noch keine Artikulation", unterstrich Vorländer. Die Studie zeige auch, dass der starke Anstieg der Zahl ein- und durchreisender Flüchtlinge und Migranten nur anfänglich entscheidend für die Mobilisierung einer rechtspopulistischen Anhängerschaft gewesen ist.

Heute profitierten rechtspopulistische Parteien vor allem von der nach wie vor großen Bedeutung des Themas Migration in der Öffentlichkeit. Diese stehe nicht mehr in direktem Zusammenhang zu der Zahl der ankommenden Asylsuchenden, sondern werde "durch starke Medialisierung und gezielte Politisierung beeinflusst", sagte Vorländer.

"Verschobene Debatte"

Generell sei die Einstellung gegenüber Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten in vielen EU-Länder aber auch im Zuge der Flüchtlingskrise nicht negativer geworden, sagte Vorländer. Ausnahme: die Länder Mittel- und Osteuropas.

Für rechtspopulistische Parteien sei die öffentliche Bedeutung des Themas Migration zentrale Voraussetzung für die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft. Dabei hätten Rechtspopulisten maßgeblich zu einer Verschiebung der Debatte hin zu einer vornehmlich negativen Darstellung von Asylsuchenden beigetragen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. November 2018 um 15:30 Uhr.

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