Friedrich Merz | Bildquelle: dpa

Friedrich Merz Der Selbstbewusste

Stand: 06.12.2018 19:42 Uhr

Merz punktet, weil er anders auftritt als Merkel. Er ist selbstbewusst bis laut. Das überdeckt, dass er sich inhaltlich oftmals vergaloppiert. Aber er hat gute Chancen - denn er erfüllt Sehnsüchte in der CDU.

Von Alex Krämer und Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

"Mein Name ist Friedrich Merz. Mit e." So stellte sich der 63-Jährige bei seiner Rückkehr auf die politische Bühne vor. 1,98 Meter pures Selbstbewusstsein - Selbstzweifel: nicht erkennbar. "Ich formuliere das wirklich ambitioniert, aber ich glaube daran und stände nicht hier, wenn ich es nicht wirklich selber glauben würde: Wenn wir das schaffen, dann kann die Partei bei bundesweiten Wahlen wieder bis zu 40 Prozent erreichen. Und dann traue ich mir zu, die AfD und ihre Wähler zu halbieren."

Zurück in Vor-Merkel-Zeiten?

Fast 15 Jahre war Merz verschwunden aus der ersten Reihe der Politik. Seine Kernbotschaft: Echt viel schief gelaufen, während ich weg war."Ja, wir haben Koalitionen gemacht, machen müssen, auch mit den Sozialdemokraten. Aber lassen Sie mich das mal deutlich sagen: Wir müssen ja nun nicht alle Positionen übernehmen, die die Sozialdemokraten richtig finden."

Solche Sätze versprechen, ohne dass Merz es aussprechen muss, ein Zurück in Vor-Merkel-Zeiten. Und wer 15 Jahre weg war, von dem haben die Leute keine Details mehr im Kopf. Vielleicht noch die Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Irgendwie ist Merz vertraut und trotzdem neu. Gepaart mit seinem Selbstbewusstsein macht ihn das zur idealen Projektionsfläche für die Wünsche der Partei-Mitglieder.

Merz will bei Konservativen punkten

"Er hat natürlich einen gewissen Nimbus, einen gewissen Mythos aus der Zeit, als er Fraktionsvorsitzender war. Da haben die Menschen ihn noch in sehr guter Erinnerung", sagt Jan Marco Luczak, Bundestagsabgeordneter aus Berlin und Delegierter beim Parteitag in Hamburg.

Als Parteivorsitzender müsse man natürlich alle Parteiströmungen verkörpern. Und "das Christlich-Soziale, das ist nicht das, was momentan mit ihm verbunden wird", erklärt Luczak. Das müsse Merz "noch stärker herausarbeiten, um diesen Flügel, auch ein starker und wichtiger Flügel der Union, mit einzubinden".

Das aber macht Merz nicht. Im parteiinternen Wahlkampf versucht er eher bei Konservativen zu punkten: "Ich bin schon seit langer Zeit der Meinung, dass wir bereit sein müssten, über dieses Asylgrundrecht offen zu reden, ob es in dieser Form fortbestehen kann, wenn wir ernsthaft eine europäische Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik wollen."

Einen Tag später - nachdem so ziemlich jeder deutsche Asylrechtler erklärt hat, dass Grundgesetz-Artikel 16a kaum noch eine Rolle spielt - macht Merz die Kehrtwende: "Für alle Interessierten nochmal zum Mitschreiben: Ich bin für die Beibehaltung des Grundrechts auf Asyl. Punkt."

"Gehobene Mittelschicht"?

15 Jahre weg, das heißt auch: Raus aus den Themen, raus aus den Details, raus aus der Übung des Spitzenpolitikers, der sich gut vorbereitet. Warum er Aktien als Altersvorsorge für alle super findet, das kann er noch erklären. Aber gefragt nach dem großen Vermögen, das er in der Zwischenzeit verdient hat, inklusive Privatflugzeuge, kommt Merz ins Schwimmen. Er erklärt sich zur "gehobenen Mittelschicht", das wirkt abgehoben.

Aber Merz erfüllt Sehnsüchte, nach 18 Jahren mit der moderaten Merkel: "Es tut der Partei gut, einen Wirtschaftsprofi zu haben", sagt Armin Schuster, Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg und ebenfalls Delegierter  beim Parteitag. "Der eine oder andere" hätte zudem "vielleicht gerne mal wieder einen Mann". Merz gehe vermutlich mehr Risiko ein. Deshalb mache er vermutlich auch mehr Bauchlandungen. "Das muss man dann auch einfach mögen und aushalten können", so Schuster.

Merz ist vor 15 Jahren im Krach mit Merkel gegangen. Das sei lange her, sagt er heute. "Zwischen Angela Merkel und mir gibt es nichts zu versöhnen. Wir haben uns in den letzten Jahren häufiger getroffen, unterhalten und gut verstanden." Merz weiß: Die Delegierten legen keinen Wert darauf, mit der Wahl eines neuen Vorsitzenden gleich die ganze Große Koalition in die Luft zu jagen. Schon gar nicht bei den miesen Umfragewerten zurzeit.

Breitbeinig und laut

Unterm Strich: Merz punktet, weil er anders auftritt als Merkel. Männlich breitbeinig, selbstbewusst bis laut, mit einem klar konservativen Weltbild. Das überdeckt, dass er sich inhaltlich immer wieder vergaloppiert, weil er sich in Details nicht auskennt. AfD-Wähler kann er sicher gewinnen, FDP-Wähler garantiert, Grünen-Anhänger eher nicht.

Die Gelegenheit, das Etikett "neoliberaler Wirtschaftsmann" abzustreifen, hat Merz bisher nicht wirklich genutzt. Das kann zum Problem werden, wenn es um die Mehrheitsfähigkeit auf dem Parteitag geht. Aber er spielt definitiv weit vorne mit - zumal Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der ohnehin schon als einflussreicher Mitorganisator von Merz' Kandidatur galt, jetzt auch öffentlich für ihn wirbt.

Porträt Friedrich Merz
Alex Krämer, ARD Berlin
06.12.2018 14:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Oktober 2018 um 20:00 Uhr.

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