Angela Merkel | Bildquelle: REUTERS

Digitaler Bürgerdialog Sprechstunde mit der Kanzlerin

Stand: 12.11.2020 17:23 Uhr

Wenn Politik auf Realität trifft - dann ist Bürgerdialog. Bislang nicht unbedingt eine Stärke der Kanzlerin, und das Corona-bedingte Digitalformat macht es nicht einfacher. Wie hat sich Merkel im Gespräch mit Auszubildenden geschlagen?

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Gerade, als die Kanzlerin sich so richtig in den digital übertragenen Video-Dialog mit 18 Auszubildenden und deren Ausbildern eingefunden hat, droht die Stimmung zu kippen. Eine Hotelbesitzerin aus Berchtesgaden gibt Einblick in ihre verzweifelte Lage und fragt ganz konkret: "Können wir am 1. Dezember wieder öffnen?" Sie müsse das wissen, sie wisse im Hotel ohne Gäste sonst nicht mehr wohin mit ihren neun Auszubildenden.

Der Druck, unter dem viele Unternehmen durch die Corona-Beschränkungen stehen, schwappt via Internet ins Kanzleramt. Dort sitzt Angela Merkel in einem poppig wirkenden orangefarbenen Sessel, neben ihr nur der Moderator, und überlegt.

Was soll sie jetzt sagen? Soll sie zugeben, dass die Politik nicht weiß, ob zu Beginn des nächsten Monats Hotels wieder öffnen können? Dass die Ansage von ihr und den Ministerpräsidenten, vier Wochen Teile des öffentlichen Lebens runterzufahren, eben doch nur eine vorläufige war - und man das Infektionsgeschehen weiter beobachten muss, bevor diese so konkrete Frage beantwortet werden kann?

Angela Merkel | Bildquelle: AP
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Einfach mal reden: Kanzlerin Merkel im virtuellen Dialog mit Auszubildenden.

Luftholen und ausweichen

Merkel holt tief Luft und sagt nur: "Wir müssen da alle ganz vernünftig sein." Sie weicht der Antwort spürbar aus und geht kurz über in Merkel'sche Ausführungen, wie man sie inzwischen aus ihren jüngsten Pressekonferenzen und Regierungserklärungen kennt: Es sei entscheidend, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder auf 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tage sinke.

Doch die bayerische Ausbilderin legt mit noch dringlich klingender Stimme nach: "Wir müssen öffnen - das ist ganz schlimm bei uns." Merkels Antwort: "Ich weiß das, auch dass sie besonders betroffen sind - ermuntern sie alle anderen, auf unnötige Kontakte zu verzichten": Die Kanzlerinnenantwort lässt die Fragerin sichtlich unzufrieden zurück, auch wenn sich die Kanzlerin bemüht auf sie einzugehen. Dann könne man das schaffen. Wann, sagt sie nicht.

Der erste von vier digitalen Bürgerdialogen

Es ist der erste von vier digitalen Bürgerdialogen, den das Kanzleramt jetzt in der Corona-Krise anbietet, quasi ein Live-Experiment: Politik trifft Realität. Merkel hatte dies eingangs sehr persönlich begründet. Ihre fehle bei ihrer Arbeit in diesem Jahr "schon sehr, dass ich nicht so viele Menschen treffen kann". Sie wolle schließlich nicht dauernd in Quarantäne sein.

Doch hinter den persönlichen Worten steckt auch die Erkenntnis der Regierenden, dass mehr erklärt werden muss - unter Pandemie-Bedingungen. Schließlich sind die Freiheiten der Menschen vorübergehend erheblich eingeschränkt, in einem Maße, wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.

Nahbar und zugewandt

Merkel gibt sich nahbar und zugewandt - nicht ganz einfach in dem Digitalformat. Sie hört zu und fragt nach. Zuweilen so intensiv, dass der Moderator zum Ende hin Mühe hat, noch alle Fragen in den geplanten anderthalb Stunden unterzubringen. Minutenlang unterhält sie sich mit einer Auszubildenden über deren Enttäuschung, dass viele der Firmen-Absagen auf ihre Bewerbungen keine Begründung enthielten.

"Ich finde das etwas unfair, wenn man keine Verbesserungsvorschläge bekommt, finden Sie nicht?", fragt die junge Frau die Kanzlerin via Bildschirm. "Ich vermute mal, dass Sie gar nichts hätten besser machen können", antwortet diese fast mütterlich. Vermutlich seien die Unternehmen im Corona-Stress mit Kurzarbeit oder anderen Sonderproblemen gewesen. Es wird ein persönliches Zweiergespräch - wie so oft in diesen 90 Minuten Digitaldialog.

Sicher wäre es besser gewesen, sagt Merkel in Richtung Bildschirm, die Unternehmen hätten ihr wenigstens das beschrieben, "damit Sie die Schuld nicht bei sich suchen müssen". Das zeige, wie wichtig es sei, was man als Antwort bekomme, damit man nicht deprimiert zuhause sitze. Die junge Frau nickt, fühlt sich offenbar verstanden. Kein Vergleich zu der steifen und ungelenken Merkel von 2015, die damals bei einem Bürgerdialog das 14-jährige Flüchtlingsmädchen Reem mit einer schonungslosen Antwort zum Weinen brachte.

Auch der "Lehrling des Monats" aus Wiesbaden wird an diesem Mittag von Merkel mit Fragen zu seinem Alltag gelöchert. Der junge Mann kam vor fünf Jahren aus Afghanistan. Ob er auch manchmal für seine deutschen Kumpels koche, wollte Merkel irgendwann wissen. Nee, das sei nicht so sein Ding, antwortet er. "In Deutschland müssen Männer auch kochen", witzelt Merkel dann, nachdem sie sich bereits minutenlang über seine in so kurzer Zeit erworbenen Sprachkenntnisse begeistert hatte.

Merkel versteht

Der Dialog wird zum Panoptikum der großen Merkel-Themen der vergangenen Jahre - jenseits von Corona. Sei es die Migrationspolitik, sei es der Klimaschutz. "Was geben Sie unserer Generation mit, die irgendwann mal die Führung in Deutschland übernehmen muss", fragt eine 18-jährige Auszubildende im technischen Produktdesign. Die Pandemie als Warnung zu nehmen, auf Naturkatastrophen vorbereitet zu sein, sagt Merkel. Und zu verstehen, von der Erde nicht mehr zu verbrauchen als wir regenerieren können: "Wir müssen ein gutes Miteinander mit der Natur finden".

"Verstehe ich", sagt sie oft zu den Sorgen der Jugendlichen und fragt einige, ob die Ausbildung am Computer zuhause statt im Betrieb nicht einsam mache in Corona-Zeiten. Es wirkt nicht aufgesetzt. Mensch Merkel.

Merkel im Small-Talk mit Auszubildenden
Sabine Henkel, ARD Berlin
13.11.2020 10:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. November 2020 um 16:50 Uhr.

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