Roter Medibus fährt auf Landstraße. | HR
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tagesthemen mittendrin Medicus im Medibus

Stand: 02.11.2020 09:02 Uhr

Wenn der Hausarzt mit dem Bus kommt - dann ist Landarztmangel. So auch in Nordosthessen. Der Medibus, die rollende Arztpraxis, füllt die Lücke - doch das erfolgreiche Projekt steht vor dem Aus.

Von Jochen Schmidt, HR

Es braucht nicht viele Worte, um das Problem auf den Punkt zu bringen: "Ohne den Medibus sind wir aufgeschmissen", sagt Patientin Marion Steinbach-Hugo. Der Medibus, eine Art rollende Hausarztpraxis, tourt seit zweieinhalb Jahren regelmäßig durch Nordosthessen, streng nach Fahrplan. Vier Dörfer und die Kleinstadt Sontra fährt er an. Als Hausarztersatz.

Jochen Schmidt

An Bord ist Ärztin Doris Gronow. Sie untersucht gerade die Wirbelsäule von Marion Steinbach-Hugo. Seit einer Rücken-OP muss sie regelmäßig zur Kontrolle. Eigentlich keine große Sache. Eigentlich. "Sie kriegen in ganzen Landkreis Hersfeld-Rotenburg keinen Hausarzt mehr. Die paar, die es noch gibt, haben die Praxis so übervoll, die nehmen niemanden mehr."

Der nächste freie Hausarzt - 80 km entfernt

Die nächste große Stadt ist Eisenach, rund 25 km von Nentershausen, einem der vier Dörfer, entfernt. Aber jenseits der Landesgrenze, daher dürfen Patienten aus Hessen dort nicht hin. Bleibt also Kassel. "80 Kilometer und zurück - nur, um zum Hausarzt zu kommen? Das kann's nicht sein", findet Steinbach-Hugo.

Der Medibus ist die Rettung. Eine komplett ausgestattete Hausarztpraxis, mit allem, was man braucht: EKG, Labor, sogar Ultraschall. Auf die Räder gestellt und finanziert von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). 600.000 Euro, auf zwei Jahre gerechnet, kostet das Projekt - und damit mehr als eine normale Arztpraxis. Trotzdem gut angelegtes Geld, denn - es gibt keinen Arzt, jedenfalls keinen, der noch Patienten aufnimmt.

Medibus

Die rollende Arztpraxis hat alles, ...

Innenraum eines Medibusses | HR

... was nötig ist: EKG, Labor, Ultraschall. Bild: HR

"Wer will schon Landarzt werden?"

Eigentlich regelt die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) die flächendeckende ambulante medizinische flächendeckende Versorgung. In allen Regionen gibt es eine bestimmte Zahl an Arztsitzen. Das Problem: In ländlichen Gebieten können viele nicht mehr besetzt werden. 5,5 Arztsitze sind allein in Nentershausen, Herleshausen, Cornberg, Weißenborn und Sontra frei. Seit Jahren findet sich niemand, um sich hier in der eher strukturschwachen Gegend zwischen Kassel und Eisenach niederzulassen. Die KV muss zwar qua Gesetz die medizinische Versorgung überall im Land sicherstellen, aber das klappt nicht.

"Das ewige Argument der Sicherstellung", stöhnt Eckhard Starke vom Vorstand der KVH. "Das nehmen wir auch ernst." Tatsächlich aber sieht er sich dazu außerstande. Das habe verschiedene Gründe. Gerade junge Ärzte würden lieber im Krankenhaus oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum als Angestellte arbeiten. "Verantwortung für eine eigene Praxis will kaum jemand übernehmen." Und da sei ja auch noch das Problem mit der Region in Nordosthessen: liebenswert, wenn man die Ruhe sucht, aber das Leben tobt woanders, resümiert Starke.

Der Medibus kann nur die Lücke füllen

Deshalb der Medibus, die rollende Alternative. "Aber er ist kein vollwertiger Ersatz", warnt Gronow, die Ärztin an Bord. Oft kämen gerade ältere Leute mit schweren gesundheitlichen Problemen. Eine intensive Betreuung, wie sie Hausärzte leisten können, fällt aus. "Wir dürfen und können keine Hausbesuche machen", erklärt die Medizinerin. Eine wirkliche Begleitung finde so nicht statt. In Nentershausen zum Beispiel steht der Medibus immer Montagsvormittag und Dienstagnachmittag. Wer ihn außerhalb dieser Tage braucht, muss bis zum nächsten Mal warten. So gut der Medibus auch ist - er ist nur ein Lückenfüller.

Einige Personen warten vor einem Medibus. | HR

Eine intensive Betreuung, wie sie Hausärzte leisten können, kann der Medibus aber nicht leisten. Bild: HR

Vom Rettungshubschrauber in den Medibus

Und doch schwärmt die Ärztin von ihrem Arbeitsplatz. Viele Jahre hat sie als Notärztin gearbeitet, im Rettungswagen und im Hubschrauber. Und jetzt eben in einem Bus. Es war eine Herausforderung für die 60-Jährige, die eigentlich in Linz am Rhein wohnt, 250 Kilometer entfernt. Montags bis Donnerstags lebt sie in Nordhessen, am Wochenende ist sie bei ihrem Mann. Schon oft ist sie gefragt worden, warum sie nicht gemeinsam umziehen, sich irgendwo auf den Dörfern niederlassen. Aber da winkt sie jedes Mal ab. Das lohnt sich einfach nicht, für die paar verbleibenden Berufsjahre.

Streit um die Finanzierung

Und ihr Job wackelt sowieso. Der Medibus ist befristet bis Jahresende, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen. "Wer ihn auch im kommenden Jahr haben will, muss sich beteiligen", fordert KVH-Vorstand Starke.

Das wiederum bringt die Bürgermeister auf die Palme. Ihr Argument: Gesundheitsvorsorge sicherzustellen ist die ureigene Aufgabe der KV. Für die Kommunen ist das allenfalls eine freiwillige Leistung - und die Kassen sind klamm.

Trotzdem haben die vier Dörfer gemeinsam mit Sontra dort schon vor zwei Jahren ein interkommunales Ärztehaus gegründet: Platz für vier Hausärzte auf 1300 Quadratmetern. Die KV aber kann bislang keine Mediziner liefern, also haben die Bürgermeister jetzt eigene Headhunter beauftragt. Gesucht: Landärzte.