Sabine Stoof | Bildquelle: Martin Kobold

Leben in der DDR Schmerzlicher Blick in eigene Vergangenheit

Stand: 08.11.2019 10:37 Uhr

Drei Jahrzehnte nach der Wende macht sich die ehemalige Lehrerin Sabine Stoof an die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Sie glaubte an das DDR-System und gibt sich Mitschuld am langen Bestehen des Regimes.

Von Birgit Wärnke, NDR

Ein Bügelbrett in der Mitte des Raumes, darauf ein gut gefüllter Wäschekorb. Daneben ein Hometrainer. Rundherum Regale mit alten Spielsachen und Büchern. Ein Hobbykeller, wie er in vielen deutschen Einfamilienhäusern zu finden ist: sortiert und aufgeräumt. An der Wand steht ein Schrank, aus dem Sabine Stoof eine Kiste mit alten Fotos nimmt.

Sie geht auf eine kleine Reise zurück in ihre Vergangenheit. Eine Reise zurück in einen untergegangenen Staat, an den sie geglaubt und den sie lange gestützt hat. Eigentlich wollte Stoof Säuglingsschwester werden, das ging aber nicht. Es gab schon zu viele. In der DDR hatte der Staat genau ermittelt, in welchen Berufen Menschen gebraucht wurden und in welchen nicht. Auch das gehörte zur Planwirtschaft.

Überzeugt vom System

Arbeitslose gab es de facto kaum. Stoof wurde Lehrerin für Geschichte und Deutsch. Mit 18 Jahren trat sie in die Sozialistische Einheitspartei ein, war 1969 eine von über 1,5 Millionen SED-Parteimitgliedern. Die junge Stoof war überzeugt, dass die DDR das bessere System ist. Sie wurde Parteisekretärin und vertrat die Ideologie des Staates: "Nur der Sozialismus ist Frieden. Frieden ohne Sozialismus gibt es nicht. Kapitalismus ist immer Krieg."

Stoof war Trägerin des Systems, stand auf der Seite der Macht. "Du konntest in der DDR kein Individuum sein" erzählt sie. Und: "Jeder war Teil der Gemeinschaft." Sie organisierte mit ihren Lehrerkollegen Pioniernachmittage, Fahnenappelle und FDJ-Versammlungen. "Wer sich gegen den Staat und seine Organisationen gestellt hat, der ist als Lehrer herausgeflogen", sagt sie. Mit dem Mauerfall brach für Stoof alles weg, woran sie jahrelang geglaubt hatte.

Sabine Stoof steht mit Schülern auf dem Pausenhof ihrer ehemaligen Schule in der DDR. | Bildquelle: privat
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Die ehemalige Lehrerin Stoof organisierte in der DDR mit ihren Lehrerkollegen Pioniernachmittage, Fahnenappelle und FDJ-Versammlungen.

Prozess der Aufarbeitung

Und es wurde für sie noch viel schlimmer. Sie erfuhr nach und nach, was die DDR wirklich war, was sie als junge Frau nicht gesehen hatte oder vielleicht auch nicht sehen wollte. 1989 ist Stoof 37 Jahre alt. Sie musste ihr bisheriges Leben und ihre Überzeugungen komplett in Frage stellen - ein schmerzlicher Prozess der Aufarbeitung. Viele Jahre lang kostete er sie Kraft und Tränen.

Heute - 30 Jahre nach dem Mauerfall - gesteht sich die ehemalige Lehrerin ein, sie trage mit dafür Verantwortung, dass die DDR so lange existieren konnte. "Ich habe zu meinen Schülern immer gesagt, geht euren eigenen Weg, seid individuell. Das ging aber in einer Diktatur nicht. Das ist meine Schuld. Ich habe ihnen eine Aufgabe gegeben, die sie nicht erfüllen konnten."

Frage der Schuld

Stoof setzt sich mit der Frage der Schuld und ihrer Rolle in der DDR auseinander. Sie überlegt, noch einen Schritt weiterzugehen und Einsicht in ihre Stasi-Akte zu beantragen. Aber sie zögert. Sie sei ja kein Opfer des Systems gewesen, sagt sie, habe das System vertreten. Trotzdem hat sie den Wunsch, ihre Akte zu beantragen. Dann, so meint sie, könnte sie vielleicht besser mit der Vergangenheit abschließen.

Aber was könnte herauskommen? Was könnte in ihrer Stasi-Akte stehen? Dass jemand von ihren Lehrerkollegen, Nachbarn, Freunden oder jemand aus der Familie sie bespitzelt hat? "Was passiert, wenn ich etwas erfahre, was mich belastet? Kann ich verzeihen? Kann ich damit umgehen, oder mache ich mich unglücklich mit diesem Wissen?", fragt sie sich.

Sabine Stoof | Bildquelle: privat
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Beim Fall der Mauer ist Stoof 37 Jahre alt. Sie musste ihr bisheriges Leben und ihre Überzeugungen komplett in Frage stellen - ein schmerzlicher Prozess der Aufarbeitung.

Einsicht in Stasi-Unterlagen

Es ist eine schwere Hypothek, die die Menschen aus dem Osten da mit sich herumtragen - das Aufarbeiten der eigenen Geschichte. Zwischen 1991 und 2018 sind 3,26 Millionen Bürgeranträge auf Akteneinsicht bei der Behörde für Stasi-Unterlagen eingegangen.

Es sind nicht alles Erst-Anträge. Viele stellen die Anfrage mehrfach, sie hoffen, dass verschwundene oder zerstörte Akten mit der Zeit zum Vorschein kommen. Denn der Überwachungsapparat in der DDR war gigantisch: 1988 arbeiteten noch knapp 90.000 Hauptamtliche und über 170.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) für den Geheimdienst der DDR. Auf 89 Bürger kam also ein IM.

Grafik: Offizielle und inoffizielle Mitarbeiter der Stasi von 1950-1989
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Die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter erreichte in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt.

Viele offene Fragen

Stoof macht sich nach wochenlanger Grübelei tatsächlich auf den Weg in die Stasi-Unterlagenbehörde nach Berlin. Die Recherchen zu ihrem Antrag auf Akteneinsicht sind abgeschlossen. Die 67-jährige ist angespannt. Es scheint, als würde dieser untergegangene Staat noch immer Macht über seine Ex-Bürger haben. Zumindest wiegt die Vergangenheit schwer.

Im Lesesaal der Unterlagenbehörde bestätigt sich: Ja, es gab einen Spitzel in ihrem Umfeld. Zwei Karteikarten mit spärlichen Informationen belegen das. Aber ihre Akte ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich wurde sie in den letzten Tagen der DDR wie Tausende anderer Akten zerstört. So bleiben viele ihrer Fragen offen. Trotzdem ist Stoof erleichtert. Sie sagt, sie könne jetzt besser abschließen trotz der Gewissheit, dass auch sie als Trägerin des Systems bespitzelt wurde.

Über dieses Thema berichtete die Dokumentation "Einheitsland - Oder doch nicht" am 08. November 2019 um 19:15 Uhr auf tagesschau24.

Korrespondentin

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Birgit Wärnke, NDR

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