Der Schriftzug "Bundesnachrichtendienst" an der Zentrale in Berlin | Bildquelle: AFP

Studiengang für Geheimdienstler Ein Master für Spione

Stand: 02.07.2019 16:21 Uhr

In einem neuen Studiengang werden seit diesem Jahr Nachwuchs-Agenten universitär ausgebildet. Ein Ziel: Die Kooperation zwischen den Behörden verbessern - auch als Lehre aus dem NSU-Skandal.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Ihren wahren Namen darf sie uns nicht sagen. Diese Verschwiegenheit gehört zu ihrem Job. Die 29-Jährige, die sich Luisa nennt, arbeitet beim deutschen Auslandsnachrichtendienst BND.

Wir treffen sie in einem neu gebauten Institut, das direkt neben dem ebenfalls neuen BND-Gebäude in Berlin Mitte steht. Unter anderem hier nimmt Luisa seit Jahresanfang - zusammen mit rund 50 anderen Studierenden - an einem Master-Studiengang teil, der in Deutschland bislang einmalig ist. Sein Titel: "Intelligence and Security Studies". Vereinfacht ausgedrückt: Luisa will Master-Spionin werden.

Dabei hat sie schon vor diesem Master-Studiengang viel Verantwortung übernommen in ihrer zehnjährigen Karriere, auch im Bereich internationaler Terrorismus. Was reizt sie bei all ihrer Berufserfahrung am neuen Studiengang? "Weil ich es unbedingt wollte", platzt es aus der ehrgeizigen BND-Mitarbeiterin heraus. Es sei eine "einmalige Chance", ihre Arbeit wissenschaftlich hinterfragen zu können.

Erfahrungen aus dem NSU-Skandal

Dazu hat sie in ihrem zweijährigen Studium nun unterschiedliche Möglichkeiten: Ihre Dozenten sind nicht nur Juristen, die die rechtlichen Grenzen der nachrichtendienstlichen Arbeit aufzeigen sollen, sondern auch Psychologen, Historiker, Islamwissenschaftler oder Extremismus-Forscher.

Das Themenspektrum ist breit. Eine Unterrichtseinheit befasst sich zum Beispiel damit, soziale Medien wie Facebook und Twitter so im Blick zu haben, dass mögliche Krisensituationen früh erkannt werden können. Ein anderes Modul des Studiengangs wiederum lehrt den umstrittenen Umgang mit Vertrauens-Leuten, also mit Menschen aus der rechtsextremistischen oder islamistischen Szene. Nachrichtendienste werben diese Extremisten bewusst an und bezahlen sie für Informationen aus der Szene, etwa um Anschläge zu verhindern. Gerade im NSU-Skandal gab es viel Zweifel an der Verlässlichkeit und ebenso viel Kritik an der Zusammenarbeit von Diensten mit V-Leuten.

Der Studiengang, so die Hoffnung, soll diese Kooperation professionalisieren. So sollen Psychologen erklären, wann man V-Leuten trauen kann und wann nicht.

Jahrelang kaum Berührungspunkte

In anderen Ländern - zum Beispiel in Großbritannien oder den USA - gibt es schon seit vielen Jahren die Möglichkeit, "Intelligence" zu studieren, etwa am King’s College in London. In Deutschland ist das Vorhaben Neuland. "Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass über viele Jahre Wissenschaft und Nachrichtendienste kaum Berührungspunkte hatten", so Professor Jan-Hendrik Dietrich, einer der beiden Studiengangsleiter. "Wissenschaft fragt nach, kritisiert, analysiert. Das war damals mit der relativ strengen Abschottung der Dienste nach außen nicht zu vereinbaren."

Inzwischen seien die Dienste in Deutschland transparenter geworden. Damit sei auch die Dialogbereitschaft gestiegen. "Und vielleicht hat man auch festgestellt, dass wissenschaftliche Expertise für die nachrichtendienstliche Praxis sehr hilfreich sein kann", so Dietrich.

Die Idee für den Studiengang kam vor rund vier Jahren aus dem Kanzleramt. Allerdings wollte man die Studiengänge, wie sie etwa im angelsächsischen Raum angeboten werden, nicht kopieren. In Deutschland soll primär die Community der Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden angesprochen werden. Das Studium richtet sich an Mitarbeiter des BND, aber auch des Verfassungsschutzes, des Militärischen Abschirmdienstes und der Bundeswehr. Künftig sollen sich auch Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, von Ministerien, des Bundeskriminalamts und des Bundesamts für IT-Sicherheit um Studienplätze bewerben können.

Ein Thema: Wertevermittlung

Während sich für die Studentin Luisa die Möglichkeit der Vernetzung über den BND hinaus bietet, sieht ihr Professor eine Chance, die gleichen Werte zu vermitteln. Angehende Führungskräfte in den Diensten müssten wissen, "wo Grenzen liegen". Gerade auch die Aufarbeitung des NSU-Komplexes habe gezeigt, wie wichtig hier ein behördenübergreifendes Verständnis sei.

Langfristig sollen sogar ausländische Streitkräfte oder Wirtschaftsunternehmen Studierende an das Institut entsenden können. Allerdings werden diese dann nicht alle Unterrichtseinheiten des Studiengangs belegen können. Einige Module werden wohl auch künftig "eingestuft" und dann nur Studierenden aus den Sicherheitsbehörden und Diensten vorbehalten sein.

"Unabhängigkeit ist von zentraler Bedeutung"

Dennoch sei der Studiengang "in dieser Breite einmalig in Europa. Alle Sicherheitsakteure unter einen Hut zu bekommen, scheitert anderenorts oft an Ressort-Egoismen", so Dietrich. Auch wenn es für das Institut einen Beirat gibt. Dieser setzt sich nicht nur aus Behördenleitern und Bundeswehr-Vertretern zusammen, sondern gerade auch aus externen Wissenschaftlern, die bei Abstimmungen sogar in der Mehrheit sind.

Alle Dozenten seien unabhängig, betont Dietrich. "Eine Einflussnahme von außen wäre ein Verstoß gegen die Freiheit der Lehre. Die Unabhängigkeit ist für die Wissenschaftler von ganz zentraler Bedeutung. Sie können andernfalls ihrer Funktion nicht gerecht werden." Das akzeptierten auch die beteiligten Bedarfsträger. Diese wüssten, dass ihnen eine neutrale, unabhängige wissenschaftliche Expertise mehr nütze als stromlinienförmige Auftragslehre.

Luisa könnte von diesem Studium profitieren. Ihre Chancen, später einmal eine Führungsrolle einzunehmen, steigen mit diesem Studium.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 03. Juli 2019 in den Nachrichten innerhalb der Sendung "Hielscher oder Haase" von 06:30 Uhr bis 10:00 Uhr.

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