Duisburger Stadteil Marxloh | Bildquelle: picture alliance/dpa

tagesthemen mittendrin Marxloh kämpft für einen besseren Ruf

Stand: 06.10.2020 16:24 Uhr

Problemviertel, No-Go-Area - der Duisburger Stadtteil Marxloh hat ein schlechtes Image. Mehrere Initiativen engagieren sich für ein besseres Miteinander - und haben damit auch Erfolg.

Von Jan Koch, WDR

Als sie in Marxloh ankam, konnte Azrin kein einziges Wort Deutsch. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem lebt die gebürtige Syrerin und Kurdin in Duisburg-Marxloh. Mit ihren neun Jahren spricht sie die Sprache mittlerweile aber fließend. Und sie mache auch in der Schule riesige Sprünge, erzählt sie. Ihr Ansporn ist es aber, nicht nur gut, sondern sehr gut zu sein. "Und deswegen bin ich hier", sagt sie, während sie an einem großen Holztisch mitten in der Marxloher "Tauschbar" sitzt. Dort bekommen Stadtteilkinder nicht nur Nachhilfe in Deutsch, Englisch und Mathe sondern auch ein zweites Zuhause.

"Tausche Wohnen gegen Bildung", heißt das Integrationsprojekt, das sich für ein besseres Miteinander im Stadtteil einsetzt. Kinder, die hierher kommen, haben Probleme in der Schule - häufig wegen ihrer fehlenden Deutschkenntnisse. Unterrichtet werden Kinder wie Azrin von Bildungspaten und -patinnen, meist Bundesfreiwilligendienstlerinnen oder Studierende. Sie dürfen in Marxloh ein Jahr kostenfrei leben und verpflichten sich im Gegenzug, Kindern mit Migrationshintergrund zu helfen. "Ich bin froh, dass es die 'Tauschbar' gibt", erzählt Azrin. "Bei mir zu Hause ist es ein bisschen schwierig, weil meine Eltern nicht so viel Deutsch können und auch nicht so viel Zeit haben."

Azrin und Bildungspatin Ronja Koch | Bildquelle: ARD
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Azrin mit Bildungspatin Ronja Koch: Mehr als nur Nachhilfe

"Nähe und Liebe zurückgeben"

Diese Zeit nimmt sich seit wenigen Wochen Ronja Koch. Sie ist Anfang Oktober nach Marxloh gezogen und eine der sechs Bildungspatinnen in Duisburg-Marxloh. Bis vor Kurzem war sie noch Abiturientin an einem Gymnasium einer baden-württembergischen Kleinstadt. Sie hat von dem Projekt in einer Zeitschrift gelesen und den Entschluss gefasst, helfen zu wollen. "Von meiner Familie aus habe ich immer viel Nähe und Liebe bekommen. Das will ich mit dem Projekt auch zurückgeben", erklärt die 18-jährige Neu-Marxloherin.

Die Tauschbar ist ein Projekt, das Menschen zusammenbringen will. Menschen, die sich ohne diesen Ort wohl niemals getroffen hätten. "Ich möchte auf jeden Fall, dass die Kinder hier Spaß haben und dass ich ihnen auch Werte weitergeben kann", erzählt Koch.

Kulturelle Vielfalt

Marxloh ist ein Stadtteil, der bundesweit den Ruf des Problemviertels hat. Auch wegen seiner kulturellen Vielfalt. Von den hier rund 20.000 Einwohnern haben gut zwei Drittel einen Migrationshintergrund. Die meisten haben türkische Wurzeln. Mittlerweile kommt ein Viertel des Bewohner aus Bulgarien oder Rumänien. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren kamen von dort Menschen, die auf ein besseres Leben hoffen, nicht selten aber in Armut landen. Fakt ist, kaum in einer Stadt Deutschlands ist man so armutsgefährdet wie in Duisburg. Gut 28 Prozent sind 2019 hier von Armut bedroht gewesen. In Berlin sind es laut Statistischem Bundesamt zehn Prozent weniger.

Ebenso Fakt ist, dass die Kriminalität in Duisburg sinkt. Die Gesamtzahl der Straftaten hat 2019 mit 42.166 Fällen den niedrigsten Stand der vergangenen zehn Jahre erreicht. Im Vergleich zu 2018 sind das gut vier Prozent weniger. Die Clan-Kriminalität nimmt allerdings zu.

Ruf schlechter als Realität

Pater Oliver Potschien beschreibt die Probleme, betont allerdings, dass Marxlohs Ruf schlechter ist als die Realität. "Im Prinzip ist das typisch Ruhrgebiet," erzählt der Pater. "Wir haben ja alle hier quasi einen Migrationshintergrund, die wir im Ruhrgebiet wohnen. Wir raufen uns hier auch immer wieder zusammen, was mal besser und mal schlechter gelingt. Ich bin da relativ zuversichtlich. Das lassen wir uns auch nicht von rechten Schreihälsen kaputt machen."

Sein Petershof, eine Initiative der Kirche, will denen helfen, die Hilfe wollen. Egal welchem kulturellen und religiösen Herkunft sie angehören. Auch Leonard Zinca fand bei Pater Oliver Hilfe. Der heute 18-jährige Rumäne kam mit seiner Familie vor sieben Jahren nach Duisburg-Marxloh. Auch er kam in der Hoffnung, eine erfolgreiche Zukunft zu finden. Doch zunächst hatte die Familie Probleme, in Deutschland Fuß zu fassen. Unter anderem war es für die neunköpfige Familie schwer, alle über die Runden zu bringen.

Zinca klaute Lebensmittel, wie Pater Oliver erzählt. Das brachte ihm Sozialstunden ein, die er bei Pater Oliver auf dem Petershof absolvierte. Glück im Unglück. Denn nun hat er hier einen Minijob gefunden. "Wir wollen was aus uns machen", betont Zinca. "Einfach nur normal arbeiten und keinen Mist bauen. Denn das ist nicht gut. Ich habe hier schon viel gelernt."

Hoffnung und Arbeit

Pater Oliver gilt in Marxloh als jemand, der Menschen Hoffnung gibt - und Arbeit. Auch Emine hatte Probleme, einen Job zu finden. Vor allem wegen ihrer Religion und ihrer Vollverschleierung wurde sie als Bewerberin abgelehnt, wie sie erzählt. "Der Petershof war meine letzte Chance. Hier bin ich froh, eine kaufmännische Ausbildung machen zu können."

In Marxloh kämpfen Initiativen, wie die von Pater Oliver oder Tauschbar für ein besseres Miteinander und gegen den schlechten Ruf des Stadtteils, um zu zeigen: Es gibt sie auch hier, die hellen Seiten des Lebens.

#mittendrin: Leben in Duisburg-Marxloh
tagesthemen 22:15 Uhr, 06.10.2020, Jan Koch, WDR

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

Jan Koch | Bildquelle: Jan Koch Logo WDR

Jan Koch, WDR

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