Ein Baukran steht auf der Fahrbahndecke der Hochstraße Süd in Ludwigshafen | Bildquelle: dpa

tagesthemen mittendrin Ein Abriss, der ausbremst

Stand: 09.09.2020 12:31 Uhr

Die Hochstraßen über Ludwigshafen waren in den 1950er-Jahren ein Symbol für den Fortschritt. Jetzt werden Teile der Verbindung abgerissen. Für die Einwohner ist dies eine extreme Belastung.

Von Axel John, SWR

Der Krach ist ohrenbetäubend. Die Bauarbeiter stehen direkt nebeneinander, müssen sich ins Ohr schreien, um sich verstehen zu können. Im Zentrum von Ludwigshafen treiben Abrissbagger ihre hydraulischen Hammer in die Hochstraße Süd. Mit riesigen Beißzangen werden Gesteinsbrocken und Stahlseile aus der Fahrbahn gerissen. Meter um Meter fressen sich die Bagger krachend und ächzend durch die Hochstraße.

In der Nähe des Abbruchs steht Björn Berlenbach, der Leiter des Tiefbauamtes. Seelenruhig beobachtet er die Szenerie. "Das macht schon Spaß, wenn man das so sieht. Man erlebt nicht alle Tage, wie so ein Sonderbauwerk abgebrochen wird," sagt Berlenbach. Ende des Jahres soll der Abriss geschafft sein, in fünf Jahren der Neubau stehen.

#mittendrin: Verkehrsinfarkt Ludwigshafen
tagesthemen 22:30 Uhr, 09.09.2020, Axel John, SWR

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Der Stahl ist mürbe geworden

Die Hochstraßen sollten erst ab 2020 teilweise saniert und abgerissen werden. Dann kam alles anders. Schon im August vergangenen Jahres mussten die Verbindungen plötzlich dicht gemacht werden. "Ich habe Abriss und Neubau sieben Jahre lang geplant", sagt Berlenbach. Dann das: Die Hochstraße Süd konnte plötzlich ihr eigenes Gewicht nicht mehr halten.

Das Bauwerk war 1958 errichtet worden. Damals gab es keine Lkw, die 46 Tonnen schwer waren, sagt Berlenbach. "Ein VW-Käfer wog rund 600 Kilo - ein SUV heute kommt auf bis zu zwei Tonnen. Auch der Verkehr hat massiv zugenommen." Sechs Jahrzehnte Dauerbelastung habe den Stahl mürbe gemacht. "Schneller als alle gedacht hatten."

Baustelle von oben
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Abbrucharbeiten an der Hochstraße in Ludwigshafen: Ein Mammutprojekt in Rheinland-Pfalz.

Berlenbach schaut jetzt zufrieden auf den Abriss. Das Mammutprojekt kommt voran. Auf vielen anderen Straßen und Brücken passiert dagegen nicht mehr viel. Vor allem am Morgen und späten Nachmittag legt der Berufsverkehr Teile Ludwigshafens und der Region lahm. "Wir haben mit den Städten und Gemeinden ringsherum und auch dem Land Rheinland-Pfalz einiges vereinbart, um mit der Verkehrsführung besser zu werden. Aber ohne Staus wird es wohl nicht gehen."

Viele stecken fest

Nur wenige hundert Meter von der Megabaustelle entfernt steckt Julian Haag mit seinem Wagen fest. Er ist Chauffeur beim Limousinen- und Kurierdienst GTM24 und muss dringend zum Flughafen nach Frankfurt. Ein Geschäftsmann ist im Anflug, will abgeholt und gleich nach Ludwigshafen gefahren werden. Normalerweise fährt Haag über die Hochstraße Süd. Jetzt kosten ihn in die Umleitung und der dazugehörige Stau mehr Zeit als erwartet. Haag tippt nervös auf dem Lenkrad herum.

"Jedes Mal gibt es Verkehrschaos in Richtung Ludwigshafen. Das ist sehr frustrierend", sagt er. "Für die Firma ist es auch sehr nervig, weil dadurch gerade kurzfristige Aufträge nicht angenommen werden können. Man weiß inzwischen, dass wir bestimmte Strecken wahrscheinlich nicht schaffen können."

Die Firma schätzt, dass sie durch den Abriss der Hochstraße 20 Prozent weniger Anfragen erhält. "Die Kunden rufen an und sagen: Wenn sie das nicht schaffen, buchen wir sie künftig nicht mehr. Das Schlimmste daran ist, dass wir dafür überhaupt nichts können. Und das geht noch Jahre so", klagt Haag. So wie ihm geht es täglich Zehntausenden. Die ganze Rhein-Neckar-Region wird ausgebremst.

Marlis Jonas | Bildquelle: <SWR>
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Fotografin Marlis Jonas: "Mir gefällt das - trotz allem. So ist das Leben - das Leben ist eine Baustelle."

"Nichts bleibt wie es ist"

Marlis Jonas schaut dem hektischen Treiben zu ihren Füßen gelassen zu. Sie steht auf dem Balkon ihrer Wohnung im 18. Stock eines Wohnhochhauses. Direkt vor ihrer Haustür fressen sich die Bagger durch die Hochstraße Süd. Marlis Jonas stellt ihr Objektiv scharf und drückt ab. Sie ist Fotografin und dokumentiert den Wandel des Stadtbildes - seit nunmehr 20 Jahren. "Die Stadt verändert sich. Nichts bleibt wie es ist. Dieser raue Charme ist immer noch da und der gefällt mir nach wie vor."

Auf den Hochstraßen sei immer etwas los gewesen. Es habe viel zu sehen und zu fotografieren gegeben. "Im August vergangenen Jahres war es dann plötzlich ganz still. Das war fast schon gespenstisch, aber da kamen wirklich keine Autos mehr - ein unglaubliches Gefühl."

Der Lärm halte sich für sie im 18. Stock in Grenzen. Nur der Staub sei ein großes Problem, da er sogar bis zu ihr hoch in die Wohnung fliege. Für sie als Künstlerin seien die Hochstraßen immer das Objekt ihrer Begierde gewesen. Den Abriss und den jahrelangen Neubau nimmt sie dennoch gelassen - ganz im Gegensatz zu ihren Nachbarn. Manche kündigten an, dass sie ausziehen wollen. "Es ist ihnen zu laut und zu staubig. Ich aber bleibe hier auf jeden Fall wohnen", sagt Jonas. "Mir gefällt das - trotz allem. So ist das Leben - das Leben ist eine Baustelle."

Einzigartige Projekte

Über das Leben kann das Ehepaar Ries auch berichten. Beide sind mehr als 80 Jahre alt und wohnen in einem Vorort. Sie sind Ludwigshafener Urgesteine. Karl-Heinz Ries etwa ging einst mit Helmut Kohl zur gleichen Zeit in die selbe Schule. Im Krieg war die Stadt weitgehend zerstört worden. Zusammen mit seiner Frau Helga beobachtete er dann den Bau der Hochstraße Süd Ende der 1950er-Jahre. Die Hochstraße Nord kam zehn Jahre später dazu. Die Projekte waren damals in Europa einzigartig.

Paar mit Fotoalbum | Bildquelle: <SWR>
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Ehepaar Ries: Auf den Stolz nach dem Bau der Hochstraßen folgte die Ernüchterung.

Aufbruchstimmung in Ludwigshafen

"Das war eine ganz große Aufbruchstimmung. Ludwigshafen war eine Arbeiter- und Industriestadt und galt immer als hässliches Entlein", erinnert sich Karl-Heinz Ries. "Der Bau der Hochstraßen war schon etwas Sensationelles, denn der Verkehr wurde so aus der Innenstadt herausgenommen. Sogar Vergleiche zu Los Angeles wurden gezogen. Wir waren schon ein bisschen stolz auf unsere Stadt", sagt er.

Als die Hochstraßen standen, folgte im Laufe der Jahre dann doch Ernüchterung: Unter den Hochstraßen war es dunkel, ein echtes Stadtleben entwickelte sich im Umfeld der Hochstraßen kaum. "Es gibt sicher schönere Sachen als eine Hochstraße", räumt Karl Heinz-Ries ein. "Aber ich denke, von der Funktionalität her ist das weiter unschlagbar." Und auch seine Frau hätte die Verkehrsadern über Ludwigshafen gerne behalten. "Ich finde es traurig, was jetzt passiert ist."

Nach dem Abriss ist vor dem Abriss

Lange wird die Fahrbahn nicht mehr stehen. Im Oktober soll alles weg sein. Für die Anwohner gibt es aber nur eine kurze Atempause. Nach weiteren Planungen, der Ausschreibung und dem Neubau soll die neue Hochstraße Süd Ende 2025 stehen. Und auch dann gilt für Ludwigshafen: Nach dem Abriss ist vor dem Abriss.

Denn schließlich wird auch die Hochstraße Nord komplett dem Erdboden gleich gemacht, der neue Streckenverlauf wird ebenerdig gebaut. "Wir kommen aus dem Bauen nicht mehr raus“, sagt Tiefbauamtsleiter Berlenbach zum Abschied. Für Ludwigshafen und die Region bedeutet das: Der Ausnahmezustand mit Megabaustelle im Zentrum und vielen Staus rundherum wird auf lange Zeit den Alltag und das Leben der Menschen beherrschen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. September 2020 um 22:30 Uhr.

Korrespondent

Axel John | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Axel John, SWR

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