Zwei Senioren auf einer Bank im Hafen am Cospudener See in Leipzig  | Bildquelle: dpa

Armutsbericht Reiche leben bis zu zehn Jahre länger

Stand: 02.03.2017 06:00 Uhr

Laut einer Studie leben reiche Menschen rund zehn Jahre länger als arme. Weniger Wohlhabende haben zudem öfter chronische Krankheiten. Es gibt auch ein sozialpolitisches Problem: Arme finanzieren indirekt das längere Leben der Reichen mit.

Von Ben Bolz und Tina Soliman, NDR

Rainer H. ist 59 Jahre alt. Er ist zur See gefahren, war lange Zeit Möbelpacker. Doch seit ein paar Jahren spielt sein Körper nicht mehr mit. "Die Knochen sind lädiert. Rücken kaputt, Knie kaputt, alles hat gelitten. Habe zu früh angefangen mit dem schweren Schleppen." Vor vier Jahren ging Rainer H. notgedrungen in den Vorruhestand - Erwerbsminderungsrente: 650 Euro plus 180 Euro vom Amt. Was ihm bleibt, ist wenig Geld und viel Zeit. Das Leben ohne Arbeit nagt an ihm. Zumal er nach zahlreichen Rücken-Operationen nur mit schweren Schmerzmitteln leben kann.

Armut erreicht neuen Höchststand

Die Zahl der Armen in Deutschland ist laut den Wohlfahrtsverbänden auf einem neuen Höchststand. Im Jahr 2015 sei die sogenannte Armutsquote auf 15,7 Prozent gestiegen, heißt es im jährlichen Armutsbericht. Das bedeute, dass rein rechnerisch 12,9 Millionen Deutsche arm seien.

Der Bericht nutzt den auch in offiziellen Statistiken verwendeten sogenannten relativen Einkommensarmutsbegriff. Demnach gelten alle Menschen als arm, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesellschaft verfügen, in der sie leben. Diese Armutsdefinition ist nicht unumstritten, einige Experten halten sie für zu weit gefasst.

Rainer H. schätzt seine Lebenserwartung auf 70 Jahre. Ganz so falsch könnte er damit nicht liegen, denn laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabende Männer. Bei Frauen beträgt die Differenz rund acht Jahre. Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und anderer Sozialverbände widmet dem Thema in diesem Jahr erstmals ein Kapitel.

Arbeitsministerium zweifelt Armutsbericht an

Das Bundesarbeitsministerium hat den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes kritisiert. "Die Fokussierung auf die Armutsrisikoquote ist verkürzt", erklärte das Ministerium. Armut in einer Wohlstandsgesellschaft lasse sich nicht auf eine einzige Maßzahl beschränken. Andere Indikatoren, wie zum Beispiel die Anzahl der Langzeitarbeitslosen wiesen eine andere Richtung auf.

Auch den Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes als alleinige Datenquelle hält das Ministerium für eine "Schwäche des Berichtes". Andere "relevante Datenquellen" etwa zeigten, dass das Armutsrisiko von Rentnern unterdurchschnittlich sei. Gleichwohl erklärte das Ministerium: "Dass die Armutsrisikoquote zuletzt gestiegen ist, ist keine neue Erkenntnis."

Zehn Jahre Unterschied

Der Untersuchung zufolge haben arme Männer eine Lebenserwartung von 70,1 Jahren, wohlhabende Männer von 80,9 Jahren. Bei Frauen liegen die Zahlen bei 76,9 Jahren und 85,3 Jahren. Und die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander, so der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Professor Rolf Rosenbrock, gegenüber der ARD-Sendung Panorama: "Die Lebenserwartung steigt für die wohlhabenden Menschen in jedem Jahr stärker als für die ärmeren Menschen und deshalb vergrößert sich der Abstand."

Doch warum ist das so? Als Gründe für die immensen Unterschiede nennt Rosenbrock ein riskanteres Gesundheitsverhalten in Bezug auf Ernährung, Bewegung, Rauchen und Alkohol. Dies erkläre jedoch nur die Hälfte des Unterschieds. "Die Menschen sterben auch früher, weil sich der psychische Druck durch die insgesamt beengte Lebenssituation und meist auch schlechtere Arbeitsbedingungen oder auch durch Arbeitslosigkeit negativ auf das eigene Leben und die Möglichkeiten der Teilhabe auswirkt."

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Deutliche Unterschiede bei chronischen Krankheiten

Die Unterschiede zwischen Armen und Wohlhabenden fallen gerade in Bezug auf schwerwiegende chronische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes mellitus oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankung deutlich aus. "Wir können davon ausgehen, dass das Risiko, an diesen Leiden zu erkranken, bei Personen, die von Armut betroffen sind, zwei bis drei Mal höher ist.", so Dr. Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut.

Interessant ist diese Entwicklung auch für die gesetzliche Rentenversicherung. Hier führt dies de facto zu einer Umverteilung von unten nach oben, so Rosenbrock: "Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit. Und das ist, wenn man genau hinguckt, natürlich ein sozialpolitischer Skandal erster Güte."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. März 2017 um 10:35 Uhr.

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