Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach  | dpa
Kommentar

Lauterbachs Corona-Politik Der Meister der Kommunikationsdesaster

Stand: 06.04.2022 17:37 Uhr

Nach scharfer Kritik hat Gesundheitsminister Lauterbach angekündigt, die Pflicht zur Corona-Isolation doch nicht aufzuheben. Er spricht nun von einem falschen Signal. Doch das hätte ihm vorher bewusst sein müssen.

Ein Kommentar von Oliver Neuroth, ARD-Hauptstadtstudio

Karl Lauterbach trifft gerne schnelle Entscheidungen, sei es als Mediziner oder als Minister, und verkündet sie genauso schnell. Mal sind es maximal strenge Forderungen in der Pandemiebekämpfung, mal eher lockere. Und kurz darauf rudert er wieder zurück. Das ist jetzt mit der "freiwilligen Corona-Isolation" nicht zum ersten Mal passiert. Und so etwas geht nicht als Gesundheitsminister in einer Pandemie. Die Menschen verlieren völlig den Überblick. Der Minister macht sich unglaubwürdig, er schadet seinem Image.

Oliver Neuroth ARD-Hauptstadtstudio

Immerhin erkennt Lauterbach genau das: Er zeigt Größe und bittet um Entschuldigung für dieses Hin und Her. In einem Tweet, den er nachts um 02.37 Uhr abgeschickt hat, schreibt er von einem Fehler. Eine ungewöhnliche Uhrzeit für politische Entscheidungen oder Eingeständnisse.

Auch Politiker können sich irren

Bei seinem Auftritt am Mittag vor der Presse nimmt er immer wieder das Wort "Fehler" in den Mund, für den allein er die Verantwortung übernehme. So wie es aktuell einige Politiker tun - mit Blick auf die Russland-Politik der vergangenen Jahre. Und das ist ein positives Signal: Das Eingestehen von falschen Entscheidungen. Auch Politiker sind Menschen und sie können sich irren. Sagen sie das offen, ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

Wobei es Lauterbach nicht wirklich überraschen konnte, wie seine am Montag verkündete "freiwillige Isolation" bei den Menschen ankam. Natürlich klingt so etwas nach Lockerung, nach Entspannung, nach weniger Gefahr durch das Virus. Das muss ein Minister vorher bedenken.

Rücktrittsforderung ist überzogen

Aber den Rücktritt von Karl Lauterbach zu fordern, ist überzogen. Schließlich geht es im Kern nicht um einen politischen, eher um einen kommunikativen Patzer. Der dürfte auch darin begründet liegen, dass Lauterbach jede Wendung, jede kleine Kurskorrektur in der Corona-Politik vertwittert oder vor Fernsehkameras verkündet. Jede tägliche neue Bewertung der Lage, zu der er als Minister und Mediziner kommt. Es ist ein Zickzack-Kurs. Denn auch nach gut zwei Jahren weiß niemand so genau, was das Virus als nächstes vorhat. In der Kommunikation nach außen ist aber weniger oft mehr. Sonst kommt es eben - wie jetzt - zur maximalen Verwirrung.

Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Lauterbachs Kritiker seit Monaten sagen: nämlich, dass er kein Teamplayer sei. Lauterbach selbst verneint das zwar. Aber offensichtlich gibt es in seinem Ministerium niemanden, der es schafft, ihn von Alleingängen abzuhalten. Das ist eine Gefahr für Lauterbach selbst und für die Regierung. Lauterbach muss endlich klar werden: Ein Ministerium führt man weder über Twitter noch über Talkshows.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. April 2022 um 17:10 Uhr.