Wahlhelfer und Wahlhelferinnen öffnen im Klassenzimmer einer Schule in Magdeburg die Umschläge der Briefwahl. | dpa
Analyse

Wahl in Sachsen-Anhalt Warum die CDU so deutlich vorne liegt

Stand: 06.06.2021 21:56 Uhr

Wieso gewinnt die CDU in Sachsen-Anhalt so klar? Warum sagen viele, die AfD grenze sich nicht genug von Rechtsextremen ab, wählen sie dann aber? Und weshalb profitieren die Grünen nicht vom bundespolitischen Hoch? Eine Analyse auf Basis der Zahlen von infratest dimap.

Eine Analyse von Holger Schwesinger, tagesschau.de

Dass die CDU die Wahl in Sachsen-Anhalt mit einem so deutlichen Vorsprung gewonnen hat, dürfte sie zwei Dingen zu verdanken haben: Zum einen der Tatsache, dass es bei dieser Wahl nicht das eine, entscheidende Thema gab und der CDU bei vielen Themen Sachkompetenz zugesprochen wird. Zum anderen - und das dürfte der wichtigere Grund sein - Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Holger Schwesinger

Als "Landesvater" in der Spitzengruppe

In Umfragen, die infratest dimap am Wahltag und den Tagen davor durchgeführt hat, bekommt Haseloff von vielen Menschen im Land hohe Zustimmungswerte. Die Anhänger der CDU halten ihn fast alle für einen guten Ministerpräsidenten. Bei Anhängern von FDP und SPD sagen das noch mehr als 75 Prozent. Und selbst bei den Anhängern der AfD stellen ihm noch 44 Prozent ein gutes Zeugnis aus - und das, obwohl Haseloff sich immer deutlich von der AfD distanziert hat.

Als "Landesvater" liegt Haseloff auch im Vergleich mit Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten andere Bundesländer in der Spitzengruppe. Ähnliche hohe Werte wie er hatten zuletzt SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz oder der Linke Bodo Ramelow in Thüringen. Haseloff war für die CDU also ein Zugpferd. 39 Prozent der CDU-Wähler haben in erster Linie seinetwegen ihr Kreuz bei der Partei gemacht - deutlich mehr als bei der Wahl 2016. Die anderen Parteien hatten hingegen zum Teil sogar damit zu kämpfen, dass ihre Spitzenkandidaten vielen Wählern noch nicht mal bekannt waren.

Bild: Kompetenzen der CDU

Der CDU kam aber auch zugute, dass ihr in fast allen Politikfeldern die höchsten Kompetenzwerte zugeschrieben werden. Egal ob bei Wirtschaft, Arbeit, Corona oder Schule und Bildung - fragt man die Wähler, welcher Partei sie am ehesten zutrauen, diese Aufgabe zu lösen, liegt die CDU stets vorne. Und selbst bei der sozialen Gerechtigkeit - also einem Kernthema von Linkspartei und SPD - sagen 22 Prozent, dafür könne die CDU am besten sorgen, Linke und SPD kommen hier nur auf 20 bzw. 17 Prozent.

Allerdings fällt auf, dass die CDU bei den Kompetenzen im Vergleich zur Wahl 2016 in den Bereichen Wirtschaft und Arbeit deutlich verloren hat - wovon vor allem die FDP profitiert haben dürfte. Was bei dieser Wahl aber noch auffällt: Es gab kein klar dominierendes Thema. Da der CDU in vielen Feldern Kompetenzen zugeschrieben werden, dürfte das einen Teil ihres Wahlerfolgs erklären.

Bild: Welches Thema spielt für Ihre Wahlentscheidung die größte Rolle?

Haseloff als Vertreter ostdeutscher Interessen

Dass Haseloff gerade in den vergangenen Monaten nicht immer auf einer Linie mit der Bundes-CDU war, kam bei seinen Wählern im Land übrigens gut an. 93 Prozent der CDU-Anhänger sagen, dass Haseloff selbstbewusst die Interessen der Ostdeutschen vertritt. Auch dass er selbst - anders als andere in der Landes-CDU - klar auf Distanz zur AfD gegangen ist, hält die überwältigende Mehrheit der CDU-Anhänger für richtig.

Bild: Ansichten über die CDU

Unter den Unzufriedenen besonders viele AfD-Wähler

Anhänger der AfD sehen das naturgemäß anders. Ihr Ziel, stärkste Kraft im Landtag zu werden, hat die AfD zwar klar verfehlt, das gute Ergebnis von 2016 konnte sie laut Hochrechnungen bei geringen Verlusten aber annähernd halten. Der AfD gelang offenbar, in großem Maß Kapital aus der insgesamt vergleichsweise schlechten Stimmung im Land zu schlagen. Denn in Sachsen-Anhalt gibt es viele, die unzufrieden sind - und darunter sind überdurchschnittlich viele Wähler der AfD.

So sagen in der infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD 30 Prozent der Befragten, dass sie sich eher als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung fühlen. Bei den Anhängern der AfD sind es 44 Prozent, bei Anhängern von CDU oder Grünen hingegen nur 16 bzw. 18 Prozent. Bei der Frage, ob und wie sich ihre Lebensumstände vor Ort in den vergangenen Jahren verändert haben, sagen jeweils mehr als ein Drittel der Anhänger von CDU, SPD und Grünen sie hätten sich verbessert, nur um die zehn Prozent sehen eine Verschlechterung. Das Bild bei der AfD ist diametral: Elf Prozent sehen eine Verbesserung, 41 Prozent eine Verschlechterung.

Und drei Viertel der Befragten in Sachsen-Anhalt sagen, Ostdeutsche seien an vielen Stellen noch Bürger zweiter Klasse - ein Wert, der höher liegt als in den anderen ostdeutschen Bundesländern, in denen es zuletzt Landtagswahlen gab. Und auch hier ist das Gefühl bei AfD-Anhängern - neben Anhängern der Linken - besonders stark ausgeprägt. Noch deutlicher wird das bei der Frage, ob die Wiedervereinigung alles in allem gut gelungen ist: Während bei Anhängern von CDU, SPD oder Grünen in Sachsen Anhalt 70 Prozent oder mehr mit "ja" antworten, sind es bei den AfD-Anhängern nur 26 Prozent.

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Welche Rolle spielten Ost-West-Fragen?

AfD hat ihr Hochburgen in strukturschwachen Regionen

Ihre eigene wirtschaftliche Lage schätzen die Menschen in Sachsen-Anhalt übrigens zu drei Viertel gut ein - ein Wert, der ähnlich hoch ist wie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, den beiden West-Ländern, in denen zuletzt gewählt wurde.

Fragt man aber, wie die wirtschaftliche Lage im Land allgemein bewertet wird, ergeben sich deutliche Unterschiede: In Baden-Württemberg - einem Land mit vielen wirtschaftsstarken Ballungsräumen und Universitätsstädten - bewerteten 63 Prozent die Lage als gut. In Sachsen-Anhalt, einem Bundesland, in dem es besonders viele strukturschwache Regionen mit sinkender Einwohnerzahl gibt, sind es nur 47 Prozent. Und strukturschwache Regionen sind die Hochburgen der AfD - das hatte sich auch bei Wahlen in anderen ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen oder Brandenburg gezeigt.

Bild: Kompetenzen der AfD

Zahl der "AfD-Überzeugungswähler" wächst

Zu sagen, die AfD profitiere nur von den Unzufriedenen, greift aber zu kurz. Zwar sagen 87 Prozent der AfD-Anhänger, die AfD sei die einzige Partei, mit der sie ihren Protest gegen die vorherrschende Politik ausdrücken könnten. Und noch immer wählt etwa die Hälfte der AfD-Wähler die Partei in erster Linie aus Enttäuschung über die anderen Parteien. Doch die Zahl derjenigen, die sie aus Überzeugung wählen, hat deutlich zugenommen. Und ihr wird von vielen Wählern inzwischen durchaus eine gewisse Sachkompetenz zugeschrieben - vor allem bei der Flüchtlingspolitik und der Vertretung ostdeutscher Interessen, aber auch bei der sozialen Gerechtigkeit.

75 Prozent der Befragten in Sachsen-Anhalt finden übrigens, dass sich die AfD nicht genug von rechtsextremen Positionen abgrenzt. Und selbst 42 Prozent der AfD-Anhänger sehen das so - was sie aber nicht davon abhält, ihr Kreuz dann doch dort zu machen.

Bild: Wahlverhalten in Großstädten

In den Großstädten wird anders gewählt

Das Wahlverhalten der Menschen in Halle und Magdeburg - den beiden Großstädten und wirtschaftlichen Zentren des Landes - unterscheidet sich übrigens deutlich von dem in anderen Teilen des Landes: Hier schneidet die AfD deutlich schlechter ab als im Landesschnitt, die Grünen hingegen deutlich besser.

Für die Grünen bleiben die ostdeutschen Länder insgesamt aber ein schwieriges Pflaster. Vom Rückenwind aus der Bundespolitik - wo sie derzeit in Umfragen auf Platz zwei knapp hinter der Union liegen - konnten sie in Sachsen-Anhalt praktisch gar nicht profitieren. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass ihr Kernthema den meisten Menschen in Sachsen-Anhalt nicht wirklich wichtig ist. Nur acht Prozent sagen, Umwelt und Klima sei für sie das Thema gewesen, das die größte Rolle bei der Wahlentscheidung gespielt habe. In Baden-Württemberg, wo die Grünen im März haushoch gewonnen haben, waren es mit 19 Prozent mehr als doppelt so viele.

Bild: Welcher Partei trauen Sie am ehesten zu, eine gute Umwelt- und Klimapolitik zu betreiben?

Vielen geht der Umweltschutz der Grünen zu weit

Im "Braunkohleland" Sachsen-Anhalt sagen hingegen 71 Prozent der Menschen sogar: Die Grünen übertreiben es mit dem Umweltschutz. Auffallend auch, dass den Grünen in Sachsen-Anhalt in der Umweltpolitik gar keine sonderlich hohen Kompetenzwerte zugeschrieben werden. Mit 30 Prozent liegen sie hier zwar an der Spitze der Parteien, doch immerhin 20 Prozent sagen, das kann die CDU besser. Auch hier lohnt sich ein Vergleich mit Baden-Württemberg: Mit 60 Prozent lagen die Grünen hier in dieser Frage weit vor der CDU mit neun Prozent.

Linke ohne Alleinstellungsmerkmal

Und die Linke - die große Verliererin der Wahl? Bei ihr kommen vermutlich gleich mehrere Faktoren zusammen. In Sachsen-Anhalt fehlt ihr das zugkräftige Personal - sagen 73 Prozent der Menschen im Land und selbst 62 Prozent der Linken-Wähler.

Auch programmatisch hat sie Schwächen. Zwar wird sie immer noch als eine Partei wahrgenommen, die sich besonders um den sozialen Ausgleich bemüht und für die Interessen der Ostdeutschen eintritt. Aber diese Punkte hat sie nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal: Im Vergleich zu früheren Wahlen hat sie bei diesen beiden Punkten deutlich verloren. Als Vertreter ostdeutscher Interessen werden heute auch stark die AfD und - dank Ministerpräsident Haseloff - die CDU wahrgenommen.

Bild: „Die Linke bemüht sich am ehesten um…“

Und bei der Kompetenz für soziale Gerechtigkeit musste sich die Linke inzwischen sogar von der CDU überholen lassen. Das ist ein Problem, das auch die SPD hat, für die sich mit der Wahl in Sachsen-Anhalt eine Serie von Niederlagen bei Landtagswahlen fortsetzt. Unterbrechen konnte die SPD diese Serie nur dort, wo sie personell stark aufgestellt war - wie etwa mit Peter Tschentscher in Hamburg oder Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz. Eine solch überzeugende Spitzenkandidatin mit "Amtsbonus" fehlte der SPD in Sachsen-Anhalt aber.

FDP könnte für Koalitionsbildung wichtig werden

Die FDP wird bei der Frage der Koalitionsbildung vermutlich eine große Rolle spielen. Denn wenn es eine andere Koalition geben soll, als die bisherige von CDU, SPD und Grünen, dann geht das mit hoher Wahrscheinlichkeit nur mit der FDP.

Möglicherweise hatten das auch manche Wählerin und mancher Wähler in Sachsen-Anhalt bei der Abstimmung im Hinterkopf. Denn hoch im Kurs steht vor allem die sogenannte "Deutschlandkoalition" - also Schwarz-Rot-Gelb. 38 Prozent sagen, das wäre auch ihrer Sicht das beste Bündnis, bei den Anhängern der CDU sagen das sogar 53 Prozent. Allerdings sprechen sich auch 30 Prozent aller Wähler und 39 Prozent der CDU-Wähler für eine Fortsetzung der bisherigen Koalition aus - die damit klar auf Platz zwei liegt.

Über dieses Thema berichtete ein tagesthemen Extra am 06. Juni 2021 um 21:50 Uhr.