Winken und wahlkämpfen: Ministerpräsidentin Schwesig Manuela in Rostock. | dpa

SPD in Mecklenburg-Vorpommern Das Hoch im Norden

Stand: 22.09.2021 10:30 Uhr

40 Prozent für die SPD - von solchen Traumwerten ist die Partei im Bund weit entfernt. Anders in Mecklenburg-Vorpommern, und das hat viel mit der Ministerpräsidentin zu tun. Schwesig steuert auf einen klaren Wahlsieg am Sonntag zu.

Von Stefan Ludmann, NDR

Alles ist auf sie ausgerichtet: "Die Frau für MV" - diesen Reim lässt Manuela Schwesig auf ihren großen Wahlplakaten selbstbewusst unter die Leute bringen. Die 47-Jährige ist das Gesicht der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, sie tourt auch in diesen Tagen von Termin zu Termin, verteilt Rosen auf Wochenmärkten, lädt zu Grillabenden mit dem örtlichen Wahlkreiskandidaten.

Die Umfragen sagen der gebürtigen Brandenburgerin einen furiosen Wahlsieg voraus. Bei 40 Prozent könnte die SPD nach Erhebungen von Infratest dimap landen. Damit würden die Sozialdemokraten ihr Rekordergebnis von 2002 fast einstellen, damals holten sie mit Harald Ringstorff bei der Landtagswahl 40,6 Prozent. In keinem anderen Bundesland kommt die SPD auf eine derart hohe Zustimmung. Mecklenburg-Vorpommern - die politische Wahlheimat von Angela Merkel - würde sich als SPD-Hochburg behaupten.

Schwesig ist beliebt im Land

In der SPD wissen sie: Das ist das Verdienst der Amtsinhaberin, Schwesig punktet mit hohen Beliebtheitswerten. 69 Prozent sind zufrieden mit ihr, 55 Prozent wünschen sich, dass sie weiter an der Spitze einer Landesregierung steht. Wenn es denn öffentlich überhaupt Kritik gibt, dann zielt sie auf Schwesigs oft roboterhaft wirkenden Statements. Die klingen oft auswendig gelernt und starr.

Dennoch: Die Wählerinnen und Wähler trauen am ehesten der SPD zu, die wichtigen Probleme wie Bildung, Arbeitsplätze und Mobilität anzupacken.

Alle anderen Landtagsparteien stehen im Schatten einer übermächtigen SPD und ihrer Kandidatin. Am meisten bekommt das der Koalitionspartner, die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Michael Sack zu spüren. Der Landrat im Kreis Vorpommern-Greifswald steht vor einer herben Niederlage. Aktuell kommt seine Partei auf 15 Prozent - das sind 25 Prozentpunkte Abstand zur SPD.

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Mecklenburg-Vorpommern: Vorwahlerhebung vom 17. September 2021

Sack setzt auf Sachlichkeit

Auch deshalb hat Sack seinen Status als Herausforderer längst verloren. Zum Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten wurde er vor allem, weil sich der bundesweit bekannte CDU-Jungstar Philipp Amthor mit zweifelhaften Lobbyaktivitäten ins Abseits manövrierte.

Doch Sack ist noch immer vergleichsweise unbekannt, und nur ganz wenige sind zufrieden mit seiner Arbeit. Der 48-Jährige setzt auf "Sachlichkeit", wie er sagt. Vielen aber ist er zu gebremst und unscheinbar. Sack hat außerdem ein grundsätzliches Problem: Er kann die Landesregierung nicht frontal attackieren, denn seine Union sitzt seit Langem mit am Kabinettstisch.

CDU-Spitzenkandidat Michael Sack auf Wahlkampftour in Schwerin. | dpa

Der Unbekannte: CDU-Spitzenkandidat Michael Sack auf Wahlkampftour in Schwerin. Bild: dpa

Für Sack und seine CDU kommt es darauf an, nach der Wahl wieder mitregieren zu können. Seine Bereitschaft zur Regierungsverantwortung hat er schon angemeldet. Fraglich ist, ob Schwesigs SPD nach 15 Jahren gemeinsamer Koalition wieder auf ein rot-schwarzes Bündnis setzt - zumal die CDU im "Merkelland" bewusst konservative Akzente setzt: kein Tempolimit, kein Gendersternchen, kein höherer Mindestlohn.

Auf eine Koalitionsaussage will sich die Regierungschefin nicht festlegen lassen. Denn auch ein Bündnis mit der Linkspartei wäre derzeit rechnerisch möglich.

Rot-rot war im Nordosten nie ein Schreckgespenst - zwischen 1998 und 2006 haben beide Parteien gemeinsam regiert. Aber auch dieses Bündnis wäre eines zwischen Groß und Klein: Die Linke kommt laut Umfragen auf zehn Prozent, das sind gut drei Punkte weniger als bei der Wahl vor fünf Jahren.

Mit ihrer Spitzenkandidatin Simone Oldenburg - sie ist von Beruf Lehrerin - setzt die Linkspartei vor allem auf Bildungsthemen. Sie verspricht 1000 neue Lehrkräfte, aber trotz der im Land vielfach beklagten Bildungsmisere punktet sie mit ihren Forderungen kaum. Auch im Bereich Bildungspolitik wird der SPD am meisten zugetraut.

Interner Streit bei der AfD

Mit Verlusten muss wohl auch die AfD rechnen. Die bisher größte Oppositionspartei käme laut Umfrage auf 15 Prozent, mehr als fünf Punkte weniger als noch 2016. Die Partei fällt vor allem durch internen Streit auf. Ihr derzeitiger Parlamentarischer Geschäftsführer Ralph Weber beschimpft einen Großteil der eigenen Kandidaten als "Gurkentruppe", die wahlweise kriminell, opportunistisch oder unfähig sei. Weber selbst war allerdings zuvor bei der Kandidatenkür durchgefallen. Ein großes Wahlkampfthema fehlt der AfD. Erschwerend hinzu kommt die Krankheit ihres Spitzenkandidaten Nikolaus Kramer - der führte den Wahlkampf zuletzt vom Krankenhausbett.

Hoffnungen auf den Einzug in den Landtag können sich FDP und Grüne machen, beide sind bisher nicht im Schweriner Landtag dabei. Für beide dürfte der Wahlabend aber zur Zitterpartie werden. Die Grünen liegen laut Umfragen bei sechs Prozent - sie haben es im Land der großen grünen Weiten und der Berufspendler mit ihrem Kernthema Klimaschutz eher schwer. Auch die FDP kann vom positiven Bundestrend nicht profitieren - fünf Prozent sagen ihr die Wahlforscher voraus.

Absolute Mehrheit für SPD?

Sollten Grüne und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wäre für Schwesigs SPD sogar eine absolute Mehrheit in Reichweite. Und das könnte quasi Schwesigs Bewerbungsschreiben für höhere Posten in Berlin sein. Davon aber wollen die Sozialdemokraten und Schwesig noch nichts wissen. "Die Frau für MV" will sich bis zum Wochenende richtig reinknien. Noch sei nichts entschieden, lässt sie immer wieder verlauten. Am Samstag verteilt die Regierungschefin noch einmal Glückskekse am Alten Hafen in Wismar.