Ein Luftbild zeigt Arbeiten an einer Brücke mit mehreren Kränen und Baggern | dpa

Rheinland-Pfalz nach der Flut "Gewisse Stabilität" - aber weiter Gefahren

Stand: 29.07.2021 17:03 Uhr

Der Katastrophenschutzstab in Rheinland-Pfalz sieht vor Ort eine relativ stabile Lage. Am Samstag soll eine Behelfsbrücke in Bad Neuenahr-Ahrweiler eröffnet werden. Ärzte warnen weiter vor Versorgungsmängeln und Seuchengefahr.

Die Gesamtlage in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz erreicht nach den Worten des Leiters des Katastrophenschutzstabes, Thomas Linnertz, eine "gewisse Stabilität". Im Mittelpunkt stünden noch immer Aufräumarbeiten, sagte der Präsident der Aufsichts- und Dienstleitungsdirektion Rheinland-Pfalz in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Während die Lage etwa in Sinzig stabil sei, lägen zurzeit die Einsatzschwerpunkte in Bad Neuenahr-Ahrweiler und Altenahr. Dort müsse die Trinkwasserversorgung noch zusätzlich durch Tanks sichergestellt werden, ebenso brauche es weiterhin die Versorgung mit Lebensmitteln und Mahlzeiten.

Altenahr habe wiederum die schwersten Zerstörungen an privaten Häusern und Infrastruktur erfahren. Auch dort seien weiterhin Überwassertanks, eine Verteilung von Mahlzeiten sowie Stromgeneratoren nötig. "Ein Bundesland alleine, Rheinland-Pfalz alleine, hätte die Lage niemals in den Griff bekommen können", betonte Linnertz und dankte für die "riesige Unterstützung".

Fast 6000 offizielle Helfer im Einsatz

Insgesamt sind zurzeit laut Einsatzleiter Hans-Peter Plattner 5974 Helfer vom Katastrophenschutz, Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Technischem Hilfswerk (THW), Polizei und Bundeswehr im Einsatz - darunter 1462 in Altenahr und 1368 in Bad Neuenahr. Das THW kümmere sich beispielsweise um Räumungsarbeiten, zusammen mit der Feuerwehr um die Ölbekämpfung und Pioniere der Bundeswehr um Brücken, nachdem von 72 Brücken 62 zerstört seien.

Brücke des THW in Bad Neuenahr-Ahrweiler fast fertig

Die neue Behelfsbrücke des Technischen Hilfswerks (THW) in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist inzwischen fast fertig. Voraussichtlich am Samstag werde die 52 Meter lange Brücke eröffnet. Nach Asphaltarbeiten an beiden Seiten für die Zufahrten könne die zweispurige Brücke dann wohl ab Anfang nächster Woche befahrbar sein. Sie soll auch für den Schwerverkehr geeignet sein und etwa vier Jahre stehen.

Nach Angaben des Sprechers sind derzeit fünf weitere Brücken des THW im Ahrtal geplant: Drei Fußgängerbrücken mit einer Länge von je 40 Metern und zwei weitere Fahrbrücken à je 50 Meter.

Spontanhelfer würden vor allem für Aufräumarbeiten zur Wiederherstellung der Infrastruktur benötigt, so Plattner. Diese sollten die Shuttles von den zentralen Sammelplätzen nutzen, um gezielt in die Einsatzbereiche zu kommen. Die Polizei ist laut Polizeirat Florian Stadtfeld tagsüber mit rund 1000 Kräften und acht Hubschraubern im Einsatz, 300 uniformierte Polizeibeamte seien nachts unterwegs.

Neben Verkehrsmaßnahmen liege der Fokus auf Vermisstenverifizierung und Leichenidentifizierung. Von 134 Toten seien 80 identifiziert, 766 Menschen seien verletzt, 69 noch vermisst.

Unklar, wann Schulen wieder öffnen können

Unklar ist bislang die Lage der Schulen und wann diese nach Ende der Sommerferien am 27. August wieder öffnen können. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig traf sich in Burgbrohl im Kreis Ahrweiler mit Schulleitern, um einen ersten Eindruck von den Schäden zu bekommen. Demnach seien mehr als 30 Schulen von den Unwettern beschädigt worden. "17 davon sind so schwer betroffen, dass wir nicht davon ausgehen, dass sie bis zum Anfang des neuen Schuljahres wieder starten können", sagte Hubig bei tagesschau24. "Insgesamt gehen wir von einem Schaden im dreistelligen Millionenbereich aus."

Nun müsse unter anderem mit Schulträgern, Schulaufsicht sowie dem Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung geschaut werden, wie es nach den Sommerferien weitergehen könne, sagte Hubig. Der derzeitige Plan sei, dass Klassen der zerstörten Schulen übergangsweise auf andere Schulen in benachbarten Orten gehen können.

Neben dem Wiederaufbau von Schulgebäuden müsse man sich auch um Schüler und Lehrer kümmern, die das Erlebte verarbeiten müssten, betonte Hubig. Der Schulstart nach den Ferien werde daher begleitet von schulpsychologischen Angeboten.

Amtsärzte warnen vor Seuchengefahr

Trotz der insgesamt relativ stabilen Lage bleiben Gefahren bestehen. Amtsärzte kritisieren erhebliche Mängel in der medizinischen Grundversorgung in den Hochwassergebieten.

Die Situation sei "nach wie vor erschreckend" und in den betroffenen Regionen herrsche Seuchengefahr, sagte die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Gesundheit der Bevölkerung in den Katastrophengebieten sei "massiv bedroht, weil die Infrastruktur nicht funktioniert". Unter anderem seien in einigen Orten Krankenhäuser und Praxen zerstört worden. Es sei wichtig, mobile Arzteinheiten zu organisieren und in die Orte zu bringen, so Teichert, die bis 2012 das Gesundheitsamt im flutbetroffenen Landkreis Ahrweiler leitete.

"Reichsbürger" und "Querdenker" behindern Hilfsarbeiten

Auch die Bundespolizei übermittelte der Regierung einen alarmierenden Bericht zur Lage in den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Wie die "Bild"-Zeitung schreibt, wird darin die "Versorgung der Bevölkerung insgesamt als problematisch" bewertet. Viele Betroffene seien "stark traumatisiert" und "die Akzeptanz gegenüber den Einsatzkräften sinkt stetig".

In Rheinland-Pfalz behindern dem Bericht zufolge, "Reichsbürger in polizeiähnlicher Uniform" die Hilfsarbeiten, wie die "Bild"-Zeitung zitiert. Die Leute versuchten demnach "Einsatzkräften Platzverweise zu erteilen" - und so die Aufräumarbeiten zu behindern. Zuvor hatte es bereits Berichte gegeben, wonach in den Katastrophengebieten Helferinnen und Helfer beschimpft oder mit Müll beworfen wurden, unter anderem von sogenannten Querdenkern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juli 2021 um 09:00 Uhr sowie Deutschlandfunk um 08:00 Uhr.