Oskar Lafontaine bei einer Rede | dpa
Analyse

Rückzug Lafontaines Der Napoleon von der Saar tritt ab

Stand: 04.10.2021 16:20 Uhr

Lafontaine war einst Kanzlerkandidat und Vorsitzender der SPD. Zuletzt lieferte er sich als Fraktionsvorsitzender der Linken vor allem Scharmützel mit der eigenen Partei - nun will er sich zurückziehen.

Von Diana Kühner-Mert, SR

Im Sitzungssaal der saarländischen Linken-Landtagsfraktion herrscht eisiges Schweigen. Alle warten auf den Vorsitzenden Oskar Lafontaine, der einige Minuten zu spät kommt. Dass es unangenehm werden würde, ist allen klar. Auf der Tagesordnung steht der Rauswurf der langjährigen Abgeordneten Barbara Spaniol. Spaniol ist Stellvertreterin des Landesvorsitzenden Thomas Lutze, den Lafontaine einen Betrüger nennt und bitter bekämpft.

Diana Kühner-Mert

Die Landespartei ist unversöhnlich in zwei Lager gespalten. Fraktionschef Lafontaine wirft Parteichef Lutze Stimmenkauf und Manipulation der Mitgliederkartei vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lutze wegen des Verdachts der Urkundenfälschung. Er selbst spricht von einer Schmutzkampagne und bestreitet alle Vorwürfe.

Spaniol habe die Fraktion nicht ausreichend gegen Angriffe aus dem Landesvorstand verteidigt, lautet einer der Vorwürfe. Das Vertrauen sei zerstört, eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Eineinhalb Stunden dauert die Aussprache. Spaniol nimmt Stellung, verteidigt sich. Umstimmen kann sie die große Mehrheit der Fraktion nicht. Dass sie gehen muss - wohl nur noch Formsache.

Sieg Lutzes ist Niederlage für Lafontaine

Angebahnt hatte sich die Eskalation am Abend der Bundestagswahl. Lutze sicherte sich sein Mandat, eine herbe Niederlage für Lafontaine, der zuvor offen dazu aufgerufen hatte, im Saarland nicht die Linke zu wählen. Einen Tag später verkündete der 78-Jährige, er werde bei der Landtagswahl im kommenden März nicht noch einmal als Spitzenkandidat der Linkspartei antreten.

"Dass das Bedeutung für die Wahlergebnisse an der Saar hat, dürfte jedem klar sein, der ein bisschen die Zusammenhänge von Wahlen kennt", erklärte Lafontaine. Er war stets Erfolgsgarant der Saar-Linken bei Landtagswahlen. 2009 holte die Partei mehr als 21 Prozent der Stimmen, 2017 immerhin noch 12,8. Der Wiedereinzug in den Landtag im März dürfte ohne ihn schwer werden, zumal die Partei ein katastrophales Bild nach außen liefert.  

Zuletzt ist der parteiinterne Einfluss Lafontaines immer kleiner geworden. Nun geht er - und die anderen sollen nicht bleiben. Es ist dieses Zerstörerische, das Rache-Nehmen, das irritiert. Und das man doch kennt von dem einst ganz Großen auf der bundespolitischen Bühne.

Einst die SPD, heute die Linke

Im März 1999 legte Lafontaine einen der wohl spektakulärsten Rücktritte in der Geschichte der deutschen Politik hin. Bundesfinanzminister war er und Vorsitzender der damals starken SPD. Aus Protest unter anderem gegen die Wirtschaftspolitik von Bundeskanzler Gerhard Schröder schmiss er von einem Tag auf den anderen alles hin: Parteivorsitz, Ministeramt, Bundestagsmandat.

Lafontaine trat nach, immer wieder. Und machte sich schließlich auf zu neuen Ufern. Er war Mitbegründer der Linkspartei, jahrelang Fraktions- und auch Parteivorsitzender. Doch auch von dieser Partei hat er sich entfremdet. "Die Übernahme grüner Politikinhalte - offene Grenzen für alle, starke Betonung von Minderheitenthemen und ein Klimaschutz über Verteuerung von Benzin, Gas und Heizöl - ist Ursache für den Vertrauensverlust bei Arbeitnehmern und Rentnern …" analysiert er das desaströse Ergebnis der Linken bei der Bundestagswahl.

Es ist ein bitterer Abschied. Einst hatte Lafontaine große Schlachten geschlagen, etwa, als er 1995 seinen einstigen Weggefährten Rudolf Scharping von der SPD-Spitze verdrängte. Mehr als 50 Jahre hat er, wie er selbst es ausdrückt,  der "res publica", also dem Gemeinwohl, gedient. Seine große Zeit aber ist längst Geschichte. Heute gelingt es Lafontaine nicht, sich durchzusetzen gegen einen weitgehend unbekannten Bundestagsabgeordneten.

Ein tragisches Ende - wenn es das Ende ist

Als Rentner kann man sich diesen begnadeten Redner und Durch-und-Durch-Politiker aber auch schwer vorstellen. Ob der Rückzug von den Linken wirklich das Ende der politischen Laufbahn Lafontaines ist, hat er nicht abschließend beantwortet. Es gibt Mutmaßungen, wonach der 78-Jährige bei der Landtagswahl im März mit einer eigenen Liste antreten könnte. Die Chancen, es ins Parlament zu schaffen, stünden gut. Der Linken würde das massiv schaden.

Es wäre jedoch nur ein weiterer Schritt eines Abschieds auf Raten, dem manche schon jetzt fast mitleidsvoll zuschauen. Zum zweiten Mal rechnet Lafontaine mit einer Partei ab, die er einst geführt hat.

Es ist das tragische Ende einer großen Politikerkarriere. Wenn es denn wirklich auch das Ende ist.

Über dieses Thema berichtete SR aktuell am 27. September 2021 um 18:00 Uhr.