Lothar Wieler | dpa

Impfquote wohl unterschätzt Kritik an RKI-Chef Wieler

Stand: 09.10.2021 16:34 Uhr

Nach den Zweifeln an der eigenen Impfquote wird Kritik am RKI und seinem Präsidenten Wieler laut. Die FDP spricht von zu großer Nähe zur Regierung. Die Betriebsärzte weisen den Verdacht unzureichender Impf-Meldungen zurück.

Politiker von FDP und Grünen haben Unzufriedenheit mit dem Robert Koch-Institut und dessen Präsidenten Lothar Wieler geäußert. Hintergrund ist das Eingeständnis des Instituts vom Donnerstag, dass die Zahl der geimpften Menschen in Deutschland wohl lange zu niedrig angegeben worden sei.

Bei Wieler gebe es "von Fehlereinsicht keine Spur", sagte die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) der "Bild". Wieler sei "zu nah dran an der Linie der Bundesregierung", kritisierte sie. Die FDP wolle, dass die Behörde nicht länger dem Bundesgesundheitsministerium untersteht. Aschenberg-Dugnus sagte weiter, man haben schon vor Monaten geahnt, dass die Impfrate zu niedrig ausgewiesen werde. Die Bundesregierung habe dies jedoch stets bestritten. "Jetzt haben wir Oktober und Herr Wieler korrigiert die Quote um fünf Prozent nach oben. Und es wird so getan, als wäre das ein Erfolg."

Der Grünen-Politiker Dieter Janecek kritisierte ebenfalls in "Bild", in anderen Länder kenne man solche Probleme mit der Erfassung der Impfquote nicht. "Deutschland ist mal wieder überfordert", sagte er. Janecek sieht auch eine Mitverantwortung Wielers für die langen Schulschließungen in Deutschland: "Das RKI hat einen Kurs mitgetragen, der auf Kinder als angebliche Infektionstreiber ein besonderes Augenmerk gelegt hat."

RKI: Impfquote wohl unterschätzt

Das RKI hatte in dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht selbst Zweifel an seiner bislang offiziell bekannt gegebenen Impfquote geäußert. Es müsse hierbei eine "Unterschätzung von bis zu fünf Prozentpunkten für den Anteil mindestens einmal Geimpfter beziehungsweise vollständig Geimpfter angenommen werden", erklärte das Institut. Es sei "in der Erwachsenenbevölkerung von einem Anteil mindestens einmal Geimpfter von bis zu 84 Prozent und einem Anteil vollständig Geimpfter von bis zu 80 Prozent auszugehen". Die bislang offiziell dem RKI gemeldeten Zahlen dagegen ergaben bei den Erwachsenen aktuell eine Impfquote von 79,1 Prozent für mindestens einmal Geimpfte und 75,4 Prozent für vollständig Geimpfte.

Als Grund für die Verzerrung der Zahlen nannte das RKI, dass manche Stellen nicht alle Impfungen an das Institut melden würden - insbesondere bei den Betriebsärzten sei davon auszugehen, dass nur etwa die Hälfte der tatsächlich gemeldeten Impfungen in der Statistik erfasst worden seien. Um die insgesamt gemeldeten Zahlen zu überprüfen, ließ das Institut demnach eine Telefonumfrage unter mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürgern erstellen. Das Ergebnis wies auf eine deutlich höhere Impfquote hin.

Betriebsärzte: Annahme "äußerst unrealistisch"

Die Betriebsärzte hingegen weisen den Verdacht unzureichender Meldungen an das offizielle Impfregister vehement zurück. "Dass nur die Hälfte der Betriebsärzte Daten an das RKI gemeldet haben soll, halten wir für äußerst unrealistisch", sagte der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, der "Augsburger Allgemeinen". "Ein bedeutender Teil der Betriebsarztimpfungen tauchen in der Datenbank als normale Arztimpfungen auf."

Das RKI selbst habe darauf bestanden, dass jene Betriebsärzte, die gleichzeitig eine Kassenzulassung haben, ihre Daten über die bestehenden Systeme der Kassenärztlichen Vereinigungen und nicht über das kompliziertere Direktmeldeverfahren an das Berliner Institut melden, sagte Panter. "Wir gehen davon aus, dass dies für rund 1500 Betriebsärzte gilt, die in Betrieben geimpft haben und ihre Daten an die Kassenärztlichen Vereinigungen übermittelt haben." Gehe man "realistisch davon aus, dass jeder dieser 1500 Ärzte 1000 Betriebsangehörige geimpft hat, wäre man bei 1,5 Millionen Impfungen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen am Abend" am 09. Oktober 2021 um 18:15 Uhr.