Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor sein Gesicht. | dpa

Kriminalstatistik zum Corona-Jahr Viel mehr Gewalttaten gegen Kinder

Stand: 26.05.2021 08:55 Uhr

Das Bundeskriminalamt stellt Zahlen zu Gewalt an Kindern im Corona-Jahr vor. Klar wird: Die Lockdowns haben das Problem massiv verschärft. Die Deutsche Kinderhilfe sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Von Nina Amin, ARD-Hauptstadtstudio

Geschlossene Schulen, Kitas, Jugendzentren und Sportvereine - seit dem ersten Corona-Lockdown warnen Mediziner und Kinderschützer: Kinder und Jugendliche geraten aus dem Blickfeld. Und das, obwohl viele von ihnen vor Gewalt und sexuellem Missbrauch geschützt werden müssen.

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio

Weggefallenes Hellfeld

Die damals noch amtierende Familienministerin Franziska Giffey sagte vor gut einem Jahr: "Wenn jetzt Kinder und Jugendliche nicht in der Schule sind, dann fällt das Hellfeld weg. Es fällt niemandem auf, wenn es vielleicht einen Kinderschutzfall gibt, weil die Kinder im häuslichen Umfeld sind. Das macht es schwieriger. Wir gehen davon aus, dass sich viel im Dunkelfeld abspielt."

Was nicht im Dunkeln bleibt, sondern als Straftat registriert wird, wird jährlich in der Polizeilichen Kriminalstatistik registriert. Heute stellt der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, gemeinsam mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, konkrete Zahlen aus dem vergangenen Jahr vor, dem Corona-Jahr 2020. Also wie viele Kinder geschlagen, getötet, misshandelt oder sexuell missbraucht wurden.

Kinderhilfe: Deutliche Zunahme von Gewalt

Die Deutsche Kinderhilfe hat die Statistik schon ausgewertet. Deren Vorstandsvorsitzender Rainer Becker sagt dem ARD-Hauptstadtstudio: "Wir haben festgestellt, dass wir deutlich mehr Misshandlungen haben. Wir haben sogar mehr getötete Kinder. Das waren unsere schlimmsten Befürchtungen, und sie sind eingetreten."

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer, bestätigte im ARD-Morgenmagazin einen drastischen Anstieg der sexuellen Gewalttaten gegen Kinder. Die Anzahl sei von einem hohen Niveau im Jahr 2019 jetzt noch einmal um 1000 auf insgesamt 16.000 gestiegen.

Schlimm sei auch, so Becker, dass immer mehr kinderpornografisches Material verkauft, hergestellt und im Netz verbreitet werde. "Da hatten wir Steigerungen um 50 Prozent, wobei wir sicherlich differenzieren müssen. Wir müssen einmal dieses hardcore-kinderpornografische Material sehen, dass im Darknet gehandelt wird und wo die Täter echten Missbrauch begehen", so Becker. "Und dann werden dabei natürlich auch manchmal Jugendliche und Kinder mitabgefischt, die einfach mal auf ihrem Handy irgendwelche Nacktaufnahmen machen, von einer Freundin oder einem Freund."

Auch Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm, meint: Die Zahlen der Kriminalstatistik müssten differenzierter betrachtet werden.

Mehr Medienerziehung gefordert

Im Fokus müssten Straftaten von sexueller Gewalt stehen, nicht Jugendliche, die sich ausprobieren: "Jugendliche experimentieren ganz normal im Rahmen ihrer Entwicklung mit Sexualität. Das heißt auch: Mit Handys, Videos, Fotos. Betrifft das dann bestimmte Altersgrenzen, wird das als Kinderpornografie klassifiziert. Die Strafverfolgung sollte sich auf ganz klar auf die Netzwerke erwachsener Täter, die Kinder und Jugendliche ausbeuten, konzentrieren", so Fegert.

Für Jugendliche und Kinder fordert der Psychiater im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio deutlich mehr Medienerziehung. Ihnen müsse klar gemacht werden, wie gefährlich es ist, wenn sie beispielsweise Nackfotos im Netz hochladen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Mai 2021 um 09:00 Uhr.