Ein Stethoskop liegt in Potsdam auf mehreren Geldscheinen. | Bildquelle: dpa

Erstmals seit 2015 Krankenkassen mit Milliardendefizit

Stand: 06.03.2020 18:34 Uhr

Die Krankenkassen haben 2019 mehr ausgegeben als sie einnahmen. Noch können sie das Minus durch Rücklagen auffangen, doch mittelfristig drohen höhere Beiträge. Und das Coronavirus sorgt für Ungewissheit.

Die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) sind im vergangenen Jahr erstmals seit 2015 wieder ins Minus gerutscht. Unterm Strich stand ein Defizit von 1,5 Milliarden Euro, wie das Bundesgesundheitsministerium nach vorläufigen Zahlen mitteilte. Im Jahr 2018 waren noch zwei Milliarden Euro Überschuss verbucht worden.

Die Rücklagen schmolzen von 21 Milliarden auf 19,8 Milliarden Euro. Das entsprach im Schnitt aber immer noch etwa dem Vierfachen der vorgeschriebenen Mindestreserve, wie das Ministerium betonte. Die Kassen warnten vor weiteren Mehrausgaben durch neue Gesetze. Offen sind auch die Kosten, die wegen des Coronavirus auf das ganze Gesundheitswesen zukommen.

Kassen nennen das Defizit "besonders alarmierend"

Dass die Finanzlage der 109 Krankenversicherungen mit ihren 57 Millionen Mitgliedern schwieriger wird, hatte sich schon länger abgezeichnet. Das Defizit sei "besonders alarmierend, weil die derzeit noch brummende Konjunktur für Rekordeinnahmen gesorgt hat", erklärte GKV-Spitzenverbands-Chefin Doris Pfeiffer. Die Einnahmen stiegen um 3,8 Prozent auf 250,4 Milliarden Euro. Allerdings legten die Ausgaben stärker zu: um 5,2 Prozent auf 251,9 Milliarden Euro.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte dennoch mit Blick auf die gesamte Finanzlage samt Rücklagen, die aktuellen Zahlen zeigten in die richtige Richtung. "Die Beitragszahler profitieren von niedrigeren Zusatzbeiträgen, weil Krankenkassen endlich ihre übermäßig hohen Finanzreserven abbauen. Und gleichzeitig kommen auch die notwendigen Leistungsverbesserungen bei den Versicherten an."

Neue Gesetze sorgen für Mehrausgaben

In fast allen Bereichen des Gesundheitswesens wurde im vergangenen Jahr mehr ausgegeben als im Vorjahr. So stiegen die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen um 3,9 Prozent auf 80,9 Milliarden Euro - das sind knapp ein Drittel der Gesamtausgaben. Für ambulante ärztliche Behandlungen etwa in Praxen gaben die Kassen 45,6 Milliarden Euro (plus vier Prozent) aus.

Beim drittgrößten Kostenblock, den Arzneimitteln, gab es eine Steigerung von 5,6 Prozent auf 43,4 Milliarden Euro - den stärksten Anstieg darunter bei Schutzimpfungen mit 17,5 Prozent. Ihre Verwaltungskosten haben die Kassen um 1,9 Prozent auf 11,2 Milliarden Euro gesenkt.

Mit Mehrausgaben schlugen auch Gesetze der Großen Koalition zu Buche, die die Versorgung verbessern sollen - etwa für mehr Pflegepersonal, schnellere Arzttermine oder für Krankengymnastik und Massage. Die Kassen mahnen, das Defizit von 2019 sei "ein Fingerzeig" an die Politik, dass sie mit Gesetzen direkten Finanzeinfluss nehme.

Es drohen schwierige Zeiten

Für die meisten Beitragszahler ist die Lage vorerst stabil. Zum Jahreswechsel blieb für 95 Prozent der Mitglieder der Zusatzbeitrag gleich, den die Kassen selbst festlegen können - für einige gab es eine Anhebung oder eine Senkung. Im Schnitt wird aktuell weiter ein Zusatzbeitrag von 1,0 Prozent erhoben. Der Gesamtbeitrag umfasst daneben den allgemeinen Satz von 14,6 Prozent.

Um Anhebungen zu vermeiden, gingen viele Kassen an ihre Rücklagen. Ab diesem Jahr greift außerdem eine Pflicht, dass Kassen mit sehr großen Finanzpolstern Reserven abbauen. "Bei aller Freude über die stabilen Beiträge Anfang dieses Jahres muss man davon ausgehen, dass es ab 2021 sicherlich schwieriger werden wird", sagte Pfeiffer. Viele Gesetze führten zu dauerhaft höheren Ausgaben. "Und wenn die Rücklagen erst einmal aufgebraucht sind, führt kein Weg an höheren Beiträgen vorbei."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. März 2020 um 17:30 Uhr.

Darstellung: