Eine Mutter steht mit ihren Kindern vor dem Kita-Eingang und klingelt. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise Wie geht es mit den Kitas weiter?

Stand: 06.05.2020 05:22 Uhr

Millionen Eltern warten mit Spannung darauf, was Bund und Länder heute zur Wiedereröffnung der Kitas entscheiden. Einige Einrichtungen haben Sorge, Hygienevorschriften nicht einhalten zu können.

Von Lucretia Gather, SWR

Gabriele Schuster leitet die Kita "Wingertswichtel" in Hahnheim südlich von Mainz. "Ich bin gespannt, was heute entschieden wird", sagt sie. Und dämpft gleichzeitig die Hoffnung vieler Eltern, ihre Kinder bald wieder in den Kindergarten schicken zu können. "Am liebsten würden wir alle Kinder nehmen", sagt sie. "Aber wie sollen wir das denn stemmen?"

Zu wenig Personal, zu wenig Raum

Seit inzwischen sieben Wochen läuft die Kita "Wingertswichtel" im Notbetrieb. Von den 130 Kindern sind etwa 40 Kinder da. Schusters Problem: Sie will, dass möglichst alle Kinder kommen können, aber sie muss auch dafür sorgen, dass die strengen Hygieneregeln eingehalten werden.

Bei den "Wingertswichteln" sieht das so aus: Am Morgen wird bei jedem Kind Fieber gemessen, die Eltern betreten die Einrichtung gar nicht. Die Kinder sind aufgeteilt in kleinere Gruppen, und begegnen sich im Idealfall weder drinnen noch draußen. Regelmäßig werden Flächen desinfiziert und Hände gewaschen. "Im Moment funktioniert das alles irgendwie", sagt die Leiterin. Sollte die Kita für alle Kindern öffnen, wisse sie nicht, ob dieses Prozedere weiter klappen könnte.

Die Einrichtung habe definitiv nicht genügend Räume, um alle 130 Kinder in Kleingruppen zu betreuen - und so die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Und schon gar nicht genug Personal. Dazu kommt: Ein Drittel ihrer Mitarbeiter gehöre zur Corona-Risikogruppe, sei also entweder älter als 60 Jahre oder vorerkrankt. 

"Wir wissen, wie wichtig wir für die Familien sind und wollen niemanden abweisen, aber das werden wir müssen", sagt Schuster. Diese Entscheidung sei sehr schwer.

Warnung vor zu schneller Öffnung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert genug Vorlaufzeit für eine schrittweise Öffnung der Kitas. "Mehr Kinder in dieser Situation heißt, dass es eine gute Planung geben muss, Räume umzugestalten, Möbel zu entfernen, Spielsachen neu aufzuteilen und den Personaleinsatz zu planen. Das geht nicht von heute auf morgen", sagt Björn Köhler, GEW-Vorstandsmitglied.  

Vor allem müsse das Personal ausreichend geschützt werden: Jeder, der zu Risikogruppen gehöre oder älter als 60 Jahre alt sei, sollte selbst entscheiden können, sich um die Kindern zu kümmern oder nicht. Außerdem fordert die GEW, nicht mehr als fünf Kinder in einer Gruppe betreuen zu lassen.

Eltern fordern Angebot für jedes Kind

"Nicht akzeptabel" nennt Andreas Winheller, Vorsitzender des Landeselternausschusses Rheinland-Pfalz, die Forderung der Gewerkschaft. "Erzieher müssen ein gesellschaftliches Restrisiko leisten können", sagt er. 

Jedes Kind habe ein Recht auf soziale Interaktion, Förderung und Bildung. Deswegen erwarte er, dass im Laufe des Monats Mai wirklich jedes Kind ein Betreuungsangebot von seiner Kita bekomme. Städte und Einrichtungen müssten dafür nach kreativen Lösungen suchen.

Für die Städte habe nach wie vor der Infektionsschutz hohe Priorität, sagt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. Er verstehe den Wunsch vieler Familien nach offenen Kitas. Allerdings sei für die Städte besonders wichtig, dass die Kitas ihre Belastungsgrenze nicht überschreiten. Man erwarte, dass die Länder bei einer Wiederöffnung der Kitas die Hinweise aus den Kommunen und von den Trägern berücksichtigten.

Bundesländer wollen notfalls im Alleingang öffnen

In der vergangenen Woche hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) gemeinsam mit der Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder einen Stufenplan zur Wiedereröffnung der Kitas vorgelegt. Der sieht einen "behutsamen Wiedereinstieg" in die Kindertagesbetreuung in vier Schritten vor, unter Berücksichtigung des Infektionsgeschehens und der "jeweiligen Situation vor Ort". Ziel ist die Rückkehr zum Regelbetrieb.

Inzwischen drücken einzelne Bundesländer aufs Tempo: Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP) hat bereits mit einem Alleingang gedroht, sollte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten keinen einheitlichen Öffnungskurs beschließen.

"Öffnung für alle ist eine Illusion"

An der Basis bleibt die Skepsis: Jürgen Brehme, Geschäftsführer des Vereins "Freier Kindergarten Leipzig" sagt: "Wir haben hier kaum Personal, das in Vollzeit arbeitet." Auch fehlten die Räumlichkeiten, um kleinere Gruppen anzubieten.

Erst recht nicht mit den Auflagen, die den Trägern in punkto Hygiene gestellt würden. Man könne nicht einfach eine Trennwand in jeden Raum ziehen und so mehr Platz schaffen. "Die Kinder müssen sich ja auch bewegen können". Alle Kitas für alle Kinder öffnen und die Hygieneregeln einhalten? "Das ist eine Illusion", findet Brehme.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 06. Mai 2020 um 06:40 Uhr.

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