Ein Pater segnet einen Traktor | Bildquelle: ARD aktuell

tagesthemen mittendrin Warum die Kirche Traktoren segnet

Stand: 05.10.2020 14:41 Uhr

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Um den Abwärtstrend aufzuhalten, will die Kirche neue Wege gehen. Ein Pater in der Eifel zeigt, wie das gelingen kann. 

Von Ute Spangenberger, SWR 

Pater Albert Seul hat ein intensives Wochenende hinter sich: Er segnete Pilger, die auf der Durchreise waren, Kranke, Tiere und sogar Traktoren. "Alles, was dem Leben dient, kann gesegnet werden. Man stellt gleichsam ein Geschöpf, also ein Mensch oder ein Tier, aber auch eine Sache vor Gott, damit er seine schützende Hand darüber legt", erzählt der Pater. Der 49-jährige Dominikaner steht der Wallfahrtskirche in Klausen vor. Der Ort liegt in der Eifel und ist die größte Wallfahrtgemeinde in Rheinland-Pfalz. 

#mittendrin: Gesegnete Traktoren und ein Pfarrer inmitten seiner Gemeinde
tagesthemen 22:35 Uhr, 05.10.2020, Ute Spangenberger, SWR

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Traktorsegnung und Begegnung

Auf einem Parkplatz am Dorfende von Klausen haben sich Dutzende Männer und einige Frauen mit ihren Traktoren versammelt, um vom Pater gesegnet zu werden. Seit fünf Jahren gibt es diese Veranstaltung und erfreut sich großer Beliebtheit: "Die Idee ist zusammen mit dem Bürgermeister entstanden", erläutert der Pater, während er die Dorfstraße hinunter zum Parkplatz läuft. Um ihn herum hupt es.

Aus allen Richtungen kommen Gefährte: "Hier auf dem Land in der Landwirtschaft ist der Traktor ein großes Thema, vor allem für die Männer. Diese Segnung ist ein Angebot an sie. Die Kirche hat oft ein Problem gerade Männer anzusprechen, und mit dem Traktorthema komme ich gut an Männer ran." 

Unten auf dem Dorfplatz ist der Dominikanerpater sofort im Gespräch mit den Traktorfahrern. Dass die meisten von ihnen nicht regelmäßig, manche vielleicht sogar nie in die Kirche gehen und das auch in Zukunft nicht tun werden, stört den Pater überhaupt nicht: "Ich bin kein Missionar, der hier herumläuft und gleichsam versucht Schmetterlinge einzufangen. Ich mache keine Kaltakquise."  Er möchte erst einmal Zugang zu den Menschen bekommen.

Ein Pater spricht vor Kindern | Bildquelle: ARD aktuell
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Pastor Seul im Einsatz - auch beim Nachwuchs

Kirchenaustritte und Reformen 

Dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten beschäftigt auch den Pater. Aktuell gibt es in Deutschland noch 22,6 Millionen Katholiken und 20,7 Millionen Protestanten. Diese Zahlen hatten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland im Sommer vorgestellt. Bei den Katholiken etwa kehrten im vergangenen Jahr 272.771 Menschen der Kirche den Rücken. Das waren 26 Prozent mehr als 2018. 

Pater Seul glaubt, dass sich die Kirche zu viel mit sich selbst beschäftigt und falsche Wege geht. Beispiel Priestermangel: Ein Schreiben aus dem Vatikan hatte im Sommer die Bistümer erreicht. Darin hieß es, dass katholische Laien in Gemeinden keine Priesterfunktion übernehmen dürfen, trotz Priestermangel. Unzählige Diskussionen folgten. Der Pater plädiert für eine Art "dritten Weg": "Mein Vorschlag wäre ein anderer: nicht die Kirche laizisieren, sondern das Priesteramt öffnen, also das Zölibat aufzuheben und Frauen zu Priestern zu weihen. Dann hätte man auch mehr Amtsträgerinnen und Amtsträger."

Neue Formate 

Zurück zur Traktorsegnung: Inzwischen ist auch der ehrenamtliche Bürgermeister von Klausen, Alois Meyer, angekommen - natürlich mit seinem Traktor. Er freut sich, dass sich so viele Menschen trotz des schlechten Wetters aufgemacht haben und ist überzeugt: "Es braucht solche Formate wie eine Traktorwallfahrt, eine Motorrad- oder ein Fahrradwallfahrt, die Menschen bewegen, den Kontakt zur Kirche zu suchen."

Zwei jüngere Männer neben ihm erzählen, dass sie eigentlich nie in die Kirche gehen. Die Traktorsegnung finden sie gut, wegen der Gemeinschaft. Auch den Pater mögen sie. 

Kirche und Corona

Der Pater glaubt, dass viele seiner Kirchenkollegen in den vergangenen Monaten während der Corona-Zeit keine sonderlich gute Figur gemacht haben: "Es gibt manche, die sind vor lauter Angst in den Pfarrhäusern geblieben und haben keine Ideen entwickelt", sagt er leicht genervt.

Pater Seul gehörte zu den ersten Geistlichen, die im Frühjahr, als die Kirchen schließen mussten, online ging und via Sozialer Medien predigte. Er wollte weiterhin nah bei den Menschen sein.  

Tobias Marenberg, der zusammen mit dem Pater ehrenamtlich die Veranstaltungen der Wallfahrtskirche organisiert, wünscht sich von der Kirche mehr Initiative und Mut: "Auf die Menschen zugehen, viel abfragen, wie es auch der ehemalige Kaplan hier aus Klausen, mittlerweile der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Herr Georg Bätzing sagt: Wir müssen verstehen, was die Menschen wollen."

Der Pater hofft, dass dem Verstehen Taten folgen und die Kirche aus ihrer Selbstbespiegelung heraustritt. "Gottesdienst ist immer da, wo Gott den Menschen begegnet", sagt er und beginnt mit der Segnung. Mehrere Eimer Weihwasser bringt er an diesem Wochenende unters Volk. 

 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Oktober 2020 um 22:36 Uhr.

Korrespondent

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Ute Spangenberger, SWR

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