Kleinkinder in der Krippe waschen sich die Hände | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Wie schnell infizieren sich Kinder?

Stand: 30.04.2020 11:18 Uhr

Wie leicht infizieren sich Kinder, wie leicht stecken sie andere an? Darüber ist immer noch wenig bekannt. Es gibt bisher nur einige Studien, und die widersprechen sich zum Teil.

Von Lena Petersen, NDR

Kinder mit Covid-19 haben meist milde Krankheitsverläufe. Das gilt in der Medizin als weitestgehend gesichert. Unter den 159.000 gemeldeten Corona-Fällen in Deutschland sind außerdem nur etwa ein Prozent Kinder bis vier Jahre. So die Zahlen des Robert Koch-Instituts.

Trotzdem sind sich Forscher darüber uneins, wie häufig sich Kinder tatsächlich mit dem Coronavirus anstecken. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité beruft sich auf eine Studie aus China. Die besage, dass die Rate der infizierten Kinder genauso hoch sei wie die Rate in allen anderen Altersgruppen. Das hieße: Kinder könnten sich mit dem Virus genau so leicht anstecken wie Erwachsene.

Studie: Kinder stecken sich seltener an

Ein ganz anderes Ergebnis liefert eine Studie aus Island. Der Infektiologe Ansgar Lohse von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) hält die Erkenntnis, dass Kinder sich wesentlich seltener anstecken, für plausibel.

"Dort war kein einziges Kind unter zehn Jahren positiv, während im Rest der Bevölkerung das Virus bei einem Prozent der Bevölkerung nachweisbar war", sagt Lohse. "Das spricht dafür, dass es sich in Kindern nicht lange hält, und das macht es wahrscheinlich, dass auch Übertragungen von Kindern auf andere kein großes Problem darstellen."

Tom malt gemeinsam mit seiner Mutter Monika Kabus einen Regenbogen an das Fenster ihrer Wohnung. | Bildquelle: dpa
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Bisher weiß man noch zu wenig darüber, wie schnell sich Kinder mit dem Coronavirus anstecken. Weitere Studien sollen folgen.

Kritiker: Studien nicht aussagekräftig

Kritiker bezweifeln, dass die Stichprobe der Studie tatsächlich Aufschluss über die gesamte Bevölkerung gibt. Das Problem bei der Datenerhebung generell zurzeit ist: Solange Schulen und Kitas geschlossen sind, kommen Kinder viel zu wenig mit anderen in Kontakt. Deshalb kommen sie im Moment meistens nur als Zweitinfizierte in einem Haushalt in Frage. Die Zahlen sind also womöglich oft nur begrenzt aussagekräftig.

Niederlande zeigen ähnliche Ergebnisse

Lohse ist trotzdem überzeugt, dass Kinder sich seltener infizieren und keine Superspreader, also keine Virenschleudern sind. So sieht es auch Eckhard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Nagel argumentiert mit Zahlen aus den Niederlanden. Dort wurden in Hausarztpraxen Familien untersucht, in denen es zunächst eine infizierte Person gab.

"Auch da hat man festgestellt, dass kein einziges Kind erkrankt oder positiv ist. Auch da in einer ganz anderen Bevölkerung, in einer ganz anderen Untersuchung, aber in vergleichbaren Konstellationen gibt es keinen Hinweis darauf, dass Kinder besonders gefährlich sind oder sich überhaupt infizieren."

"Kinder 'verschlucken' Coronaviren"

Auch der Blick auf Untersuchungen zu älteren Coronaviren zeige laut Nagel, "dass Kinder offensichtlich diese Infektion ein Stück weit 'verschlucken', dass dies ein Phänomen ist, was für die Coronaviren gilt, ohne dass wir wissen warum."

Bei anderen Erkältungskrankheiten verbreiten Kinder die Erreger leichter, weil sie zum Teil 10.000 Mal mehr Viren im Rachen haben als Erwachsene, sagt der Virologe Drosten. Die Labore müssten ihre Daten zum neuartigen Coronavirus jetzt zusammentragen.

Wie ist die Viruskonzentration bei Kindern?

"Dann kann man schauen, wie die Viruskonzentration im Rachen von Kindern ist", so Drosten. "Wir sind bei uns im Labor gerade dabei, das zu untersuchen. Wir werden das ganz schnell an die Öffentlichkeit bringen, so dass man auch verstehen kann, wie die Datengrundlage ist."

Weitere Studien in Baden-Württemberg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern werden die Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen konkreter in den Blick nehmen.

Dadurch sollen die noch großen Wissenslücken geschlossen werden. Diese Lücken nutzen die einen als Argument für eine rasche Kita- und Schulöffnung, die anderen sehen darin einen Grund zur Vorsicht.

Über dieses Thema berichtete BRISANT im Ersten am 22. April 2020 um 17:15 Uhr.

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