Gregor Maria Hanke | Bildquelle: picture alliance / dpa

Reformen im Bistum Eichstätt "Wir dürfen keine Sonderwelt sein"

Stand: 22.10.2018 18:00 Uhr

Ein millionenschwerer Finanzskandal erschütterte sein Bistum. Nun stößt Eichstätts Bischof Hanke tiefgreifende Reformen an und trifft dabei auf massiven Widerstand in seiner Kirche.

Von Katja Riedel, WDR

Nach den Erfahrungen mit einem Finanzskandal fordert der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke dringende Reformen in der Kirche. In seinem Bistum Eichstätt waren etwa 50 Millionen Euro in ungesicherte Immobiliengeschäfte geflossen, viel davon dürfte verloren sein. Bischof Hanke hat jetzt alle Schlüsselpositionen seiner Finanzverwaltung mit externen Fachleuten besetzt - gegen heftigen internen Widerstand. In einem Exklusivinterview mit WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) geht der Bischof mit sich und seiner Kirche hart ins Gericht: "Die Kirche darf nicht den Anspruch erheben, eine Sonderwelt mit eigenen Regeln zu sein."

Das Bischofshaus mit der Wohnung des Eichstätter Bischofs vor dem Dom zu Eichstätt im Hintergrund | Bildquelle: dpa
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50 Millionen Euro hat das Bistum Eichstätt mit hochriskanten Anlagegeschäften verloren.

"Wir müssen uns öffnen"

Er selbst sei mit der Aufsicht über die Finanzen seines Bistums überfordert gewesen. Er sei unfähig gewesen, das Dickicht im abgeschlossenen System Kirche zu durchdringen, das auch nicht durchdrungen werden wollte - und sich bis heute abschotten und auf alten Verhältnissen beharren wolle.

Gegen diese Abschottung der Kirche vor dem Blick der Öffentlichkeit will Hanke nun vorgehen und übt vor dem Hintergrund jüngst zurückliegender Skandale in der katholischen Kirche harsche Kritik an Intransparenz. Diese sieht er als gemeinsamen Kern des Missbrauchsskandals wie auch eines millionenschweren Finanzskandals in seinem eigenen Bistum. "Alles, was hermetisch abgeriegelt ist, alles, was sich abgrenzt, das ist gefährlich. Ich denke, die Wurzel aller Skandale sind solche geschlossenen, vielleicht auch männerbündischen Biotope. Wir müssen uns öffnen, und wir müssen uns dem Blick von außen stellen", sagte Hanke im Interview mit WDR und SZ. Er fordert als Konsequenz radikale Offenheit in der katholischen Kirche und eine Beschränkung der Geistlichen auf rein seelsorgerische Aufgaben.

Revolutionäre Worte

Es sind Worte, die aus dem Mund eines Bischofs revolutionär klingen und stark am bisherigen kirchlichen Selbstverständnis rütteln. Seit 2006 ist Hanke Bischof in Eichstätt, war zuvor Abt des Klosters Plankstetten. 2016 ließ Hanke im Zuge der innerkirchlichen Transparenzoffensive die Bücher und unterschiedlichen Haushalte des Bistums von Fachleuten kontrollieren - heraus kam der eigene Finanzskandal.

Seit mehr als einem halben Jahr beschäftigt sich deshalb die Staatsanwaltschaft München II mit den intransparenten und mutmaßlich betrügerischen Vorgängen in Hankes südbayerischem Bistum, in dem der frühere stellvertretende Finanzdirektor im Verdacht steht, über hochriskante Immobiliendarlehen große Summen, auch aus Kirchensteuern, veruntreut zu haben. Etwa 50 Millionen Euro waren in ungesicherte Immobiliendarlehen in den USA geflossen, nach Informationen von WDR und SZ könnten bis zu 30 Millionen Euro verloren sein. Der Anwalt des Beschuldigten führt an, dass die Kirche in Eichstätt eine hochriskante Anlagestrategie gebilligt und auch schon früher verfolgt habe. Ein Prozessbeginn ist erst im nächsten Jahr zu erwarten.

Bischöfliches Ordinariat in Eichstätt | Bildquelle: dpa
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Im Bistum Eichstätt sollen die Finanzverwaltung und wirtschaftliche Fragen künftig von Fachleuten geregelt werden.

Hanke zeigt sich jedoch im ersten umfassenden Interview nach Bekanntwerden der Vorgänge nicht nur reumütig, sondern auch kämpferisch und angriffslustig. Er baut die Spitze seines Bistums um, will dem geistlichen Generalvikar eine Bistums-Managerin, bewusst eine Frau, an die Seite stellen und die finanziellen Schlüsselpositionen ausschließlich mit Wirtschafts-Fachleuten besetzen.

"Zu vertrauensselig", "zu langsam", "zu blind"

Bisher muss er dabei weitgehend ohne Unterstützung innerhalb seines Bistums auskommen, berichtet er. "Die Solidarität ist sehr überschaubar. Ich kann wenig Selbstreflexion bei denen erkennen, die in Verantwortung standen." Er sieht als Ursache von Skandalen wie in Eichstätt "eine Synergie von systemischem Versagen und auch Versagen von Personen" am Werk, sich selbst eingeschlossen. Das System, das er nun verändern will, hätte er nach eigenem Bekunden viel früher angehen müssen, reflektiert der Kirchenmann selbstkritisch. Er sei "zu vertrauensselig", "zu langsam", "zu blind" gewesen. Einen Rücktritt am Ende der Aufarbeitung des Skandals schließe er nicht aus. Es gebe innerhalb des Bistums massive Widerstände gegen ihn, gegen die nun angedachten Reformen und die Aufarbeitung, weshalb er zum jetzigen Zeitpunkt nicht abtreten könne. Es gebe aber "ganz starke Stimmen, die meinen Rücktritt fordern". 

Innerhalb der Kirche tragen Geistliche bisher Verantwortung für hohe Vermögen, in Eichstätt ist Hanke für jährlich 100 Millionen Euro aus Einnahmen sowie für 300 Millionen Euro Anlagevermögen zuständig. 

Seelsorge statt Anlagegeschäft

Dieses System, das spätestens seit dem Limburger Skandal um den damaligen Bischof Tebartz-van Elst und die aufwendige Sanierung seines Bischofssitzes stark in der Kritik steht, will Hanke jetzt aufbrechen - aufgrund mangelnder Kompetenz von Geistlichen in Wirtschafts- und Finanzfragen. Zwar haben die deutschen Bistümer seit dem Tebartz-Skandal die sogenannte Transparenzoffensive gestartet, ihre Bücher geordnet und bisher verborgene Bilanzen veröffentlicht. Nicht jedes Bistum hat dabei jedoch die strengsten Maßstäbe angelegt, deren Einsatz in Eichstätt den Skandal zutage gefördert hatten und Bischof Hanke dazu veranlasst hatten, im Februar Strafanzeige zu erstatten.

Für Hanke sind die Folgerungen nun klar: "Wir müssen uns als Priester, als Geistliche auf diese Bereiche konzentrieren, die uns aufgegeben sind, das ist die Pastoral- und die Seelsorge. Finanzverwaltung oder wirtschaftliche Fragen - das müssen wir Fachleuten übertragen." Intransparente Verhältnisse hätten zu Skandalen finanzieller wie sexueller Art geführt. Er habe mitunter den Eindruck, in der Kirche kungelte man auch die Finanzen lieber alleine aus, ohne den kundigen Blick von außen. Dies sei gefährlich: "Das ist der Nährboden für den sexuellen Missbrauch wie für den Missbrauch des Vermögens", sagt er.

Über dieses Thema berichtete die "Abendschau" am 23. Oktober 2018 um 18:00 Uhr im Bayerischen Fernsehen.

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