Natur pur und Kali-Bergbau | Bildquelle: Moritz Zimmermann

tagesthemen mittendrin Leben am Monte Kali

Stand: 21.10.2020 03:20 Uhr

Im hessisch-thüringischen Grenzgebiet rund um die Werra beeinflusst der Bergbau alles: Jobs, Wohlstand, Umwelt. Die Menschen versuchen, dies in Einklang zu bringen - doch es bleibt ein Konflikt.

Von Moritz Zimmermann, HR

"Ohne Kali gäbe es uns hier nicht", ist Hans-Jürgen Kessler sicher. Der Mann muss es wissen, er ist 69 Jahre alt, hat 48 davon im Unternehmen k+s verbracht, "über Tage", wie sie hier sagen. Er hat in der Werkstatt geschafft. Gemeinsam mit Ehefrau Reinhilde lebt er im hessischen Heringen an der Werra, sie ist ihr ganzes Leben hier, immerhin 66 Jahre. Das Haus befindet sich auf dem Hügel direkt gegenüber der Kali-Fabrik. Hier stellt k+s Produkte her, die in der ganzen Welt gefragt sind. Das Kali, das "unter Tage" gewonnen wird, wird hier verarbeitet.

Hans-Jürgen Kessler und Reinhilde Kessler aus Heringen (Werra) | Bildquelle: privat
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Die Kesslers haben auch dem Unternehmen ihr gutes Leben in Heringen zu verdanken.

Die sogenannten hochreinen Salze sind von außerordentlicher Qualität: 99,9 prozentige Reinheit. Aus ihnen werden Arzneimittelwirkstoffe für Firmen wie Merck, B.Braun oder Fresenius. Wer etwa im Krankenhaus einmal am Tropf hängt, der profitiert von dem, was k+s hier produziert. Die Kesslers haben dem Unternehmen ihr gutes Leben hier zu verdanken. Vier Milliarden Euro Umsatz macht der Konzern - und zahlt den Menschen, die das erwirtschaften, gute Gehälter.

#mittendrin: Kali-Bergbau zwischen Lebensgrundlage und Umweltzerstörung
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.10.2020, Moritz Zimmermann, HR

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"Früher ein toter Fluss"

Hinter dem Haus der Kesslers geht es direkt in Richtung Wald, herbstlich bunt ist es zu dieser Jahreszeit. Das Ehepaar genießt die Spaziergänge hier. Meist geht es bis hinunter an die Werra. Wie selbstverständlich geht es in den Werraauen am Fluss entlang. Dass das aber lange nicht selbstverständlich war, bringt Reinhilde Kessler auf den Punkt: "Früher war die Werra ein toter Fluss, für uns als Kinder war sie deshalb kein Ziel."

Warum die Werra mal ein "toter Fluss" war, wird ersichtlich, wenn der Blick von unten am Wasser in Richtung Berg geht. Der Berg bei Heringen ist über 500 Meter hoch, bedrohlich ragt er hinter den grünen Bäumen empor. Bei Nieselwetter sieht er beinahe gefährlich aus, grau statt weiß. Es ist kein natürlicher Berg, sondern ein Müllberg, der Stunde um Stunde größer wird. k+s häuft hier die Abfälle auf, die beim Kaliabbau entstehen. Nur 30 Prozent des abgebauten Materials sind verwertbar. Der Rest ist Abfall. Der wurde in der Vergangenheit beinahe unbegrenzt in den Fluss eingeleitet und zerstörte so das Leben dort - nur der Aal blieb übrig.

Flüssiger Abfall des Kaliabbaus | Bildquelle: Moritz Zimmermann
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Flüssiger Abfall des Kaliabbaus: Eine Belastung für die Umwelt

Seit 2009 ist Bergbau für Frauen erlaubt

Heute ist das anders. Seit etwa zehn Jahren unternimmt k+s eine Menge, um Grenzwerte einzuhalten und der Natur nicht mehr zu schaden, als es dem Unternehmen unvermeidbar erscheint. Ein anderes Produkt, das hier gewonnen wird, ist Düngemittel. Auf der ganzen Welt kommt es zum Einsatz, aus Sicht von k+s ist es ein wertvoller Beitrag zur Welternährung. So sagt es Ulrich Göbel, der Pressesprecher von k+s, der im weißen Schutzanzug selbst aussieht wie ein echter Kumpel. Unter Tage bohren die Arbeiterinnen und Arbeiter - seit 2009 ist Bergbau auch für Frauen erlaubt - Löcher, dann wird, wenn alle oben sind, gesprengt.

Anschließend wird das Kalisalz abtransportiert und eben in die verwertbaren Bestandteile und den Abfall zerlegt. Ein Teil davon wandert auf den Berg, genannt Monte Kali. Es gibt drei davon, die im Sonnenlicht weiß glänzen und der Region ihren Namen geben: Land der weißen Berge. Göbel, der Unternehmenssprecher, geht offen damit um: "Das ist ein Identifikationsmerkmal, ein Alleinstellungsmerkmal, Land der weißen Berge. Es klingt wie ein touristischer Slogan und war anfangs wohl auch so gedacht, und es bildet schon ein Zusammengehörigkeitsgefühl ab bei den meisten Menschen in der Region. Aber es gibt natürlich auch welche, das braucht man nicht zu beschönigen, die sagen, das ist ein Schandfleck."

Das Ehepaar Kessler sieht das nicht so. Zwar seien die Spuren des Bergbaus allgegenwärtig und sicher nicht immer positiv, doch ohne Bergbau gäbe es hier wohl kaum ein solches Leben, auch nicht für sie selbst. Bis zu 20.000 Existenzen hängen mittelbar mit dem Erfolg von k+s zusammen. "Wir haben die Region hier erst industrialisiert", sagt Göbel.

Unter Tage: Der Kampf um die Vereinbarkeit von Geschäft und Umwelt wird hier noch Jahre geführt werden. Bis 2060 reichen die Vorräte. | Bildquelle: Moritz Zimmermann
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Unter Tage: Der Kampf um die Vereinbarkeit von Geschäft und Umwelt wird hier noch Jahre geführt werden. Bis 2060 reichen die Vorräte.

Unternehmen hat umgesteuert

Mittlerweile aber hat auch das Unternehmen umgesteuert. In den Fluss wird nur noch minimal eingeleitet, alle Grenzwerte, wie der Chlorid-Grenzwert, sollen unbedingt eingehalten werden. Dafür wird der Fluss dauerhaft an 30 Messstellen überwacht. Intern bezeichnen sie die Werra als "bestüberwachten Fluss in ganz Europa" - früher galt er als salzigster. Doch Barsch und Hecht sind zurückgekehrt. Trotzdem landen mehrere 10.000 Tonnen täglich auf der Halde, wie der Monte Kali eigentlich genannt wird.

Rundherum werden die Abwasser in Becken aufgefangen, so sollen Fehler der Vergangenheit vermieden, das Grundwasser der Region vor Salzabfällen beschützt werden. Der Bergbau geht weiter. Noch bis 2060 seien Vorräte da. Und so lange es Genehmigungen für eine Haldenerweiterung gibt, also für das Wachsen des Monte Kali, so lange wird abgebaut werden. Für die Politik ist das ein ständiges Abwägen zwischen Ökologie und Ökonomie. Aber auch für die Menschen, die hier leben.

Dass die Region auch zahlreiche Naturschutzgebiete mit Tausenden Vogelarten und sogar Highland-Rindern zu bieten hat, geht gerne mal unter. Zu präsent ist der Bergbau, zu wichtig für das Leben in Hessen und Thüringen, denn wer hier unterwegs ist, der überquert die ehemals innerdeutsche Grenze gefühlt alle paar Minuten. Hier geht der Kalibergbau ohnehin voran. Die Werra-Werke gibt es in Hessen und Thüringen - und unter Tage ist von Grenzen ohnehin nichts zu spüren.

"Wir schicken die Thüringer Arbeiter nach Hessen und umgekehrt, je nachdem, wer wo gebraucht wird", sagt Andre Bahn, Betriebsratsvorsitzender von k+s. Im Bergbau geht es nur gemeinsam - und das gilt mittlerweile eben auch für den Kampf um Vereinbarkeit von Geschäft und Umwelt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.

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