Schleswig-Holstein, Neustadt in Holstein: Fahrzeuge sind bei dichtem Schneetreiben auf der L309 in der Nähe von Neustadt in Holstein unterwegs. | dpa

Wintereinbruch in Deutschland "Die Leute haben sich darauf eingestellt"

Stand: 10.02.2021 10:23 Uhr

Staus, Unfälle und Verspätungen: Der Wintereinbruch sorgt weiter für Einschränkungen im Verkehr. Zum erneuten Chaos auf den Autobahnen kam es aber nicht. Nach Angaben der Polizei normalisiert sich die Lage - trotz anhaltender Kälte.

Die Kälte hat große Teile Deutschlands weiter im Griff - zum befürchteten erneuten Chaos auf den Autobahnen ist es aber nicht gekommen. Trotz klirrender Kälte und Schnee gab es in der Nacht zum Mittwoch keine langen Staus mit stundenlangem Stillstand - auch nicht auf der A2 im Raum Bielefeld, auf der sich die Fahrzeuge in der Nacht zu Dienstag noch bis zu 70 Kilometer gestaut hatten.

Die Polizei hatte am Dienstag eindringlich vor einer weiteren Stau-Nacht gewarnt und Fahrer gebeten, die A2 und A30 weiträumig zu umfahren. Am Abend hatte die Polizei einen etwa drei Kilometer langen Stau auf der A30 gemeldet. Auf der A2 musste eine Ausfahrt wegen eines Unfalls in der Nacht zwischenzeitlich gesperrt werden. Die Lage blieb jedoch ruhig im Vergleich zur Nacht auf Dienstag.

Vereinzelte Glätteunfälle und Staus

Am Morgen kam es in Nordrhein-Westfalen dennoch zu langen Staus, unter anderem auf der A2 und der A40. Die Landesleitstelle der Polizei sieht das erhöhte Verkehrsaufkommen durch Pendler als Grund dafür. Wegen Glättegefahr und Restschnee werde auf den Autobahnen langsamer gefahren, sagte ein Polizeisprecher.

In anderen Bundesländern meldeten die Polizeistellen nur vereinzelt Glätteunfälle. In Schleswig-Holstein war die A7 im Kreis Rendsburg-Eckernförde zeitweise vollständig gesperrt, nachdem ein Räumfahrzeug gebrannt hatte. Es habe sich nur ein kurzer Rückstau gebildet, weil vergleichsweise wenige Autos unterwegs gewesen seien. "Die Leute haben sich auf das Wetter eingestellt", sagte eine Polizeisprecherin.

Noch Zugausfälle und Verspätungen

Wegen des Winterwetters kommt es weiter zu Problemen im Zugverkehr in Deutschland. "Auch heute und in den nächsten Tagen müssen Reisende in vielen Teilen des Landes witterungsbedingt mit erheblichen Einschränkungen im Nah- und im Fernverkehr rechnen", sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn.

Die Bahn arbeite daran, Schritt für Schritt auf immer mehr Verbindungen den Zugverkehr wieder aufzunehmen, schrieb das Unternehmen in seinem Wetterblog. "Strenger Frost, Schneeverwehungen und regional starker Neuschnee sorgen aber weiterhin für Verzögerungen und teils neue Einschränkungen."

Im Großraum Halle und einigen anderen Regionen müssten enorme Schneemassen wegtransportiert werden. Der Fernverkehr laufe auf vielen Strecken schrittweise wieder an. Auf den Ost-West-Verbindungen gebe es ein eingeschränktes Angebot und zum Teil deutliche Verspätungen. "Gleiches gilt für die Nord–Süd-Verbindungen."

Fahrgäste können ihre nicht genutzten Fernverkehrsfahrkarten für Fahrten von 6. bis 10. Februar noch sieben Tage nach Störungsende nutzen oder kostenfrei stornieren. Die Bahnsprecherin riet Reisenden und Pendlern, ihre Verbindung rechtzeitig zu überprüfen, am besten eine Stunde vorher mit der Internetseite, der App oder der Hotline.

Minus 26,7 Grad in Thüringen

In Thüringen zeigte sich ein Polizeisprecher erleichtert, dass sich die Lage normalisiert habe. "Wir sind froh darüber, dass es nicht noch mal geschneit hat." In dem Land wurden in der vergangenen Nacht Tiefstwerte von bis zu minus 26,7 Grad Celsius gemessen. Am kältesten war es in Olbersleben in Nordthüringen, wie ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD)mitteilte.

Auch wenn es nun insgesamt weniger Schnee geben soll, bleiben die Temperaturen eisig. "Hoch 'Gisela' sorgt mit einer nordöstlichen bis östlichen Strömung auch in den nächsten Tagen für verbreitet frostige Temperaturen tagsüber und nachts für strenge, über Schnee bei Aufklaren auch sehr strenge Fröste um minus 20 Grad", erläuterte DWD-Meteorologe Jens Bonewitz. Von Donnerstag an werde sich - anders als bisher - auch im Süden Deutschlands die Kaltluft komplett durchsetzen.

Klimaforscher hält mehr Kältewellen für denkbar

Kältewellen wie die derzeitige könnten sich nach Angaben des Klimaforschers Stefan Rahmstorf in Zukunft häufen - nicht trotz, sondern wegen des Klimawandels. "Das kann man auch darauf zurückführen, dass der Polarwirbel instabil geworden ist", sagte Rahmstorf der dpa. Der Polarwirbel drehe sich normalerweise um die Arktis in der Stratosphäre, der zweiten Atmosphärenschicht, gegen den Uhrzeigersinn und beeinflusse auch das Wetter in der Troposphäre, der unteren Atmosphärenschicht. Der Polarwirbel schließt die arktische Kaltluft ein - solange er sich nicht abschwächt oder gar umkehrt. "Dann kann die Kaltluft, die normalerweise in diesem Wirbel über dem Pol gefangen ist, auf Abwege geraten und auf die angrenzenden Kontinente wandern."

So kann es nach Angaben des Forschers passieren, dass es in Nordamerika oder Nordeuropa sehr kalt wird. "Dann wird es in der Arktis besonders warm. Die Kaltluft verlagert sich", erklärte Rahmstorf. Die Auswertungen von Daten der vergangenen Jahrzehnte haben nach Angaben des Potsdamer Forschers gezeigt, dass die Zahl der Tage mit instabilem Polarwirbel stark zugenommen hat. Er geht daher davon aus, dass es künftig möglicherweise mehr Kältewellen geben wird: "Wir rechnen schon damit, dass das Phänomen wahrscheinlich weiter zunehmen wird."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Februar 2021 um 09:00 Uhr.