Rabbi Moshe Flomenmann | Jenni Rieger, SWR
#mittendrin

Jüdisches Leben in Deutschland "Wir müssen uns nicht verstecken"

Stand: 27.01.2021 14:32 Uhr

Wer sich in Deutschland als Jude zu erkennen gibt, geht das Risiko ein, angefeindet zu werden. Auch heute noch. Der Rabbiner Moshe Flomenmann tut es trotzdem. Auch, um ein Stück Normalität zurückzuerobern.

Von Jenni Rieger, SWR

Wenn Rabbiner Moshe Flomenmann durch Lörrach läuft, angetan mit schwarzem Mantel und großem Hut, darunter die Kippa auf dem Kopf, so ist das immer auch ein Statement: Seht her, es gibt uns noch, uns Juden.

Jenni Rieger

"Die Leute schauen auf meinen Hut oder die Kippa, aber das spielt keine Rolle", so der Rabbiner. "Wir müssen unsere Identität zeigen. Hitler wollte Deutschland judenfrei machen und der Faktor, dass wir heute hier sind und jüdisches Leben leben, damit zeigen wir: Was Hitler vorhatte, hat nicht geklappt."

Rabbi Moshe Flomenmann | Jenni Rieger, SWR

Der Rabbiner Moshe Flomenmann in seiner Heimatstadt Lörrach. Bild: Jenni Rieger, SWR

Als Zwölfjähriger ist Flomenmann mit seinen Eltern aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Heute ist er badischer Landesrabbiner und steht der Israelitischen Kultusgemeinde in Lörrach vor. Die Synagoge am Rande der Innenstadt, ein schöner, moderner Bau, hell, groß - und von mehreren Kameras überwacht. "Nicht weil wir Angst haben", erklärt der Rabbiner, "aber wir sind vorsichtig."

In der Fleisch-Küche der Synagoge steht Flomenmanns Frau Tova. Sie bereitet das Sabbat-Essen für die Gemeindemitglieder vor. In anderen Zeiten würden sie sich alle gemeinsam zum Essen in der Synagoge treffen, aber wegen Corona bringt sie das Essen zu den Mitgliedern nach Hause.

Jüdisches Leben | Jenni Rieger, SWR

Vorbereitung des Schabbat-Essens für die Gemeindemitglieder. Flomenmann prüft, ob die strengen Regeln der Zubereitung eingehalten werden. Bild: Jenni Rieger, SWR

Koscher trotz Corona

Natürlich koscher, also gemäß den jüdischen Speiseregeln gekocht. Die besagen beispielsweise, dass Fleisch und Milch nie gemeinsam zubereitet werden dürfen - noch nicht einmal in der gleichen Küche.

Ihr Mann, der Rabbiner, kontrolliert die Einhaltung der Regeln. "Es steht in der Tora geschrieben, du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen. Schnitzel mit Rahmsoße, das darf bei uns nicht sein." Regeln Gesetze, Gebote - der jüdische Glaube ist voll davon.

Am Sabbat dürfen Juden nicht arbeiten, nicht kochen, nicht telefonieren. Noch nicht einmal den Knopf des Aufzuges dürfte der Rabbiner drücken, wenn es schon Freitagabend wäre. Der Lift der Synagoge ist deshalb mit einem Sensor ausgestattet - und öffnet sich am Sabbat von ganz alleine.

Wo auch immer möglich, versucht die Gemeinde, moderne Technik einzusetzen, um das Einhalten der Vorschriften zu erleichtern - aber es gibt auch Grenzen. Das wird spätestens dann deutlich, wenn Rabbi Flomenmann die Tora-Rolle aus einem Tresor im Gebetsraum holt. "Diese Rollen sehen noch genauso aus wie vor hunderten, vor tausenden Jahren. Unsere Religion lebt seit fast 4000 Jahren und wir versuchen sie genauso zu bewahren, wie damals", sagt er.

Er zeigt auf die filigranen Schriftzeichen auf dem Pergament. "Ein jüdischer Schreiber braucht etwa ein Jahr, um alle 304.805 Buchstaben hier zu schreiben. Fehlt auch nur ein einziger, so wäre die Rolle nicht mehr koscher, nicht mehr rein." Aber könnte nicht auch ein Computer die Schriftrolle beschreiben? Viel schneller? Der Rabbiner lächelt: "Kein Computer kann das wiedergeben, was eine jüdische Seele ist."

Rabbi Moshe Flomenmann | Jenni Rieger, SWR

Moshe Flomenmann beim Gebet. Ursprüngllich kommt er aus der Ukraine. Heute ist Flomenmann badischer Landesrabbiner und steht der Israelitischen Kultusgemeinde in Lörrach vor. Bild: Jenni Rieger, SWR

Blick auf eine Tora-Rolle | Jenni Rieger, SWR

304.805 Buchstaben für eine Tora-Rolle. Ein jüdischer Schreiber braucht dafür etwa ein Jahr. Bild: Jenni Rieger, SWR

Bewahrung der "jüdischen Seele"

Begleitet man den Rabbiner, so wird klar, dass er einen täglichen Spagat wagt - zwischen dem Bewahren eines uralten Glaubens und dem Überleben in modernen Zeiten. Denn dem Judentum geht es nicht anders als anderen Religionsgemeinschaften heutzutage: Viele Junge wenden sich ab von Tradition und Religion, den Nachwuchs zu halten, fällt schwer. Trotz Online-Gottesdiensten und Whatsapp-Chats.

Seine eigenen Kinder versucht das Ehepaar Flomenmann fest im jüdischen Glauben zu erziehen. Dafür schickt es seine siebenjährige Tochter extra nach Basel, auf eine jüdische Grundschule. Warum? "Damit sie von klein auf die Regeln und Bräuche unserer Religion lernt", so der Rabbiner. "Wenn die Kinder nicht den Eltern folgen, geht der Glaube verloren."

Dass seine Kinder es nicht immer leicht haben werden in Deutschland, dass weiß er. Auch, dass es manchmal Mut braucht, als Jude durchs Leben zu gehen. "Ich möchte, dass niemand Angst haben muss oder als Exot betrachtet wird, wenn er mit Kippa durch die Straßen läuft. Das muss wieder Normalität sein, genau wie vor dem Holocaust, vor der Shoa. Diese Normalität wollen wir wiederhaben, dieses jüdische Leben. Wir müssen uns nicht verstecken!"