Armin Laschet verlässt die Bühne des "Deutschlandtages" der Jungen Union. | dpa
Analyse

Neuaufstellung der CDU Noch traut sich keiner

Stand: 16.10.2021 21:06 Uhr

Beim "Deutschlandtag" der Jungen Union übernahm CDU-Chef Laschet die Verantwortung für das Wahldebakel. Seine potenziellen Nachfolger zeigten zwar Präsenz, warfen ihren Hut aber noch nicht in den Ring.

Von Kristin Schwietzer und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio, z.Zt. Münster

Der erste Anlauf geht schief. Jens Spahn wird angekündigt. Der Bass der Einzugsmusik wummert durch die Halle, die Delegierten sind zum Klatschen aufgestanden. Nur Spahn kommt nicht. Fehlalarm. Ein paar Minuten später läuft es dann wie geplant. Der Mann, der 2018 schon einmal Bundesvorsitzender seiner Partei werden wollte, hält eine Rede, die zumindest wie eine erneute Bewerbung klingt. "Ich habe Lust darauf, diese neue CDU zu gestalten." Und auch wenn es nicht explizit auf der Tagesordnung steht: Dieser "Deutschlandtag" ist auch eine Bühne für die Vorsitzfrage der CDU.

Kristin Marie Schwietzer ARD-Hauptstadtstudio
Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Laschet mit selbstkritischer Rede

Die Junge Union hat eine harte Analyse der Bundestagswahl zu Papier gebracht: "Neuanfang: Unser Plan für eine moderne Volkspartei". Fazit: "Das Ergebnis der Union bei der Bundestagswahl 2021 war ebenso katastrophal wie vermeidbar." Die Liste der Mängel ist lang: keine klaren Botschaften, handwerkliche Fehler in der Kampagne. Schließlich: der Kandidat. Armin Laschet habe die Herzen der Menschen nicht erreicht. "Ganz im Gegenteil: Viele Wähler haben der Union wegen des Personalangebots die Stimme nicht gegeben."

Am Samstagmorgen betritt der wichtigste Teil des "Personalangebotes" die Bühne: der Spitzenkandidat. Laschet wusste, dass es ungemütlich werden kann. Trotzdem ist er da - im Gegensatz zum CSU-Vorsitzenden Markus Söder, der abgesagt hat. Zum Unmut vieler Delegierter. Und so hat sich Laschet schon viel Respekt verdient, bevor er überhaupt ein Wort gesagt hat. Er wirkt mit sich selbst im Reinen, hält eine sehr selbstkritische Rede, vielleicht eine seiner besten seit langem, sagen sie hier: "Den Wahlkampf, die Kampagne habe ich zu verantworten, und sonst niemand." Ausblick auf die Oppositionszeit, in der er selbst in wenigen Monaten nur noch eine Nebenrolle spielen wird.

Spahn kommt gut an

Wer also soll die Bundes-CDU in den "Neuanfang" führen? Immer wenn in den vergangenen Jahren Führungsaufgaben zu verteilen waren, saßen auf dem Personal-Karussell immer wieder Herren aus Nordrhein-Westfalen. Dazu gehört auch Jens Spahn. Hört man sich in der Partei um, fallen nicht nur schmeichelhafte Beschreibungen: zu ehrgeizig, zu viele Fehler in der Corona-Pandemie. Ein Generationenwechsel ja, aber ein bisschen Establishment eben auch. Außerdem ist er in gewisser Hinsicht als Teampartner von Laschet auch Teil des Wahldebakels. Das macht den Auftritt in Münster nicht einfacher.

Doch seine Vorstellungen für die Zukunft der Partei scheinen im Saal anzukommen. Mehr inhaltliche Debatte, klare Hauptsätze, wofür die Union stehe. Ein zukünftiges Team müsse abbilden, dass "jetzt mal die nächste Generation dran ist". Spahn versucht, die Breite der Volkspartei zu bedienen: Innere Sicherheit, Wirtschaft, Familie. Mehr Respekt für Polizeibeamte etwa oder Sätze wie - man müsse das, was man ausgibt, eben auch erwirtschaften. Familie, ein unverrückbarer Wert für die CDU. Das verfängt bei den Delegierten. Keine offizielle Bewerbungsrede und doch so deutlich, dass es jeder hier verstanden hat. Zumindest sind Spahns Vorstellungen, wohin die Reise mit ihm gehen könnte, sehr viel mehr als die kritische Bestandsaufnahme von Friedrich Merz am Abend zuvor.

Röttgen beobachtet

Und doch ist es eine seltsame Stimmung in der Partei. Wer soll es machen? Klar ist das auch vielen in der Jungen Union nicht. Irgendwie sind sie alle da, die Interesse haben und doch kommt noch keiner so richtig aus der Deckung. Norbert Röttgen scharwenzelt am Nachmittag als geladener Gast durch die Stuhlreihen. Eine kleine Fanbase hat sich um ihn versammelt. "Röttgen" steht auf ihren Pullovern. Dahinter ein gut gelaunter Norbert Röttgen. Er ist da. Man hat ihn gesehen. Reden wird er aber nicht. Und so reist er wenig später wieder ab. Nur mal gucken.

Linnemann spricht - kurz

Sie belauern sich. Das kennen sie in der Partei schon. So geht das jetzt seit zwei Jahren. Einer ist neu im Reigen der potenziellen Kandidaten - Carsten Linnemann. Als er den Saal betritt, könnte man meinen, sie möchten ihn auf die Bühne treiben, vielleicht auch dazu, seinen Hut in den Ring zu werfen? Das wird der Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsunion aber nicht tun. Linnemann redet nur kurz, keine große Agenda wie Spahn.

Doch der Eindruck dürfte täuschen. Linnemann ist nicht aus Versehen im neuen Pitch-Format der Jungen Union gelandet. Die Botschaft - hier reden die unverbrauchten Gesichter. Heißt: kurz und schnell, im Speeddating-Verfahren Inhalte platzieren. Fünf Punkte, wo und wie sich die Partei künftig verorten soll. Nicht das Kanzleramt, sondern die Partei solle wieder der Ort der Entscheidungen sein, ruft er den Delegierten zu. "Die soziale Marktwirtschaft ist zeitlos." Jetzt würde so ein Satz passen wie: "Lasst uns das gemeinsam machen. Ich bin bereit dafür." Wer darauf gehofft hatte, musste heute enttäuscht werden.

Sie taktieren und warten. Am Ende müssen alle aufpassen, dass sie nicht zu lange zögern. Morgen wird einer reden, der schon gezeigt hat, dass er eben nicht lange zögert - Ralph Brinkhaus. Der Fraktionschef der Union hat am Dienstag nach der verlorenen Bundestagswahl zumindest in der Fraktion schon mal Fakten geschaffen und sich allen Widerständen zum Trotz wieder wählen lassen. Zumindest dürfte die Konkurrenz morgen auch bei seiner Rede genau zuhören.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Oktober 2021 um 12:54 Uhr und 17:00 Uhr.