Interview

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze. | Bildquelle: dpa

Kampf gegen Corona Den "Super-Impfstoff" gibt es vielleicht nie

Stand: 11.06.2020 04:43 Uhr

Erfolgsmeldungen zur Impfstoffentwicklung häufen sich. Doch das habe mit der Realität oft wenig zu tun, sagt Virologe Keppler im tagesschau.de-Interview. Den "Super-Impfstoff" gegen Corona werde es womöglich nie geben.

tagesschau.de: Die WHO verkündete vor kurzem, sie rechne mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus in elf bis 17 Monaten. Was sagen Sie?

Oliver Keppler: Ein Impfstoff ist natürlich das, was wir uns alle wünschen. Wir haben fantastische Erfahrungen mit Impfstoffen gemacht und große Erfolge erzielt, gegen Masern, Mumps, Röteln, Pocken oder Kinderlähmung beispielsweise. Das sind hervorragende Impfungen, die viel Leid und Tod in der Welt verhindert haben.

Bei diesem neuen Coronavirus ist das aber eventuell nicht so einfach. Die Impfstoffentwicklung könnte Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte dauern. Es ist auch nicht gesagt, dass es überhaupt einen hocheffektiven und sicheren Impfstoff geben wird.

Zwar haben wir als Weltgemeinschaft noch nie solche Anstrengungen gegen eine gemeinsame Bedrohung unternommen. Das lässt hoffen. Es gibt weltweit mehr als einhundert Projekte zur Impfstoffentwicklung, die auf dem Weg sind und viele brillante Forscher, Konsortien und Impfstofffirmen arbeiten mit, es fließen Milliarden. Aber all das - das muss uns klar sein - ist keine Garantie für Erfolg. Es gibt hier einfach keinen Automatismus.

alt Prof. Dr. med. Oliver T. Keppler

Zur Person

Oliver Keppler ist Vorstand des Max von Pettenkofer-Instituts an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zugleich hat er dort den Lehrstuhl für Virologie inne.

"Auch Influenza-Impfung nur mäßig effektiv"

tagesschau.de: Warum sind Sie da so viel pessimistischer als andere Virologen?

Keppler: Wir müssen uns an den Erfolgen, aber eben auch den Misserfolgen der letzten 30 Jahre messen lassen. Wenn wir zurückblicken auf die Impfstoffentwicklung gegen andere pandemische Infektionskrankheiten durch Viren, Bakterien oder Parasiten - wie HIV/AIDS, Dengue-Fieber, Tuberkulose, oder Malaria - das sind Geißeln der Menschheit, die seit Jahrzehnten für Leid und Tod sorgen. Und wir haben es bisher nicht geschafft, auch nur gegen eine dieser vier einen effektiven Impfstoff zu entwickeln.

Bei den respiratorischen Infektionen, zu denen auch das Coronavirus zählt, haben wir einen Einäugigen unter Blinden - das ist die Influenza-Impfung. Diese Impfung ist das Beste, was wir haben. Sie ist aber leider auch nicht hocheffektiv. Die Effektivität schwankt von Jahr zu Jahr zwischen 30 und 70 Prozent. Es muss jedes Jahr neu geimpft werden, weil sich das Virus deutlich verändert und die Immunität durch die Impfung oder auch eine durchgemachte Infektion, die man vom Jahr davor hatte, nur teilweise oder gar nicht mehr hilft.

Trotzdem muss ich betonen, dass gerade in der kommenden Wintersaison die Influenza-Impfung extrem wichtig sein wird, um die Zahl zumindest dieser Atemwegserkrankungen zu vermindern.

Neulich las ich - wie so oft in letzter Zeit - eine Schlagzeile aus den USA: "Erfolg in der Impfstoffentwicklung". In dem Bericht stand dann, dass acht von 34 geimpften Probanden eine Immunreaktion gezeigt haben. Das wäre der Zeitpunkt, an dem man die Forschung zu diesem Impfstoff abbrechen oder ganz 'zurück auf Start' gehen müsste, weil dieses Ergebnis eigentlich eine Katastrophe ist. Da wird momentan - natürlich auch aus wirtschaftlichen Interessen - ein Hype produziert, der mit der Realität nicht viel zu tun hat.

"Hoffnung auf 'Super-Impfstoff' völlig überzogen"

tagesschau.de: Wie sieht denn Ihre Prognose aus?

Keppler: Wir müssen differenzieren, wovon genau wir reden. Wir haben den Wunsch nach einem hocheffektiven Impfstoff. Also einem, der wirklich alle Geimpften auch vor der Infektion mit dem neuen Coronavirus oder auch nur dem Ausbruch der Covid-19-Erkrankung schützt.

Zweitens soll er sicher sein, das heißt, er soll keine schwereren Nebenwirkungen haben - und zwar für alle Bevölkerungsgruppen, also auch kleine Kinder und alte Menschen. Drittens muss er skalierbar sein. Das heißt, man muss davon relativ schnell - innerhalb von Monaten - Hunderte Millionen oder gar Milliarden von Impfdosen herstellen können.

Die Hoffnung auf einen solchen "Super-Impfstoff" zu setzen, ist aus meiner Sicht völlig überzogen. Es könnte auch sein, dass wir den nie haben werden. Wir müssten stattdessen darüber sprechen, ob wir Teilerfolge erzielen könnten.

"Medikamente als zweite wichtige Waffe"

tagesschau.de: Was heißt das?

Keppler: Ich bin relativ zuversichtlich, auch wegen der großen Anstrengungen, die im Moment in die Entwicklung gesteckt werden, dass wir Impfstoffe bekommen, die für gewisse Personengruppen zumindest eine Teilimmunität hervorrufen werden. Dass also vielleicht die ganz schweren Infektionen wegfallen oder dass manche Menschen vielleicht ganz geschützt sein werden, andere nicht.

Das sehen wir auch bei anderen Impfstoffen, dass je nach Immunstatus des Menschen, manche Impfstoffstrategien besser und andere schlechter anschlagen. Und so etwas werden wir beim aktuellen Virus wahrscheinlich auch sehen.

Wir sollten aber auch nicht all unsere Hoffnung und Energie auf die Impfstoff-Entwicklung setzen, sondern auch effektive antivirale Medikamente weiter nach vorne bringen. Denn auch die können natürlich schwere Krankheitsverläufe abschwächen und helfen, Folgeschäden zu verhindern oder zumindest deren Zahlen zu reduzieren. Das wird sicher die zweite wichtige Waffe in den kommenden Jahren.

"Das Virus verändert sich genetisch"

tagesschau.de: Könnte es werden wie bei der Grippe, dass der Impfstoff jedes Jahr angepasst und erneut geimpft werden muss?

Keppler: Das kann man nur schwer vorhersagen, aber ich halte es für möglich. Die respiratorischen RNA-Viren können sich genetisch deutlich verändern; bei Sars-CoV-2 sieht man jetzt schon häufig Unterschiede der Viren selbst bei der lokalen Ausbreitung und noch mehr in verschiedenen Regionen der Welt.

Ob diese genetischen Veränderungen eine Relevanz für die Immunität haben, wissen wir noch nicht. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob sich jemand, der eine Infektion durchgemacht hat, nächste Woche, nächsten Monat oder vielleicht auch erst nächstes Jahr reinfizieren kann mit den Viren, die dann zirkulieren. Das sind alles Fragen aktueller Forschungsprojekte.

"Momentane Debatte völlig fehlgeleitet"

tagesschau.de: Wenn es auf lange Sicht weder ein effektives Medikament noch einen Impfstoff geben sollte, was ist die Alternative?

Keppler: Ich denke, dass es auf absehbare Zeit zu unserem Alltag gehören wird, Abstand zu halten, Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen und Hygienemaßnahmen einzuhalten - abhängig von der Saisonalität und der pandemischen Situation des Virus in den jeweiligen Regionen. So lange, bis es effektive Behandlungen oder Impfstoffe gibt.

Ich bin aber zuversichtlich, dass wir medizinische Mittel finden werden, die helfen, wenn auch nicht klar ist, wann. Ich finde nur die momentane Debatte fehlgeleitet: Da wird darüber diskutiert, wie ein Impfstoff verteilt werden soll, der noch nicht mal ansatzweise am Horizont ist. Da kann ich nur den Kopf schütteln.

Da wird teilweise suggeriert, es ginge nur darum, wann wer diesen Impfstoff bekomme - eine Neid- und Verteilungsdebatte, die nur Unfrieden stiftet. Wir benötigen aber mehr denn je Kooperation in Wissenschaft und Politik für das gemeinsame Ziel, die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 06. Februar 2020 um 08:47 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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