Julian Assange in einem Polizeiwagen | Bildquelle: AP

Debatte um Assange "Die Idee ist in den Hintergrund gerückt"

Stand: 12.04.2019 16:19 Uhr

WikiLeaks stand einst für Transparenz und Enthüllungen. Mittlerweile sei die Idee überschattet worden, sagt der Journalist Beckedahl im Interview mit tagesschau.de. Das liege auch an Assange.

tagesschau.de: Was steht bei Julian Assange für Sie persönlich im Vordergrund: Seine Verdienste für WikiLeaks oder die Probleme, die sich um die Plattform und seine Person entwickelt haben?

Markus Beckedahl: Assange ist eigentlich eine tragische Figur. Er war ein großer Innovator für einen zukunftsgetriebenen Journalismus und hat viele Sachen angestoßen, die von anderen Medien kulturell übernommen wurden.

Allerdings ist er in den vergangenen Jahren - wahrscheinlich auch durch die Situation mit seinem Asylverfahren und seiner Flucht vor einer möglichen Auslieferung in die USA - immer merkwürdiger geworden.

alt Markus Beckedahl, netzpolitik.org | Bildquelle: Markus Beckedahl

Zur Person

Markus Beckedahl (geboren 1976 in Bonn) ist netzpolitischer Aktivist, Journalist und Chefredakteur des von ihm gegründeten Blogs netzpolitik.org. Neben digitalen Freiheitsrechten beschäftigt sich das Blog mit weiteren netzpolitischen Themen. Er ist außerdem Gründer der Konferenz re:publica, die sich unter anderem mit den Themen digitale Gesellschaft und Weblogs befasst.

tagesschau.de: Hat sich Assange von einer Lichtgestalt zu einem Handlanger Russlands entwickelt?

Beckedahl: Das nicht, aber er hat sich von einer Lichtgestalt in eine tragische Figur wie aus einem Drama entwickelt - das hätte man als Erzählung kaum besser erfinden können.

"Finanzierung war immer dubios"

tagesschau.de: Trotz all der Kritik, die es an Assange und WikiLeaks gibt - stehen er und seine Verdienste unter dem Schutz der Pressefreiheit?

Beckedahl: Kommt auf die Anschuldigungen an. Der Verstoß gegen die Kautionsauflagen in Großbritannien hat damit rechtlich gesehen eher wenig zu tun. Aber das Auslieferungsabkommen mit den USA, die ihm vorwerfen, mit einem Whistleblower eine Verschwörung unter Nutzung von Computersystemen eingegangen zu sein, ist vollkommen unverhältnismäßig und absurd. Natürlich ist das eine Gefahr für die Pressefreiheit, weil hier selbstverständlich auch andere Journalisten und Whistleblower eingeschüchtert werden sollen, sich bloß nicht mit den USA anzulegen. Und es bleibt die konkrete Befürchtung im Raum, dass er dort keinen fairen Prozess zu erwarten hat.

tagesschau.de: Was hätte Assange besser machen sollen oder müssen?

Beckedahl: Wenn man eine Transparenzplattform sein will, dann sollte man mit gutem Beispiel voran gehen und auch selbst größtmöglich transparent sein. Die Finanzierung von WikiLeaks war immer so dubios, wie man es selbst anderen Playern nicht hätte durchgehen lassen.

Der Umgang von Assange mit den Vorwürfen von sexuellen Übergriffen in Schweden war außerdem aus Sicht vieler einfach inakzeptabel. Es gab keine Entschuldigung oder zumindest Reue, dass er möglicherweise Grenzen überschritten hätte und ich glaube, durch diese Arroganz hatte Assange es geschafft, sehr viele ihm eigentlich wohlgesonnene Menschen gegen ihn aufzubringen.

"Schnapsidee mit großem Kollateralschaden"

tagesschau.de: Auch im Zusammenhang mit den US-Wahlen wird ihm ja einiges vorgeworfen.

Beckedahl: Da sorgten die Clinton-E-Mails für Aufsehen. Was wäre das noch für ein Höhepunkt in der WikiLeaks-Geschichte, sollte Assange in Folge der Veröffentlichungen der Mueller-Entwicklungen in den USA dafür angegangen werden. Er scheint ja die Clinton-Mails deswegen veröffentlicht zu haben, weil er hoffte, in die Geschichte eingreifen zu können. Er hatte einen persönlichen Hass auf Clinton, die als damalige Außenministerin wegen der Veröffentlichung der Depeschen US-amerikanischer Botschaften gegen Assange vorgehen wollte.

Er hoffte wohl mit einem, wie er dachte ihm wohlgesonnen Präsidenten Trump, aus seinem selbstgewählten Asyl wieder rauszukommen - das hat sich ja jetzt irgendwie als Schnapsidee mit großem Kollateralschaden erwiesen.

tagesschau.de: Die Ursprungsidee von WikiLeaks war, dass Whistleblower vollkommen anonym ihre Informationen der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Erfüllt die Plattform noch diesen Zweck?

Beckedahl: Der Höhepunkt waren sicherlich die ganzen Datensammlungen, die über Chelsea Manning zu WikiLeaks gekommen waren. Bis dahin konnte WikiLeaks schon auf viele Erfolgsgeschichten von vielen Enthüllungen, die in einzelnen Ländern für Aufsehen gesorgt hatten. Was danach, also nach 2010, kam - da kann ich mich eigentlich an gar nichts mehr erinnern. Es gab ja noch größere Enthüllungen wie die Flucht-Unterstützung von Edward Snowden. In der Wahrnehmung drehte sich aber alles nur noch um Assange wie bei einem Personenkult. Das finde ich relativ schade, weil die Idee hinter der Organisation als Ganzes gar nicht mehr nachzuvollziehen war.

Wir profitieren heute noch von dem Verdienst von WikiLeaks und Assange, denn zumindest die Idee von WikiLeaks war gut. Die Durchführung war leider irgendwann nicht mehr so gut.

"Innovatorrolle für den Journalismus"

tagesschau.de: Welche Dinge haben sich durch WikiLeaks und Assange nachhaltig geändert?

Beckedahl: Allein die Idee, einen sicheren Briefkasten zu haben, an den sich Whistleblower über verschlüsselte, anonyme Wege an Redaktionen wenden können, ist etwas, was viele große und kleine Redaktionen seitdem übernommen haben.

Die andere Innovation war, Originaldokumente zu veröffentlichen, damit sich Leser auch aus den Originalquellen informieren können. Sei es, die Berichterstattung auf diese Art zu ergänzen, aber auch, um die Berichterstattung von Journalisten besser kontrollieren können zu können. Das gab es zwar auch vor WikiLeaks, aber WikiLeaks hat es erst populär gemacht.

tagesschau.de: Welche Relevanz haben Whistleblower und deren Plattformen heute noch?

Beckedahl: WikiLeaks hatte sicher eine Innovatorrolle für den Journalismus. Die Art und Weise mit großen Datensätzen kollaborativ mit vielen Medien zusammenzuarbeiten ist durch WikiLeaks erst so richtig global auf den Weg gebracht worden und hatte dann sicherlich seinen Höhepunkt in den PanamaPapers. Auch das Bewusstsein für fehlende Rechte von Whistleblowern, die ja essentiell sind für einen gut funktionierenden Journalismus, hat dazu geführt, dass es jetzt eine EU-Richtlinie gibt, die Whistleblower besser schützt als vorher. Insofern hat WikiLeaks viele Verdienste gehabt. Es ist halt schade, was aus dem Projekt geworden ist.

"Die Idee von WikiLeaks war gut"

tagesschau.de: Hat Assange den Ruf von Whistleblowern beschädigt?

Beckedahl: Nein, überhaupt nicht. Durch WikiLeaks ist der Ruf von Whistleblowern überhaupt ein besserer geworden. Kaum jemand kann sich doch an einen Whistleblower vor Manning erinnern. Seitdem gibt es eine Vielzahl an Whistleblowern, von Cum Ex bis hin zu PanamaPapers. Früher spielten Quellen - ob man sie jetzt kannte oder nicht - in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich gar keine Rolle.

Allein die Gestalt des Whistleblowers ist durch die Auseinandersetzung mit Manning nicht nur popkulturell, sondern auch gesellschaftlich ins Bewusstsein vorgedrungen. Whistleblower gab es schon vorher, aber kaum jemand kannte ihre Schicksale, es gab kaum Schutz - und das hat sich auch durch WikiLeaks in Kombination mit Manning verändert.

Das Interview führte Dominika Jaschek, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio am 12. April 2019 um 05:06 Uhr und um 07:40 Uhr.

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