Zwei Frauen sprechen auf einer Pressekonferenz miteinander. | Bildquelle: dpa

Digitaler Wandel Internet-Institut geht nach Berlin

Stand: 23.05.2017 14:32 Uhr

Was bedeutet der digitale Wandel für die Gesellschaft? Über diese Frage soll künftig an einem neuen Forschungsinstitut nachgedacht werden. Die Bundesregierung erhofft sich wissenschaftliche Spitzenleistung - und nimmt dafür viel Geld in die Hand.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Man kann der Bundesregierung nicht vorwerfen, etwas überstürzt zu haben. 28 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web gab Bildungsministerin Johanna Wanka nun den Startschuss für die Gründung eines deutschen Internet-Instituts. In Berlin soll im Laufe dieses Jahres das "Internet-Institut für die vernetzte Gesellschaft" entstehen. Beworben hatte sich ein Konsortium aus fünf Universitäten, zwei Forschungseinrichtungen und zahlreichen anderen Vertretern aus der Wissenschaft. Läuft alles nach Plan, werden im September die ersten Stellen ausgeschrieben.

"Der Standort Berlin war nicht entscheidend - aber sicher kein Nachteil", erklärte Susanne Weissmann, die als eines von zwölf Jury-Mitgliedern darüber entschied, wo das künftige Institut seinen Sitz haben würde. Insgesamt fünf Bewerbungen schafften es in die letzte Auswahlrunde. "Wir haben gute Chancen, dass sich hier ein Leuchtturm - nicht nur im deutschen Bereich - sondern auch international entwickelt", lobte Ministerin Wanka den Gewinner-Entwurf.

Interdisziplinärer Ansatz

Vorbereitet wird das Internet-Institut schon lange. Union und SPD schrieben es vor vier Jahren in ihren Koalitionsvertrag. 2015 startete Forschungsministerin Wanka offiziell den Ausschreibungsprozess. Trotzdem: Im internationalen Vergleich ist Deutschland mit seinem Internet-Institut spät dran. An internationalen Eliteuniversitäten wie Stanford, Harvard oder Oxford wird schon seit Jahrzehnten zur Digitalisierung und ihren Auswirkungen geforscht. Der Vorreiter, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) gründete sein Media Lab sogar bereit 1985 - lange bevor Dial-Up-Modems ihren Siegeszug durch die Arbeitszimmer der Welt antraten.

Von diesen Vorbildern wird sich das deutsche Institut unterscheiden. Ziel der Einrichtung sei, "die Digitalisierung besser zu verstehen und sie zum Wohle der Gesellschaft nutzbar zu machen", teilte das Forschungsministerium mit. Hierzu sei eine "intensive, interdisziplinäre Erforschung von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Aspekten erforderlich".

Das Deutsche Internet-Institut
K. Pfeffer, ARD Berlin
22.05.2017 17:22 Uhr

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Üppige Ausstattung

Am deutschen Internet-Institut soll also nicht nur die technische Seite der Digitalisierung in den Blick genommen werden, sondern vor allem die gesellschaftliche. Dieser Ansatz ist nicht einmalig. Etwa das ebenfalls in Berlin angesiedelte Einstein-Zentrum für digitale Zukunft oder das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) forschen in diese Richtung. Doch da das HIIG maßgeblich vom Internet-Riesen Google finanziert wird, will der Bund der Einrichtung ein eigenes Institut entgegenstellen. Und: Das deutsche Internet-Institut wird finanziell deutlich besser ausgestattet sein als das HIIG.

50 Millionen Euro fließen aus Bundesmitteln in den ersten fünf Jahren. Zum Vergleich: Das HIIG erhielt von Google 4,5 Millionen für die ersten drei Jahre. Das Internet-Institut ist also für deutsche Verhältnisse finanziell durchaus üppig ausgestattet. Mit internationalen Spitzeneinrichtungen kann die Finanzierung jedoch bei weitem nicht mithalten.

Zwei Frauen sprechen auf einer Pressekonferenz miteinander. | Bildquelle: dpa
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Bundesforschungsministerin Wanka und die Leiterin der Projektgruppe Politikfeld Internet vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Hoffmann, bei der Pressekonferenz zum neuen Internet-Institut.

"Gesellschaftliche Reflektion"

Gesche Joost hält das Geld trotzdem für gut angelegt. "Deutschland braucht ein Leuchtturmprojekt, um international sichtbar zu sein", sagt die Professorin für Design an der Universität der Künste im Gespräch mit tagesschau.de, die Teil des erfolgreichen Antragskonsortiums ist.

Joost hält das Internet-Institut für eine spannende Konstruktion. "Dass vor allem die gesellschaftliche Reflektion und nicht allein die technische Entwicklung im Zentrum der Arbeit stehen soll, ist ein sehr interessanter Ansatz, der bisher vielleicht zu kurz gekommen ist", erklärt sie.

"Einmaliger Ansatz"

Hinzu komme, dass die Debatte über die digitale Transformation derzeit vor allem negativ geprägt sei. Angesichts der Diskussionen über Fake News, Hate Speech und Radikalisierung im Netz sei es höchste Zeit, wieder einen positiven Gegenentwurf der digitalen Entwicklung zu präsentieren, findet Joost. Das Internet-Institut könnte dabei helfen, einen solchen Entwurf zu formulieren.

Überhaupt werden große Hoffnungen in das Internet-Institut gesetzt. Tankred Schipanski, in der Unionsfraktion für die Einrichtung zuständig, lobt den "einmaligen Ansatz" des Instituts. Auch der Branchenverband Bitkom lobt die Gründung.

Und sogar die Opposition gibt sich verhalten optimistisch. Grundlagenforschung von herausragenden Wissenschaftlern sei angesichts der "immensen Dynamik" des digitalen Wandels wichtig, so Konstantin von Notz, stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, zu tagesschau.de.

Die Bundesregierung sei in dieser Frage jedoch bislang "zögerlich" aufgetreten. Wichtig sei deshalb nun ein kluges Konzept: "Ein Prestigeprojekt, das die Große Koalition nur in die Gegend stellt, um kurz vor den Wahlen ihre erbärmliche digitalpolitische Leistungsbilanz aufzuhübschen, braucht niemand", so Notz weiter.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Mai 2017 um 12:29 Uhr

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