Passanten in einer Fußgängerzone | dpa

Appell des Einzelhandels "Impfen, impfen, impfen"

Stand: 22.07.2021 13:46 Uhr

Die Corona-Impfkampagne gerät immer mehr ins Stocken. Einzelhandelsverband und -konzerne appellieren deshalb an ihre Kunden, sich impfen zu lassen. Die Kassenärzte fordern mehr Engagement von Betrieben und Universitäten.

Angesichts rasch steigender Inzidenzzahlen in Deutschland appelliert der Einzelhandel an die Bevölkerung, sich gegen Corona impfen zu lassen. "Nur mit einer wirkungsvollen und schnellen Impfkampagne können wir die Pandemie nachhaltig zurückdrängen und uns dauerhaft mehr Normalität auch beim Einkaufen zurückerobern", sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth. Unterstützt wurde der Aufruf des HDE von Vertretern namhafter deutscher Handelskonzerne wie der Rewe Group, der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), der EDEKA-Zentrale, von Aldi, OTTO, Douglas, Galeria Karstadt Kaufhof und Ikea. Es gehe jetzt darum, möglichst viele Menschen von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen, sagte Genth.

Vorstand und Präsidium des HDE betonten, mit einer Impfung könne jeder einzelne einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der Pandemie leisten. Dies gelte für Kunden und Mitarbeiter. "Wir müssen diesen Sommer nutzen, um uns noch besser gegen die Pandemie aufzustellen", sagte Genth. "Jetzt heißt es: Impfen, Impfen, Impfen".

Kassenärzte: Betriebe und Universitäten sollen mehr impfen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert mehr Engagement von großen Unternehmen und Universitäten bei der Corona-Impfkampagne. "Große Arbeitgeber können noch stärker eingreifen, genau wie die Universitäten, wenn die Semester wieder losgehen", sagte Vize-Chef Stephan Hofmeister der Nachrichtenagentur dpa. "Das halten wir für geeigneter, als mit dem Impfbus abends vor der Disco zu stehen."

Derzeit zeichne sich in einigen Regionen eine Impfmüdigkeit ab, insbesondere in den Impfzentren gehe die Frequenz der Impfungen deutlich nach unten. Kassenärzte-Chef Andreas Gassen erklärte, es gebe eine relevante Zahl von Menschen, die sich schlicht nicht impfen lassen wolle. Desinteressierte könne man jedoch "schon ein bisschen schubsen", etwa indem Bürgertests bald für alle kostenpflichtig würden, die sich theoretisch auch impfen lassen könnten. "Impfen ist der beste Individual-Schutz", betonte er.

In den Praxen besteht laut Gassen die Gefahr, dass Impfstoff weggeworfen werden muss, weil er nur in größeren Fläschchen angeboten wird. Um ein Fläschchen voll zu nutzen, müssten in kurzer Zeit sechs Impfpatienten kommen. Das sei aber immer seltener der Fall. "Wichtig wäre, dass die Industrie diesen Impfstoff in Einzeldosen anbietet", sagte Gassen deshalb. "Sonst wird es zum Verfall von Impfdosen kommen." Auch ein Teil der Impfdosen von AstraZeneca und Johnson & Johnson, die derzeit schwerer vermittelbar seien, müssten vielleicht entsorgt werden. "Damit wird man leben müssen", so Gassen.

Giffey will Impfanreize setzen

Berlins SPD-Vorsitzende Franziska Giffey schlägt eine Art Kulturticket als Anreiz vor, um Menschen zu einer Corona-Impfung zu bewegen und gleichzeitig die Kultur- und Veranstaltungsbranche zu unterstützen. Ihre Idee: Wer sich impfen lässt, bekommt ein kostenloses Ticket etwa für eine Theatervorstellung oder eine Schifffahrt auf der Spree. Die Kosten dafür soll die öffentliche Hand tragen.

"Wir müssen die Leute zum Impfen kriegen und dafür unkonventionelle Wege gehen, die auch einen Anreiz schaffen", sagte Giffey der Nachrichtenagentur dpa. "Und wenn man solche Anreize schafft, dann sollten sie nicht nur für die einzelne Person, die geimpft wird, gut sein, sondern auch denen dienen, die besonders unter der Pandemie gelitten haben. Dazu gehört die Kultur- und die Veranstaltungsbranche, die jetzt zusätzliche Unterstützung braucht." Auf diese Weise könnten sich nach Einschätzung der SPD-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl Fortschritte bei der Impfkampagne und der Neustart für die besonders von der Pandemie betroffenen Branchen verbinden lassen.

Erste Impfzentren schließen wegen geringer Auslastung

Die Impfkampagne in Deutschland ist zuletzt zunehmend ins Stocken geraten. Das Interesse an einer Impfung lässt vielerorts nach, teilweise werden Impfzentren geschlossen. Nach Informationen des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden am Dienstag beispielsweise nur 572.482 Dosen gespritzt, verglichen mit dem Höchststand von 1,5 Millionen am 9. Juni.

Besonders die Impfzentren verzeichneten laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) einen Rückgang. In den hessischen Impfzentren erschienen rund 20 Prozent nicht zu ihren Terminen, wie das Innenministerium mitteilte. Auch in Berlin wurden laut Gesundheitsverwaltung rund 20 Prozent der Termine nicht genutzt. In Thüringen sind die überregionalen Impfzentren laut Gesundheitsministerium nur noch zur Hälfte ausgelastet. In Baden-Württemberg sei die Zahl der Erstimpfungen in den Impfzentren zuletzt um 70 Prozent eingebrochen, so das Gesundheitsministerium.

Die geringe Auslastung führt dazu, dass vermehrt Impfzentren schließen. Stattdessen setzen viele Länder auf flexible Impfangebote. Beispielsweise sind mobile Impfteams in Fußgängerzonen, an Universitäten oder vor Fußballstadien unterwegs. Vielerorts kann man nun auch ohne Termin in Impfzentren eine Spritze bekommen.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter an

Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg weiter an und lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bei 12,2 - am Vortag betrug der Wert 11,4 und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli 4,9. Demnach meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI zuletzt binnen eines Tages 1890 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert für Deutschland bei 1642 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 42 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 32 Tote gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3.750.503 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3.642.600 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 91.458.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juli 2021 um 07:00 Uhr.

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Moderation 22.07.2021 • 13:44 Uhr

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