Abgebrochene Bäume und Äste in einem Wald in Hessen | Bildquelle: dpa

Forstwirte in der Krise Holz verbrennen in Kohlekraftwerken?

Stand: 23.05.2020 03:30 Uhr

Der Holzpreis sinkt. Vielerorts wird der Wald sich selbst überlassen, weil die Verarbeitung von Holz nicht lohnt. Ein Vorschlag soll Abhilfe schaffen: Schadholz könnte in Kohlekraftwerken verheizt werden.

 Von Julia Haas und Christine Schneider, BR

Im Wald herrscht momentan Ausnahmezustand. Der Borkenkäfer zerstört jedes Jahr Tausende von Hektar Fichtenwald, dazu kommen Sturmschäden, es ist viel zu trocken, die Sägewerke sind voll, der Holzpreis im Keller.

Für Frischholz zahlen die bayerischen Sägewerke im Schnitt derzeit unter 50 Euro pro Festmeter. Vor ein paar Jahren war es noch fast doppelt so viel wert. Käferholz liegt bei knapp 20 Euro. Mittlerweile kostet das Aufarbeiten der Bäume mehr als der Holzverkauf am Ende einbringt.

Der Wald wird sich selbst überlassen

Viele Waldbesitzer lassen die Käferbäume deshalb einfach stehen, so Forstunternehmer Norbert Harrer aus dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt. Letzte Woche hatte er einen Termin bei einem Waldbesitzer, der vom Forstamt aufgefordert wurde, vom Borkenkäfer befallene Bäume zu fällen und schnellstmöglich aus dem Wald zu bringen. Dazu ist man gesetzlich verpflichtet. Normalerweise rücken dann Norbert Harrers Harvester und Rückefahrzeuge an. Dieses Mal nicht: "Der Waldbauer hat mir klipp und klar gesagt, dass er sich weigert, da kann er noch so viele Briefe vom Amt bekommen. Er lässt die Bäume nicht aufarbeiten, weil er es einfach nicht bezahlen kann."

Das heißt: keine Arbeit mehr für Forstunternehmer wie Norbert Harrer - und der Borkenkäfer kann sich ungebremst ausbreiten. Doch das Holz muss raus, denn wenn die Käferbäume im Wald stehen bleiben, befällt der Schädling auch den gesunden Fichtenbestand.

Riesige Holzmengen belasten den Markt  

Johann Stadler ist Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Eichstätt, einem Zusammenschluss der Waldbesitzer, und vermarktet das Holz an Sägewerke. Er macht sich Sorgen um die Zukunft des Waldes. Große Mengen an Schadholz belasten den Markt, viele Waldbesitzer resignieren. "Wir stehen kurz vor dem Kollaps", sagt Stadler.

Forstunternehmer, Waldbesitzerverbände, Kommunalpolitiker und staatliche Förster aus der Region haben deshalb einen Brandbrief an das Bayerische Forstministerium und Ministerpräsident Markus Söder geschrieben. Ihre Forderung: Der Staat soll Käferholz aufkaufen und in Kohlekraftwerken verheizen. Sie erhoffen sich davon eine Entlastung des Marktes. Nur so könne man die Holzpreise wieder auf ein angemessenes Niveau bringen.

Vom Borkenkäfer zerstörte Fichten im Nationalpark Harz | Bildquelle: dpa
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Jedes Jahr zerstört der Borkenkäfer-Befall Tausende von Hektar Fichtenwald.

Bayern lehnt Vorschlag ab

Die Idee ist nicht neu, in nördlichen Bundesländern gibt es solche Überlegungen schon seit ein paar Jahren. Auch dort hat der Borkenkäfer große Schäden in den Wäldern verursacht. Aktive Kohlekraftwerke gibt es noch einige in Deutschland, unter anderem bei Zolling im oberbayerischen Landkreis Freising. Theoretisch kann nach einer Umrüstung dort auch Holz verfeuert werden.

Doch im Bayerischen Forstministerium wiegelt man ab. Ein Umbau sei zu aufwendig, koste Millionen, das Genehmigungsverfahren könne sich hinziehen und die Kraftwerke bräuchten dann langfristig große Mengen an preisgünstigem Holz. Was aber, wenn der Holzpreis wieder steigt? Kein vernünftig wirtschaftender Waldbesitzer sei dann mehr dazu bereit, das Holz zum Schleuderpreis zum Verheizen zu verkaufen, so Robert Morigl vom Bayerischen Forstministerium in München.

Selbst wenn der Staat jetzt in dieser Notsituation aktiv werden würde, könnte er Holz nicht für 80 Euro pro Festmeter von den Waldbesitzern kaufen und für fünf Euro wieder an Kohlekraftwerke verkaufen. Da könne man auch gleich Steuergelder verbrennen. Die Idee sei damit in Bayern erstmal vom Tisch.

Testphase in Bremen läuft bereits

Die Mengen an Schadholz durch Sturm und Borkenkäfer sind in den letzten Jahren auch in Bremen, Niedersachsen und NRW stark angestiegen. Dort ist man mit den Überlegungen schon weiter als in Bayern.

Das Steinkohlekraftwerk Farge in Bremen gehört wie das Kraftwerk bei Freising dem Betreiber Onyx. Dort wird gerade die Nutzung von Biomasse, zum Beispiel Schadholz, getestet. Da der Kohleausstieg ohnehin bevorsteht, prüft der Kraftwerksbetreiber verschiedene Konzepte, den Standort auch ohne Kohle nutzen zu können. Testweise wurden dort bereits 1.000 Tonnen Holzpellets verfeuert. Um das möglich zu machen, wurde eine der Steinkohlemühlen für eine Viertel Million Euro aufwendig umgerüstet.

Sollte die Testphase gut laufen, komme eine generelle Umrüstung in Frage, bestätigt der Kraftwerksbetreiber. Der nächste Schritt wäre dann der Genehmigungsprozess. Auch für ein Steinkohlekraftwerk in Wilhelmshaven laufen ähnliche Überlegungen. Die positiven Nebeneffekte: Die Arbeitsplätze vor Ort können trotz Kohleausstieg erhalten bleiben.

Was ist mit der Ökobilanz?

Zwar ist ein bestimmter Anteil von Totholz gut für die Natur. Aber eine thermische Nutzung als Brennstoff sei besser, als große Mengen an Bäumen im Wald verfaulen zu lassen, so die Meinung der Forstbranche. Der Vorteil für das Kraftwerk: Laut Onyx wäre durch die Energieerzeugung mit Biomasse eine planbare und verlässliche Erzeugung von grünem Strom möglich. Auch Braunkohlekraftwerke kommen für den Umbau in Frage. Deren Umrüstung soll sogar weniger komplex sein.

Kritiker aber fürchten, dass Kraftwerksbetreiber auf Importholz zurückgreifen, wenn der Holzpreis in Deutschland wieder steigt. Sie zweifeln, ob das ökologisch sinnvoll ist oder man damit einen Raubbau in den Wäldern forciere. 

Alternativen zur Marktentlastung

Im Bayerischen Forstministerium setzt man als Lösung des Problems auf sogenannte Nasslager. Solche gibt es bereits. Auf Lagerplätzen werden die Baumstämme gestapelt und mit Wasser besprüht, um sie zu konservieren. Weder Bakterien, noch Pilze oder Insekten können so die Baumstämme schädigen, die Qualität des Holzes bleibt auf Jahre erhalten. Wenn der Preis dann wieder steigt, kann das Holz verkauft werden. Die Nasslagerung aber kostet Geld und setzt voraus, dass sich der Holzpreis wirklich wieder erholt.

Fest steht: Irgendwann muss das Käferholz, das jetzt in den nächsten Wochen deutschlandweit in riesigen Mengen auf den Markt drücken wird und auch aus Tschechien in bayerische Sägewerke gefahren wird, verkauft und verwertet werden. "Jetzt ist die Zeit, dass die Politik uns hilft, wir stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Johann Stadler, der Vorsitzende der Waldbesitzer in Eichstätt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juni 2019 um 13:35 Uhr in der Sendung "Firmenportät".

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