Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in Erftstadt. | EPA

Bundespräsident in Erftstadt "Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz"

Stand: 17.07.2021 19:54 Uhr

Bundespräsident Steinmeier und NRW-Ministerpräsident Laschet haben das schwer vom Hochwasser betroffene Erftstadt besucht. Steinmeier dankte den Hilfskräften und forderte Solidarität. Ein Lacher Laschets sorgt für Kritik.

Nach der Unwetterkatastrophe haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den von starken Überschwemmungen betroffenen Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen besucht. Die beiden Politiker sprachen unter anderem in der dortigen Feuerwehrleitzentrale mit Helferinnen und Helfern.

Steinmeier rief die Bürgerinnen und Bürger zum Zusammenhalt auf. "In Zeiten der Not steht unser Land zusammen", sagte der Bundespräsident in Erftstadt. Viele in der Region hätten "alles verloren, was sie sich ein Leben lang aufgebaut haben", sagte Steinmeier. "Wir sehen Gemeinden, die von Verwüstung, von Zerstörung gezeichnet sind." Den größten Verlust hätten aber die zu tragen, die Familienangehörige, Freunde, Bekannte verloren haben, so Steinmeier. "Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz."

Dank "im Namen aller Deutschen"

Steinmeier dankte den Hilfskräften vor Ort. Viele hätten "bis zur Erschöpfung und jenseits davon gearbeitet", sagte der SPD-Politiker. Wer in ihre Gesichter schaue, der könne erahnen, "welches Leid die Menschen hier in dieser Region ertragen". Er sprach den Helferinnen und Helfern seinen tief empfundenen Dank aus "im Namen aller Deutschen". Der Ruf nach Hilfe aus allen Teilen der Region sei "groß und drängend", sagte Steinmeier.

"Der Schaden ist groß, die Aufräumarbeiten werden dauern", so der Bundespräsident. "Die Unterstützungsbereitschaft, sie muss anhalten, im Großen wie im Kleinen." Möglicherweise würde erst in Wochen geklärt werden können, wie groß die Schäden sind, sagte Steinmeier. "Vielleicht erst zu einer Zeit, in der das Hochwasser, die Katastrophe, die Tragödie, die viele Menschen hier erlebt haben, schon gar nicht mehr die Titelseiten der deutschen Tageszeitungen bestimmen."

Die Menschen in der Region vertrauten darauf, dass die Solidarität, die signalisiert wird, auch weiterhin bestehe. Vielen Menschen in den Hochwassergebieten sei "nichts geblieben, außer ihrer Hoffnung. Und diese Hoffnung dürfen wir nicht enttäuschen", sagte Steinmeier.

"Werden alles tun, damit wieder aufgebaut werden kann"

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet versprach bei einem Besuch in Erftstadt Direkthilfe für die vom Hochwasser betroffenen Menschen. Es werde "sehr unbürokratisch Geld ausgezahlt", sagte der Unions-Kanzlerkandidat bei einem Besuch in der besonders betroffenen Stadt. Danach werde man zusammen mit dem Bund strukturell den Städten helfen müssen, den Wiederaufbau zu bewerkstelligen, so Laschet.

Ganz Deutschland werde helfen, sagte Laschet: "Wir werden alles tun, damit wieder aufgebaut werden kann." Das Hochwasser sei eine "Jahrhundertkatastrophe" und es sei eine "nationale Aufgabe", der betroffenen Region zu helfen. Land und Kommunen könnten dies nicht allein stemmen.

Ein Lacher von Laschet sorgt für Ärger

In den sozialen Netzwerken wurde Laschet im Anschluss an seinen Besuch in Erftstadt heftig kritisiert. Auf Fernsehaufnahmen war zu sehen, wie Laschet im Hintergrund mit Umstehenden scherzt und lacht, während Bundespräsident Steinmeier sichtlich betroffen ein Pressestatement abgibt. "Ich bin wirklich sprachlos", schrieb SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil auf Twitter. SPD-Vizechef Kevin Kühnert kommentierte die Aufnahmen mit der Aussage: "Eine Frage des Charakters."

Etwas später entschuldigte sich Laschet - ebenfalls per Twitter. Er bedauere "den Eindruck, der durch eine Gesprächssituation entstanden ist. Dies war unpassend und es tut mir leid", schrieb der Unions-Kanzlerkandidat.

"Nationaler Kraftakt des Bundes" gefordert

Parteiübergreifend forderten Politikerinnen und Politiker rasche Hilfen von Bund und Ländern für die von der Unwetterkatastrophe heimgesuchten Gebiete. Angesichts der weitgehenden Zerstörung der Infrastruktur in den Überschwemmungsgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sei ein "nationaler Kraftakt des Bundes und der betroffenen Bundesländer" erforderlich, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Der Wiederaufbau müsse von Bund und Ländern "schnell und unbürokratisch organisiert und finanziert" werden.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze rechnet damit, dass die Betroffenen des Hochwassers vom Bund schnelle finanzielle Hilfe bekommen werden. Ein Datum könne sie aber nicht nennen, ab wann es die Unterstützung gebe, sagte Schulze dem WDR: "Wir werden eine Lösung finden." Es müsse zudem geschaut werden, was noch mehr für die Vorsorge getan werden könne.

Seehofer kündigt "großes Paket" an

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte dem "Spiegel", dass über Hilfen im Kabinett beraten werden solle. Details wolle er nicht nennen, bevor es ein klares Bild vom Ausmaß der Schäden gebe. "Aber Sie können davon ausgehen, dass es ein großes Paket sein wird", sagte Seehofer.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, appellierte im Gespräch mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" an den Bund, "zeitnah eine unbürokratische Nothilfe" zu beschließen. Den betroffenen Menschen in NRW und Rheinland-Pfalz müsse "schnellstmöglich" geholfen werden. Erverwies auf den Aufbauhilfefonds, den die Bundesregierung 2013 nach der damaligen Flutkatastrophe auf den Weg gebracht hatte: "Dieser sollte aufgestockt und genutzt werden."

Merkel besucht betroffene Gebiete

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel plant nach Angaben aus dem Kanzleramt einen "baldigen Besuch im Katastrophengebiet". Merkel werde am Sonntag die vom Hochwasser betroffenen Gebiete in Rheinland-Pfalz besuchen, bestätigte die Staatskanzlei in Mainz der Nachrichtenagentur dpa.

Am Montag will dann Bundesinnenminister Horst Seehofer die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz besuchen. Bereits vor Ort ist Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Sie reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin mitteilte, will sich die Parteichefin dort über die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder öffentliche Auftritte.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Juli 2021 um 14:27 Uhr.