Völlig zerstörte Bahngleise bei Marienthal im Ahrtal in Rheinland-Pfalz. | dpa

Aufarbeitung der Hochwasserkatastrophe Was ging schief?

Stand: 20.07.2021 21:19 Uhr

Warnungen, die zu spät oder offenbar gar nicht bei den Menschen ankamen: Das Bundesamt für Katastrophenschutz wird nach der Hochwasserkatastrophe massiv kritisiert. Hat es versagt? Oder liegt das Problem woanders?

Von David Zajonz, WDR

Die Ohrfeige aus Großbritannien hat gesessen und sie hat einen gewaltigen Nachhall: Als "monumental failure of the system", als "monumentales Systemversagen", hat die britische Hydrologin Hannah Cloke das Verhalten der deutschen Behörden in der Flutkatastrophe bezeichnet. Das Unwetter und das Hochwasser seien präzise vorhergesagt, die Bevölkerung aber nicht ausreichend gewarnt worden, lautet ihr Vorwurf.

David Zajonz

Warntag spektakulär fehlgeschlagen

Spätestens seit dieser Aussage der britischen Expertin befindet sich das zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in der Defensive. Dass es um die Behörde nicht besonders gut bestellt ist, hatte sich bereits vor der Hochwasser-Katastrophe abgezeichnet. Im September vergangenen Jahres wollte das BBK in einer groß angelegten Aktion seine Warnsysteme testen - zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges. Die Alarmmeldungen auf den eigens dafür entwickelten Warn-Apps kamen aber erst mit halbstündiger Verspätung an, auch die Warnung per Sirene funktionierte nicht wie geplant. Der Probealarm zum "Warntag 2020" sei "fehlgeschlagen", teilte das Bundesinnenministerium damals zerknirscht mit. Der Warntag wurde zum spektakulären Flop und endete mit dem Rausschmiss des damaligen Behörden-Präsidenten Christoph Unger.

BBK-Chef Schuster verteidigt sich

In diesem Kontext ist es zu verstehen, wenn der neue BBK-Chef Armin Schuster die Arbeit seiner Behörde während des Hochwassers verteidigt. "Unser Warnsystem, und Sie ahnen wie sensibel wir nach dem Warntag waren, hat funktioniert - in jedem einzelnen Fall", sagt Schuster. Das klingt wie eine Erfolgsmeldung, allerdings müssen die konkreten Warnungen von den Ländern und Kommunen an die Bürger weitergegeben werden. Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern kamen die Warnungen offenbar nicht an.

Aus der Binnenperspektive der Behörde mag Schusters positives Fazit also eine korrekte Feststellung sein, angesichts von mehr als 170 Todesopfern in der Flut-Katastrophe wirkt es aber für viele befremdlich. Die politische Kritik geht bis hin zur Forderung nach dem Rücktritt von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) durch die Linkspartei.

"Mini-Behörde" mit wenig Kompetenzen

Rund 400 Mitarbeitende hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Das sei eine "Mini-Behörde", kritisiert der Berliner Katastrophenforscher Henning Goersch: "Meiner Ansicht nach hat das BBK nicht versagt." Das Problem sei viel mehr die "Gesamtgemengelage von Zuständigkeiten". Das Krisenmanagement gehöre auf die Bundesebene, fordert Goersch: "Jedes Bundesland wurschtelt da vor sich hin. Das BBK braucht mehr Kompetenzen, mehr finanzielle Ausstattung und mehr Weisungsbefugnisse."

"Etwas zu früh erwischt"

Tatsächlich werden die Zuständigkeiten im Katastrophenfall gerade neu geordnet, das BBK befindet sich inmitten eines Reformprozesses. "Leider hat uns diese Tragödie jetzt etwas zu früh erwischt", sagte Behörden-Chef Schuster dazu im tagesthemen-Interview. 

Hinzu kommen die ganz offensichtlich unpassenden Kommunikationswege, mit denen das Bundesamt die Bevölkerung warnen wollte. Die Warn-Apps Katwarn und NINA haben nur wenige Menschen auf dem Handy. Effektiver wäre eine Warnung per SMS an alle Mobilfunknutzer in einem gefährdeten Gebiet, das sogenannte Cell Broadcast, das es in Deutschland allerdings nicht gibt.

Angesichts der massiven Netzausfälle in den Krisenregionen sind digitale Kommunikationswege aber ohnehin nicht das Nonplusultra. Behörden-Chef Schuster will deshalb mehr auf die "gute alte Sirene" setzen und verweist auf ein Förderprogramm von 90 Millionen Euro, mit dem das Sirenen-Netz ausgebaut werden soll.

Sensibilisierung der Bevölkerung

Der Würzburger Experte für Katastrophenmanagement, Peter Bradl, betont noch einen weiteren Aspekt: "Bislang sind wir in Deutschland, Gott sei Dank, von großen Katastrophen verschont geblieben. Dadurch ist die Bevölkerung aber auch weniger vorbereitet." Bradl fordert deshalb eine Sensibilisierung: "Die Menschen müssen Verhaltensregeln lernen, damit sie Warnungen richtig deuten und umsetzen können." Auch auf diesem Feld ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bereits tätig, beispielsweise mit Info-Broschüren. Für viele Menschen ist diese Arbeit bislang aber wohl kaum wahrnehmbar - ein weiteres großes Projekt für die "Mini-Behörde" aus Bonn.​

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Juli 2021 um 21:30 Uhr.