Annegret Kramp-Karrenbauer | dpa

Kramp-Karrenbauers Grundsatzrede Keine Sicherheit ohne die USA

Stand: 17.11.2020 12:59 Uhr

Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer plädiert für mehr Verantwortung Europas in der Welt. Der Unabhängigkeit von den USA erteilt sie aber eine Absage: "Die Idee einer strategischen Autonomie Europas geht zu weit".

In einer sicherheitspolitischen Grundsatzrede hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erneut die Bedeutung der USA als Bündnispartner betont. "Wir bleiben sicherheitspolitisch von den USA abhängig und müssen gleichzeitig in Zukunft als Europäer mehr von dem selbst tun, was uns die Amerikaner bisher abgenommen haben", sagte Kramp-Karrenbauer.

"Die Idee einer strategischen Autonomie Europas geht zu weit, wenn sie die Illusion nährt, wir könnten Sicherheit, Stabilität und Wohlstand in Europa ohne die NATO und ohne die USA gewährleisten", hob Kramp-Karrenbauer in der per Video übertragenen Rede an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr weiter hervor.

Damit wiederholte Kramp-Karrenbauer erneut die Sätze, die sie kurz vor der US-Präsidentenwahl Anfang November in einem Gastbeitrag geschrieben hatte und für die sie der französische Präsident Emmanuel Macron zuletzt heftig kritisiert hatte. "Ich halte das für eine Fehlinterpretation der Geschichte", sagte Macron in Bezug auf Kramp-Karrenbauers Absage einer strategischen Eigenständigkeit Europas.

USA bleibt wichtiger Bündnispartner

In ihrer Rede betonte die Verteidigungsministerin aber auch, dass sie keinen Widerspruch zwischen einem engen transatlantischen Verhältnis und einer Stärkung der europäischen Eigenverantwortung im Verteidigungsbereich sehe. Dennoch blieben die USA weiterhin ein wichtiger Bündnispartner.

Sie verwies darauf, dass bislang rund 75 Prozent aller Fähigkeiten in der NATO von den USA zur Verfügung gestellt würden. Um dies vollständig auszugleichen, wären die Kosten auf deutscher Seite viel höher als die viel diskutierte NATO-Verpflichtung zur Aufwendung von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung.

Partnerschaft auf Augenhöhe

"Ohne die nuklearen und konventionellen Fähigkeiten Amerikas können Deutschland und Europa sich nicht schützen. Das sind die nüchternen Fakten", gab Kramp-Karrenbauer zu bedenken. Umso mehr sei aber wichtig, dass Europa für die USA ein "starker Partner auf Augenhöhe" sei und "kein hilfsbedürftiger Schützling", mahnte die Ministerin eine Stärkung der deutschen und europäischen Verteidigungsbeiträge an. "Nur wenn wir unsere eigene Sicherheit ernst nehmen, wird Amerika das auch tun", betonte sie weiter.

Darin stimme sie Frankreichs Präsident Macron zu, fügte sie mit Blick auf unterschiedliche Akzentsetzungen bei der Rollenverteilung zwischen den USA und Europa in den vergangenen Tagen hinzu. 

"Unsere Sicherheit wird bedroht"

Konkret forderte die Ministerin ein gemeinsames Angebot der Europäer an die kommende US-Regierung unter dem gewählten Präsidenten Joe Biden. Dazu gehöre aus deutscher Sicht, "dass wir unsere Fähigkeiten in der Verteidigung ausbauen und dafür die Verteidigungshaushalte auch in der Corona-Zeit zuverlässig stärken". Ein "Verteidigungsplanungsgesetz" solle dies langfristig festschreiben.

Dabei dürften neue Großprojekte nicht zu Lasten der Grundausstattung gehen. Das Ende des Kalten Krieges habe nicht zu einem umfassenden Frieden geführt, sondern "unsere Sicherheit, unser Wohlstand, unser friedliches Zusammenleben werden ganz real bedroht", warnte die Ministerin. Sie verwies auf Herausforderungen durch die Aufrüstung Russlands, neue Attacken auf das westliche Modell der offenen Gesellschaft, das Risiko von Drohnenkriegen wie zuletzt zwischen Aserbaidschan und Armenien und Cyberangriffe von unterschiedlicher Seite.

Unsicherheit in der NATO

Gleichzeitig gebe es Unsicherheiten auch im Kreis der NATO. "Wie verlässlich sind die Vereinigten Staaten von Amerika? Können wir Europäer uns aufeinander verlassen, wenn es darauf ankommt?", fragte Kramp-Karrenbauer mit Blick auf Erfahrungen der vergangenen Jahre. Sie erwähnte auch die Türkei als "schwierigen Bündnispartner". Wenn es um den Verteidigungshaushalt gehe, dann sei "ein realistischer und kritischer Blick" wichtig "auf die Welt, wie sie ist", so die Ministerin.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. November 2020 um 12:00 Uhr.