Flasche mit Globuli | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendie

Vor Parteitag Grünes Gruseln vor dem Globuli-Streit

Stand: 18.10.2019 15:14 Uhr

Homöopathie und die Grünen - das gehört für viele zusammen. Doch nun droht auf dem Parteitag ein Globuli-Streit. Das hat der Spitze gerade noch gefehlt.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Egal mit wem man bei den Grünen in diesen Tagen über das Thema Homöopathie spricht - überall herrscht Nervosität. Die einen wollen sich gar nicht äußern, die anderen haben Angst, missverstanden zu werden. Wieder ein anderer zieht Zitate zurück, ohne das genauer zu erklären. Dabei geht es hier nicht um Kriegseinsätze, Klimakollaps oder Atommüll, sondern um kleine weiße Kügelchen.

Die Diskussion um Homöopathie und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen birgt Sprengstoff für die Öko-Partei. Denn das Thema gehöre zum grünen Urgeist, sagen einige Parteimitglieder. Globuli und Naturheilverfahren haben unter Grünen-Anhängern viele Befürworter.

Homöopathie-Streit könnte Parteitag überschatten

Aber der Reihe nach: Mitte November findet der Bundesparteitag der Grünen in Bielefeld statt. Dort soll der Bundesvorstand inklusive der Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck wiedergewählt werden. Außerdem soll es um Wirtschafts- und Wohnungspolitik und Klimaschutz gehen. Doch ein homöopathiekritischer Antrag, eingereicht von dem 18-jährigen Berliner Grünenmitglied Tim Demisch, könnte alle anderen Themen überschatten und gar das Zeug haben, die Partei zu spalten, glauben manche.

Annalena Baerbock und Robert Habeck sitzen an einem Tisch. | Bildquelle: AP
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Annalena Baerbock und Robert Habeck sollen im November als Bundesvorsitzende bestätigt werden.

Der Antrag V-01 will die grüne Gesundheitspolitik "aktualisieren": "Die Finanzierung von nachweislich nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirksamen Behandlungsmethoden" sei mit dem Grundsatz einer "wissenschaftlich fundierten, faktenbasierten und solidarisch finanzierten medizinischen Versorgung" nicht vereinbar, heißt es darin. 267 Unterzeichner hat der Antrag bekommen, eine ungewöhnlich hohe Zahl für grüne Parteitagsanträge. Homöopathie-Befürworter konterten mit drei Gegenanträgen.

Wogen glätten, Thema auslagern

Für den grünen Bundesvorstand scheint die Debatte heikel zu sein. "Aus Kapazitätsgründen" konnte kein Gesprächspartner Auskunft geben. Hinter den Kulissen versucht Bundesgeschäftsführer Michael Kellner, die Wogen zu glätten und nach einem Kompromiss zu suchen. Er will das Thema nicht auf dem Bundesparteitag diskutieren, sondern lieber auslagern. In einem Änderungsantrag heißt es:

"Die Debatte um Homöopathie schlägt hohe Wellen, ein wichtiger, aber mit Sicherheit nicht der wichtigste Punkt. Deswegen möchten wir als Bundesvorstand (...) zu einem gemeinsamen Fachgespräch einladen, um eine gemeinsame Positionierung zu erreichen."

"Zu komplex für einen Parteitag"

Die Grünen-Spitze scheint das Thema pragmatisch zu sehen. Habeck beispielsweise wird in der "taz" mit der Aussage zitiert, er kenne "keine wissenschaftliche Evidenz", dass Homöopathika wirkten. Aber die Beratungsleistung, das Reden über Krankheitssymptome, habe "sehr wohl einen Effekt".

Die für das Thema zuständige Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche sieht das genauso. Auch wenn sie selbst nicht an die Wirkung von Globuli glaubt: Der Mensch sei ein komplexes Wesen und man müsse einerseits die Erkenntnisse evidenzbasierter Medizin und andererseits den Patienten als mündigen Akteur berücksichtigen, sagt sie im Gespräch mit tagesschau.de. Über die Wirkung von Homöopathie auf einem Parteitag zu diskutieren, mache wenig Sinn. "Das kann man nicht mit Ja oder Nein abstimmen, das Thema ist komplexer und muss mit Fachleuten besprochen werden." Den Vorschlag des Bundesvorstands zu einem Fachgespräch findet sie deshalb "weise".

Homöopathie Globuli | Bildquelle: dpa
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Über den Nutzen von Globuli wird heftig gestritten - nicht nur bei den Grünen.

Kompromiss in Sicht

Derzeit deutet alles darauf hin, dass es dazu auch kommt und das Thema vom Parteitag ferngehalten wird. Die Antragsteller des ursprünglichen, homöopathiekritischen Antrags zeigen sich zuversichtlich, einen Kompromiss mit dem Bundesvorstand zu finden. Und auch die Homöopathie-Befürworter wünschen sich ein intensives Gespräch in anderem Format. Schließlich gehe hier um "komplexe Themen wie die Bewertung von Studiendesigns und die Beurteilung von Meta-Analysen", sagt beispielsweise der Internist Yatin Shah.

Denn die vielfach zitierte Behauptung, es gebe keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus, bestreiten die Befürworter. "Über 100 randomisierte Placebo-kontrollierte Studien und über 1000 experimentelle Studien deuten auf eine Wirksamkeit der Homöopathie hin", sagt ein anderer Antragsteller, Ulrich Geyer, selbst Arzt für Innere Medizin und Naturheilverfahren gegenüber tagesschau.de. Bei den immer wieder herangezogenen Meta-Studien, die viele Einzelstudien auswerten, seien diese Ergebnisse nicht berücksichtigt worden.

Das Thema trifft einen Nerv

Auch in den Sozialen Medien zeigt sich, dass das Thema - weit über die Grünen hinaus - einen Nerv trifft und Kontroversen hervorruft. SPD- Staatssekretär Christian Lange erntete einen Shitstorm auf Twitter, nachdem er schrieb, "Homöopathie gehört zu einer guten Patientenversorgung" und dabei ein Foto von sich und der Geschäftsführung des Homöopathie- und Naturkosmetikherstellers Weleda postete. Die Online-Petition #RetteDeineHomöopathie auf change.org, die sich an die Grünen richtet, hat inzwischen mehr als 21.700 Unterzeichner.

Und spätestens seit Frankreich beschlossen hat, Homöopathie als Kassenleistung bis 2021 zu streichen, wird das Thema auch in der deutschen Politik quer durch die Parteien diskutiert. Zwar gehört es hierzulande nicht zum regulären Leistungskatalog, viele Kassen erstatten aber die Kosten dafür zumindest zum Teil, um für Patienten attraktiver zu sein als andere Kassen.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich vorerst entschieden, die vielen, denen Homöopathie wichtig ist, nicht "vor den Kopf zu stoßen", sagte er kürzlich bei einer Veranstaltung des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Von 40 Milliarden Euro Arzneiausgaben würden lediglich 20 Millionen für Homöopathie ausgegeben. Angesichts dieser Größenordnung sei er zu dem Schluss gekommen, "es ist so ok, wie es ist".

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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