Blick auf Zittau | MDR
#mittendrin

Zittau in Sachsen Am äußeren Rand oder mitten in Europa?

Stand: 24.06.2021 10:52 Uhr

Zittau liegt im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Viele profitieren von den offenen Grenzen - anderen bereitet das Thema Kriminalität Sorgen. Eine Region zwischen Europa-Skepsis und Europa-Begeisterung.

Von Friederike Rohmann, MDR

Zittau, ganz am Rande von Deutschland, ist Leonie Liemichs neues Zuhause. Im Frühjahr 2020 zog die 35-Jährige mit ihrer Familie in die Oberlausitz, um nahe der polnischen und vor allem der tschechischen Grenze zu leben.

Ihr Partner stammt aus Tschechien, beide haben zehn Jahre lang in Prag gewohnt. Mit ihren Kindern sollte es dann in eine kleinere Stadt gehen, erzählt Liemich:

Dann haben wir auf die Landkarte geschaut, wo die Grenzregionen zwischen Deutschland und Tschechien liegen. Wir wollten beide Länder in unserem Leben präsent haben und sind dann einfach hier gelandet. Wir hatten uns schon ziemlich bewusst als Traumvorstellung auf diese Region fixiert.

Grenzüberschreitende Forschungsprojekte

Die Politikwissenschaftlerin arbeitet seit gut einem Jahr an der Hochschule Zittau-Görlitz und betreut dort grenzübergreifende Forschungsprojekte. Für Liemich ist es ein Traumjob.

Häufig fährt sie nach Tschechien oder Polen, um dort Projektpartner zu treffen. Sie lebe Europa - sowohl privat als auch beruflich, sagt sie. Und ist froh, dass das derzeit auch wieder in vollen Zügen geht.

Während der Pandemie wurden im ersten sowie im zweiten Lockdown die nahen Grenzen zu Polen und Tschechien zeitweise dichtgemacht. Arbeiten jenseits der Grenze, Besuche bei Verwandten und Freunden, Wandern gehen im Nachbarland, Restaurantbesuche in Tschechien oder Polen - all das war plötzlich nicht mehr möglich.

Leonie Liemich | MDR

Sieht die Vorteile des offenen Europa: Die Politikwissenschaftlerin Liemich arbeitet dies- und jenseits der Grenze. Bild: MDR

"Grenzschließungen für manche traumatisch"

Viele fühlten sich durch die Grenzschließung in ihrem Alltag eingeschränkt, berichtet Oberbürgermeister Thomas Zenker. Bei manchen seien sogar Erinnerungen an die DDR hochgekommen. Die schloss 1980 aufgrund der Solidarnosc-Bewegung die Grenze zu Polen.

1989 folgte die Grenze zu Tschechien, um - kurz vor dem Mauerfall - die Ausreisewelle zu stoppen. "Für manche Menschen hier sind die Grenzschließungen traumatisch gewesen", erzählt Zenker.

Grenzkriminalität, Lebensqualität, Strukturwandel

Geschlossene Grenzen gab es seit der DDR nicht mehr, Kontrollen an den Grenzen zu Polen und Tschechien hingegen noch bis 2007. Einige, mit denen man in Zittau ins Gespräch kommt, machen sich seitdem Sorgen um Grenzkriminalität.

Und auch Bürgermeister Zenker sieht dieses Problem: "Wir haben eine höhere Kriminalitätsrate, das ist definitiv so. Auch wenn ich selber sage, das sind sehr oft sehr kleine Schäden. Man muss aber zum Beispiel auch sagen: Baubetriebe fürchten um ihre Materialien und so weiter. Da muss was passieren."

Doch das sei nicht das Einzige, was die Menschen hier, auch angesichts der Bundestagswahlen, beschäftigt, glaubt Zenker. Im ländlichen Raum müssten Lebensverhältnisse besser werden - vergleichbar mit denen in größeren Städten, findet Zenker. Damit auch jüngere Menschen in der Region bleiben wollen.

Darüber hinaus spiele das Thema Strukturwandel in der Oberlausitz eine große Rolle. Viele hofften auf pragmatische Lösungen der Politik, mit denen sie nicht um ihren Arbeitsplatz bangen müssten, so Zenker.

Sendungsbild | MDR

Bürgermeister Zenker fordert, dass sich im ländlichen Raum die Lebensverhältnisse verbessern müssen. Bild: MDR

Offenes Europa vs. Rechtspopulismus

Von einem offenen Europa profitieren viele in der Oberlausitz. Im Privaten sowie wirtschaftlich. Unternehmen könnten ohne Fachkräfte aus Polen und Tschechien teilweise den Betrieb nicht aufrechterhalten. Ähnlich sieht es aus in den Krankenhäusern.

Andersherum gibt es ebenfalls Deutsche, die im Nachbarland arbeiten. Problemlos möglich ist das (abgesehen von der Pandemie) nur durch offene Grenzen.

Dennoch wählten in der Region bei der letzten Bundestagswahl mehr als 30 Prozent die AfD. Eine Partei, die den EU-Austritt Deutschlands fordert. Und somit den Grenzverkehr deutlich komplizierter machen würde.

Ein Widerspruch, den sich Bürgermeister Zenker damit erklärt, dass einige unzufrieden seien mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren. Zum anderen habe es hier schon immer Wähler gegeben, die schwer konservativ eingestellt seien: "Das ist rein zahlenmäßig keine Überraschung, dass jetzt mehr Menschen AfD wählen", sagt Zenker und verweist auf ein Spektrum bei früheren Wahlen, das von konservativ bis rechtsextrem reicht.

Ein klares Ja zu Europa

Für Leonie Liemich wäre es ein Albtraum, würde es ein offenes Europa in der jetzigen Form nicht mehr geben. Sie genießt ihr Leben im Dreiländereck in vollen Zügen, schwärmt sie.

Wenn Liemich im September wählt, ist ihr vor allem eines wichtig: "Das Ja zu Europa. Weil Zittau und auch die Oberlausitz liegen im Herzen Europas. Das heißt: Diese Lage ist nicht irgendwo im Osten von Deutschland. Nein. Sondern es ist im Herzen Europas. Und das würde ich mir wünschen, dass das auch stärker in den Debatten zur Bundestagswahl eingebunden wird."

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 25. Juni 2021 um 21:45 Uhr.