Alexander Roth ist Lokaljournalist bei Zeitungsverlag Waiblingen.
#mittendrin

Tag der Pressefreiheit Wenn Journalisten zur Zielscheibe werden

Stand: 03.05.2021 15:58 Uhr

Pressefreiheit - aus Sicht von "Reporter ohne Grenzen" ist die auch in Deutschland nur noch "zufriedenstellend". Ein Grund: Angriffe von "Querdenkern", die auch Lokaljournalisten wie Alexander Roth zu spüren bekommen.

Von Jenni Rieger, SWR Stuttgart

Gerade wieder hat sein Handy gepiept. Dieses Piepen, das weiß Alexander Roth, kann alles bedeuten: eine nette Nachricht von Freunden - oder eine Hasstirade. Roth ist Lokaljournalist beim ZVW, dem Zeitungsverlag Waiblingen, einer mittelgroßen Regionalzeitung im Rems-Murr-Kreis nahe Stuttgart.

Jenni Rieger

Sein Handy ist inzwischen so etwas wie der Gradmesser eines zunehmend eskalierenden Umgangs mit Journalisten. "Da kam jetzt eine Nachricht, dass ein Artikel von mir im Nachrichtendienst Messenger verlinkt wurde", erklärt Roth und zeigt, was das bedeutet. Denn unter dem Artikel findet der Verfasser der Nachricht deutliche Worte. Dort steht: "Mit freundlichen Grüßen an die Corona-Nazi-Presse, bei welcher auch immer mehr Redakteure als Nazi-Schergen und Helfershelfer bereits für die Nürnberger Prozesse 2.0 vorgemerkt sind."

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"Krass" findet Roth die Anfeindungen, die von den Verfassern zum Teil sogar mit Klarnamen verschickt werden.

Immer schärfere Anfeindungen

"Das ist nicht mehr lustig", so Roth, an den diese Worte gerichtet sind. "Bei den Nürnberger Prozessen ging es um Verbrechen der Nazis, und der Schreiber dieser Nachricht setzt uns Journalisten damit gleich. Das ist schon krass. Aber die 'Querdenker' befinden sich in ihrer eigenen Blase, in der alle die gleiche Meinung haben und sich ständig gegenseitig in dieser Meinung bestätigen. Und die verstehen nicht, dass andere auch eine andere Meinung haben. Für die ist klar, dass alle Journalisten lügen und verachtenswert sind."

Roth schreibt schwerpunktmäßig Artikel über Rechtsextreme, Verschwörungstheorien, die "Querdenker"-Szene. Er recherchiert Hintergründe, analysiert Zusammenhänge. In seinen Artikeln zeigt er auf, welche Netzwerke rechte Akteure spannen, wie eng etwa Querdenker und Rechtsextreme miteinander verbunden sind. Dass Reaktionen darauf nicht ausbleiben können, ist ihm bewusst.

Droh-Mails oft auch mit Klarnamen

Deren Heftigkeit jedoch erschreckt den Lokaljournalisten immer wieder. Und das Selbstbewusstsein, mit dem sie vorgetragen werden. "Da erreichen mich Mails, die sind mit Klarnamen unterschrieben oder gar von einer Firmenadresse abgeschickt", erzählt Roth. "Da merkt man, die Menschen haben jegliche Scheu verloren, Journalisten zu beschimpfen oder konkret zu bedrohen."

Ein Leser schreibt beispielsweise: "Wer so dermaßen pervers gegen andersdenkende Oppositionelle hetzt, wie die Regimepresse, darf sich halt nicht wundern wenn Er/Sie/Es in näherer Zukunft mit gehäufter Regelmäßigkeit von Selbigen in die Fresse geschlagen wird."

"Kugel in den Kopf"

Und auf dem Messenger-Dienst Telegram wird ganz unverhohlen über die Wirksamkeit einer "Kugel in den Kopf" für Journalisten wie ihn diskutiert.

Auf solche Angriffe, sagt Roth, kann er nicht reagieren. Kann nicht in den Dialog gehen, denn es wird keine sachliche Auseinandersetzung gesucht, es werden keine Fragen gestellt. Das, so sieht man es auch in der Redaktion, sei neu. Denn eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer journalistischen Arbeit sei ja per so nichts Schlechtes, sondern sogar wünschenswert.

"Ungefiltert vom Hirn zur Taste"

Roths Kollege Peter Schwarz sieht in dieser Auseinandersetzung grundsätzlich einen wichtigen Bestandteil der Arbeit von Journalisten: "Unser Gehalt als Journalisten bekommen wir ja teils auch, um uns beschimpfen zu lassen", sagt er augenzwinkernd und fügt dann ernster hinzu: "Es ist unsere Aufgabe, damit umzugehen. Aber ich merke halt schon, dass der Ton heftiger wird, über Beschimpfungen bis hin zu Bedrohungen. Und daran haben auch die sozialen Medien ihren Anteil, denn dort ist der Weg vom Hirn zur Taste besonders kurz, jegliche Erregung geht ungefiltert in die Taste."

Und die "Erregung" wird immer persönlicher, Alexander Roth immer häufiger zur Zielscheibe. Nicht nur als Journalist, sondern ganz persönlich, als Mensch. Sein voller Name wird auf Telegram gepostet, sein Foto geteilt. Ein Vorgehen, das er selbst, in seiner Berichterstattung, ablehnt. Dort kürzt er Namen ab, macht Gesichter unkenntlich. Journalistische Grundregeln - die jedoch für die andere Seite nicht zu gelten scheinen.

"Das soll mich einschüchtern. Und es ist ja wirklich so, dass ich merke, mit jedem Artikel, den ich schreibe, gerate ich mehr in den Fokus, immer mehr Leute kennen mich und mehr Leute sind wütend auf mich und meine Artikel."

Auswirkungen auf Privatleben

Diese Angriffe auf Alexander Roths Arbeit haben längst auch Auswirkungen auf sein Privatleben. Seine Privatadresse hält er geheim. Auch zum Schutz seiner Familie. Jede seiner Aktivitäten im Netz hinterfragt er.

Auch die ganz persönlichen, die nichts mit seiner Arbeit zu tun haben. "Wenn ich etwas like, wer kann das dann sehen? Welche Seiten ich aufrufe, was ich poste? Inzwischen fühle ich mich als Privatperson unter ständiger Beobachtung, nicht nur als Journalist. Und das macht schon was mit einem."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Mai 2021 um 12:00 Uhr.