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Kreis Heinsberg in NRW Der erste Corona-Hotspot - ein Jahr später

Stand: 25.02.2021 11:29 Uhr

Vor einem Jahr wurde Heinsberg über Nacht deutschlandweit bekannt: Nach einer Karnevalssitzung im Ort Gangelt entwickelte sich der westlichste Kreis Deutschlands zum ersten Corona-Hotspot. Was hat das mit den Menschen gemacht?

Von Julia von Cube, WDR

Ein Jahr nach dem Corona-Ausbruch herrscht immer noch Ausnahmezustand im Kreis Heinsberg. Viele sind froh, dass Karneval in diesem Jahr ausgefallen ist, denn die Erinnerungen sind schmerzhaft. Dabei ist es eigentlich die wichtigste Jahreszeit für die Menschen in der Region. Traditionell wird bei vielen kleinen und großen Karnevalsveranstaltungen gefeiert.

Silvia Jansen - mittlerweile selbst zweifache Mutter - erinnert sich noch gerne daran zurück, wie sie als kleines Kind im Bollerwagen bei den Karnevalsfeiern dabei war. Sie hatte auch im vergangenen Jahr mit ihren Eltern gemeinsam auf einer Karnevalssitzung in Gangelt gefeiert. Doch ihr Vater infizierte sich mit Corona. Er war der erste Corona-Tote im Kreis Heinsberg.

Heinsberg war die Blaupause

Dieser Schicksalsschlag traf sie und ihre Familie, sie waren damit aber nicht allein: Trauer in Zeiten von Quarantäne, Schulschließungen und Lockdown - das kam für die Menschen in Heinsberg alles über Nacht.

Es gab keine Blaupause - Heinsberg war die Blaupause, erzählt Jansen: "Ich fand es wie in einem falschen Film. Wenn man den Fernseher einschaltet und plötzlich sieht man das Ortseingangsschild von Gangelt und durch den Ort fahren auf einmal Kamerateams." Der Kreis Heinsberg sei eigentlich eine "ländliche Idylle - so unbeschwert. Das war plötzlich nicht mehr so".

Alle Augen auf "Papa Pusch"

Der neue Alltag in Heinsberg bedeutete auch, dass es jede Woche eine Krisenstabssitzung im Kreishaus gab - und gibt. Bis heute steht dabei Landrat Stephan Pusch im Mittelpunkt. Der CDU-Politiker gilt für Viele als der Krisenmanager. Er musste alleine viele, große Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel die Schließung der Schulen von einem Tag auf die anderen.

"Da wird einem mulmig", sagt Pusch. "Es ist natürlich so, dass man eigentlich keine Zeit hat, Angst zu entwickeln, man muss ja anpacken. Wir haben versucht, mit dem Ministerium Kontakt aufzunehmen, aber irgendwann kommt dann der Punkt, dass sich alle Augen auf den Landrat richten - nach dem Motto: Machen wir das jetzt so?"

Stephan Pusch, Landrat des Kreises Heinsberg | dpa

Seit einem Jahr laufend in Krisensitzungen: Landrat Stephan Pusch. Bild: dpa

Die Angst hätte in Aggression umschlagen können

Über seine Entscheidungen informierte Landrat Pusch teilweise mehrmals täglich in Facebook-Videos. Manch einer nennt ihn mittlerweile auch deswegen "Papa Pusch". Bei der Kommunalwahl im vergangenen Herbst wurde er mit fast 80 Prozent im Amt bestätigt. Für seine Arbeit in der Pandemie bekam er das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen.

Für Pusch ist Kommunikation in dieser Krisenzeit das Wichtigste: "Ich glaube, wenn die Leute Angst bekommen hätten oder gesagt hätten, ich verstehe das nicht, was die da machen, dann wäre die Angst schnell in Aggression umgeschlagen und dann hätten wir vielleicht auch wütende Menschen vor dem Kreishaus gehabt. Das war ja auch ein sehr großer Druck."

Drei von fünf Tests an Aschermittwoch positiv

Wie groß die Belastung im Kreis Heinsberg war und immer noch ist, zeigt sich auch in der Hausarztpraxis von Dr. Christian Hoppe. Er hat seit Aschermittwoch im vergangenen Jahr 1800 Corona-Patientinnen und -Patienten behandelt: Manche Menschen leiden immer noch an den Folgen der Erkrankung, einige sind gestorben.

Wenn er von den ersten Tagen der Pandemie im vergangenen Jahr erzählt, klingt er fassungslos: "Wir haben direkt an Aschermittwoch die ersten fünf Corona-Tests gemacht, drei davon waren positiv. Am Donnerstag haben wir 20 Tests gemacht, elf positiv. Am Freitag waren wieder 50 Prozent der Tests positiv. Und das ging dann so weiter."

Hausarzt Dr. Christian Hoppe |

Mehr als jeder zweite Corona-Test in seiner Praxis fiel anfangs positiv aus: Hausarzt Dr. Christian Hoppe.

"Es wird schwieriger - für uns alle"

Seine Praxis musste zeitweise schließen, da auch eine Mitarbeiterin infiziert war. Zu dieser Zeit drohte die gesundheitliche Versorgung in der Region zusammenzubrechen. Was den Hausarzt beeindruckt: Die Menschen seien besonnen geblieben und nicht in Panik geraten - damals wie heute.

Hoppe beeindruckt auch, wie viele der Heinsberger sich streng an die Corona-Schutzmaßnahmen halten. Trotzdem merkt auch er, dass die Menschen ans Ende ihrer Kraft und ihrer Geduld kommen. "Es wird schwieriger - für uns alle."

An einen Normalbetrieb ist weiterhin weder in der Praxis noch an einem anderen Ort im Kreis Heinsberg zu denken. Zwölf Monate Corona-Krise haben diesen Ort und seine Menschen verändert. Hausarzt Hoppe kann auch positives darin sehen: "Wir haben sehr viel gelernt. Wenn so etwas nochmal kommt, wären wir vorbereitet."