Thomas Ganz von der Autobahn GmBh hat das Projekt seit 1.1. 2021 von Straßen NRW übernommen. | Marion Kerstholt WDR
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tagesthemen mittendrin Leben an einer Baustelle

Stand: 15.01.2021 21:48 Uhr

Die Anwohner in Köln-Merkenich wohnen an der Baustelle der Leverkusener Brücke. Seit Jahren schon müssen sie mit Baulärm und Schmutz leben - und keiner weiß so richtig, wie es weitergeht.

Von Nicole Kohnert, WDR

"Ich bin schlecht gelaunt, auch mal aggressiv, schlafe seit 2018 auch nicht mehr richtig", sagt Helga Schneider aus Köln-Merkenich, die direkt an der Baustelle zur Leverkusener Brücke wohnt. "Aber man kann jetzt auch nicht einfach flüchten und man weiß ja auch gerade nicht, wie und wann es weitergeht."

Schneider wohnt seit Jahren an der Rheinbrücke, die den Kölner-Stadtteil Merkenich mit dem Leverkusener Stadtteil Wiesdorf verbindet. Dass die Autobahnbrücke neu gebaut wird, war ihr schon lange klar. Allerdings hatte sie keine Vorstellung davon, wie lange das dauern wird und was es für sie heißt. Sie wohnt zur Miete in einem Haus, das gut 15 Meter von der Autobahnbrücke und Baustelle an der A1 entfernt ist.

"Die haben uns einfach vergessen"

Laut Planfeststellungsverfahren wohnt sie auf landwirtschaftlichem Gebiet. Man habe wohl nicht an die Anwohner gedacht, erzählt Schneider. "Die dachten, hier wohnt Vieh. Die haben uns einfach vergessen", sagt sie und schaut von ihrem Schlafzimmer direkt auf die Baustelle.

Seit 2018 wird die neue rund 1000 Meter lange Brücke parallel zur alten maroden Brücke gebaut. Doch seit dem Frühjahr 2020 herrscht Baustopp. Das Land NRW kündigte der Baufirma, weil diese fehlerhaften Stahl aus China verwendet und damit Baumängel verursacht haben soll. Gut 70 Meter der neuen Brücke sind nur fertig, einige Betonpfeiler ragen in die Höhe und erinnern täglich an den Baustopp. 

Nur 15 Meter entfernt wohnen Anwohner an der Baustelle zur Leverkusener Brücke in Köln Merkenich. | Marion Kerstholt WDR

Nur 15 Meter entfernt wohnen Anwohner an der Baustelle zur Leverkusener Brücke in Köln Merkenich. Bild: Marion Kerstholt WDR

Kein Verständnis

Bruno Klais von der Bürgerinitiative Merkenich hat kein Verständnis dafür, dass die letzte Firma Stahl aus China verwendet hat. "Der billigste Stahl ist nicht der Beste", sagt Klais. "Meine Oma sagte immer, billig kann ich mir nicht leisten, da bin ich zu arm für, denn man kauft es zweimal - und das erleben wir jetzt." Die Ungewissheit, wann es mit der Baustelle weitergeht, belaste die Bürger sehr, erzählt er.

Denn schon seit vielen Jahren gibt es Ärger um die Leverkusener Brücke: 2012 entdeckte der Landesbetrieb Straßen NRW Ermüdungsbrüche in der Autobahnbrücke. Es musste schnell gehandelt werden, denn bis zu 120.000 Fahrzeuge pro Tag drängen über den Rhein - von Lkw-Fahrern bis hin zu Berufspendlern.

Gesperrte Brücke

Die marode Brücke wurde daraufhin für Lkw ab 3,5 Tonnen gesperrt, um weitere Risse zu vermeiden. Seitdem müssen Spediteure Umwege fahren, immer wieder suchen sich die Lkw-Fahrer aber ihre Wege durch Stadtgebiete und Wohnsiedlungen rund um die Autobahnbrücke, beklagen sich die Bürger von Köln-Merkenich. Dazu der tägliche Stau auf der Brücke, da eine Geschwindigkeitsbegrenzung herrscht.

Auch die Leverkusener auf der anderen Rheinseite sind durch den Neubau belastet. Eine von vielen Sorgen ist die ehemalige Giftmülldeponie "Dhünnaue" des Chemieunternehmens Bayer, die an der Autobahnbrücke liegt.

Die Befürchtung der Bürger: Durch den Neubau wird die 20 Jahre alte versiegelte Giftmülldeponie wieder aufgebrochen, giftige Gase könnten entstehen. Die Bürgerinitiative "LEV muss leben" in Leverkusen hat darum einen langen Tunnel vorgeschlagen, damit Bauarbeiten nicht in die ehemalige Giftmülldeponie eingreifen. 

Die Betonpfeiler ragen in die Höhe. Nur 70 Meter der neuen Brücke konnte gebaut werden. | Marion Kerstholt WDR

Betonpfeiler ragen in die Höhe: Nur 70 Meter der neuen Brücke konnten gebaut werden. Bild: Marion Kerstholt WDR

Autobahn GmbH übernimmt Großprojekt

Anfang 2021 übernimmt nun die Autobahn-GmbH, eine GmbH beauftragt vom Bund, das Projekt von Straßen NRW und soll dafür sorgen, dass eine neue Firma das Projekt zu Ende bringt. Da quasi der Bund das Projekt übernimmt, soll es nun schneller gehen, verspricht Thomas Ganz von der Autobahn GmbH.

Den Vorwurf der Anwohner, dass man bei den Ausschreibungen immer nur auf das billigste Angebot schaut, weist er zurück: "Man guckt nicht auf den billigsten, sondern man guckt immer auf das wirtschaftlichste Angebot", sagt Ganz. "Wir haben im Vergabeverfahren jetzt beteiligte Firmen, die das können, die es auch in der Vergangenheit schon gezeigt haben, dass sie es können und da sind wir sehr optimistisch, dass wir das hinbekommen."

Doch auch bei den Vergabeverfahren kommt es zu Verzögerung. Aufgrund mehrerer Rügen einer Bietergemeinschaft läuft ein Verfahren bei der Vergabekammer Rheinland. Es soll noch im Januar 2021 entschieden werden, so das Versprechen der Autobahn GmbH. Im Anschluss werde das Vergabeverfahren fortgesetzt und eine Baufirma gefunden werden.  

Neue Brücke soll 2023 fertig sein

Ganz von der Autobahn GmbH verspricht, dass 2023 die neue Brücke fertig sein soll und dann die alte marode Brücke abgerissen werden kann. Die Anwohner auf beiden Rheinseiten will er weiterhin um Geduld bitten. "2027 sind wir hier komplett fertig und die Autobahn GmbH ist hier raus", sagt er.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Januar 2021 um 22:15 Uhr.