Rabbiner Shlomo Raskin und Heimbewohner Siegmund Freund
#mittendrin

Jüdisches Seniorenzentrum Ein Heim gefunden

Stand: 20.07.2021 17:32 Uhr

Sie haben Konzentrationslager und Krieg überstanden. Mitten in Frankfurt fanden einige Shoah-Überlebende in einem jüdischen Seniorenzentrum ein Zuhause. Über das erlebte Grauen wollen viele nicht mehr reden.

Von Oliver Feldforth, HR

101 Jahre ist er alt, hat sechs Jahre Lager und den Todesmarsch am Ende des Krieges überlebt. Über die Zeit will Siegmund Freund nicht mit uns reden. "Sie wissen ja, was das ist", sagt er und zeigt auf die tätowierte Nummer auf seinem linken Unterarm.

Oliver Feldforth
Siegmund Freund

Über den Krieg mag Siegmund Freund nicht mehr reden.

Die Sozialarbeiterin des Zentrums kennt dieses Nicht-reden-wollen auch von zu Hause. Sara Majerczik ist selbst Tochter von Shoah-Überlebenden und seit Jahren hier. Der Vater floh aus dem Ghetto, die Mutter überlebte Buchenwald. Der Vater berichtete später viel von dieser grauenhaften Zeit, die Mutter nie. "Ich glaube, es gibt ganz viele Dinge, die sie nie erzählen. Selbst, wenn sie erzählen, erzählen sie einen ganz kleinen Teil von dem. Und das, was sie nicht erzählen wollen, das ist wahrscheinlich kein schlechter Verdrängungsmechanismus."

Sie selbst kann sich in der Altenarbeit nur ein jüdisches Heim vorstellen. In einem anderen deutschen Seniorenheim wäre sie ja vermutlich auch Tätern begegnet. Und das hätte sie wohl nicht ausgehalten, sagt sie.

Das Seniorenzentrum liegt mitten in Frankfurt, entstanden aus einem jüdischen Krankenhaus. Die kleine angeschlossene Synagoge war nach dem Krieg die einzige, die in Frankfurt die Herrschaft der Nationalsozialisten überstanden hatte.

Ali Halim

Ali Halim soll bleiben - fanden die Senioren. Er hat daher dann seinen Renteneintritt aufgeschoben.

Ein Betreuer kam als Flüchtling aus Afghanistan

Das Altenzentrum ist ein Heim geworden für knapp 170 alte Menschen, von denen viele ihre Heimat verloren haben.

Aber auch Ali Halim gelang es hier, als Betreuer nach Jahren der Flucht wieder anzukommen. Halim stammt aus Afghanistan, hat als Flüchtling in Moskau studiert. So kann er mit vielen der alten Jüdinnen und Juden russisch sprechen, die aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland gekommen sind. Als er im vergangenen Jahr in den Ruhestand gehen sollte, schrieben die Bewohnerinnen und Bewohner der Heimleitung, dass Halim doch bitte noch ein paar Jahre bleiben möge. Und so hat der gläubige Muslim verlängert, geht mit seinen Schützlingen zum Arzt und hilft überall.

Für ihn sei keine Religion auf dem ersten Platz, sagt der 66-Jährige: "Für mich sind Menschen auf dem ersten Platz. Ich arbeite mit Menschen. Dieser Glauben ist für jeden selbst eine Verbindung mit Gott."

Rabbiner Shlomo Raskin

Rabbiner Shlomo Raskin möchte die älteren Menschen ehren.

Den Glauben an die Welt wieder aufbauen

Um die jüdischen Gläubigen im Altenzentrum kümmert sich auch Rabbiner Shlomo Raskin. Er hält die Gottesdienste in der Synagoge am Schabbat und den jüdischen Feiertagen. Und er beerdigt auch die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof der Stadt.  Er möchte die alten Menschen ehren, erzählt er. Viele hätten die Hoffnung an die Welt verloren. Sie wolle er versuchen wieder ein wenig aufzubauen. Denn eigentlich sei der Wille zu leben sehr stark in ihnen. Und so kommt am Freitag eine kleine Gruppe in der Synagoge zusammen, nach Männern und Frauen getrennt. Raskin hat seine beiden Söhne mitgebracht, damit der Gesang etwas voller klinge.

"Ich sehe in den Augen der alten Menschen Vergangenheit, die verloren gegangen ist und die versucht, wieder einigermaßen aufgebaut zu werden", sagt er. "Nicht immer mit Erfolg".

Ivett Lendvai

Ivett Lendvai hat Auschwitz überlebt.

Die Zeitzeugen werden immer weniger

Ivett Lendvai redet über ihre Zeit in den Lagern. Sie wohnt in einer eigenen Wohnung im Seniorenzentrum, geht regelmäßig in Schulklassen und berichtet auch über Auschwitz. Wie wenig die Überlebenden noch mit normalen Menschen gemein gehabt hätten bei der Befreiung, nur noch Haut und Knochen seien sie gewesen. Dass Zeitzeugen wie sie erzählen, das sei wichtig, sagt die 86-Jährige. Sie will berichten, solange sie das gesundheitlich nur irgendwie kann. Es werden jeden Tag weniger, die das tun können.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. Juli 2021 um 22:20 Uhr.