Nach der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz. Eine Luftaufnahme von dem Kreis Ahrweiler. | dpa

Hochwasserkatastrophe Schwere Vorwürfe gegen Ahrweilers Landrat

Stand: 31.07.2021 15:17 Uhr

Mehr als zwei Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz gibt es schwere Vorwürfe gegen den Landkreis Ahrweiler. Es sei präzise gewarnt worden, ohne dass Verantwortliche rechtzeitig reagiert hätten, hieß es in einem Medienbericht.

Nach der Hochwasserkatastrophe im Landkreis Ahrweiler mehrt sich die Kritik am zuständigen Landrat. Einem Medienbericht zufolge wurde der Landkreis in der Nacht auf den 15. Juli präzise gewarnt, ohne jedoch rechtzeitig darauf reagiert zu haben. Es seien bei der Kreisverwaltung mehrere automatisierte Mails des rheinland-pfälzischen Landesumweltamts eingegangen, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf einen Sprecher der Behörde.

Bereits am Nachmittag des 14. Juli veröffentlichte das Landesumweltamt demnach Prognosen, die einen Pegelstand der Ahr von deutlich mehr als dem vorherigen Höchststand von 3,70 Meter vorhersagten. Am Abend habe es dann neben den Mails auch weitere Online-Informationen der Landesbehörde gegeben. Darin sowie in den Mails an die Kreisverwaltung sei gegen 21.30 Uhr ein erwarteter Pegelstand von fast sieben Metern genannt worden. Dennoch habe der Landkreis erst gegen 23.00 Uhr den Katastrophenfall ausgerufen und Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet.

Abläufe sollen aufgearbeitet werden

Lediglich am frühen Abend war die Warnung laut "FAZ" zwischenzeitlich etwas entschärft worden. Damit habe Landrat Jürgen Pföhler (CDU) seine zunächst abwartende Haltung begründet. Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) verwies gegenüber der "FAZ" auf die Zuständigkeit der Kreisverwaltung. Er kündigte an, die Abläufe an dem Abend würden "exakt aufgearbeitet" werden.

Auch der Krisenforscher Frank Roselieb erhob schwere Vorwürfe gegen Pföhler. Das Katastrophenschutzmanagement gehöre zur Kernfunktion jedes Kreischefs und jedes Oberbürgermeisters, sagte der Kieler Wissenschaftler der "Rhein-Zeitung". Dass im Kreis Ahrweiler kein Voralarm ausgelöst worden sei, halte er für unerklärlich. Die Auslösung eines Voralarms hätte laut Roselieb bereits am frühen Abend des 14. Juli erfolgen können, "um Notmaßnahmen einleiten zu können". Dies sei etwa möglich, wenn "die Pegelstände steigen und steigen, ohne dass schon was Schlimmeres passiert ist".

Ein Anwohner läuft über einem Platz in Ahrweiler durch Schutt und Unrat aus den überfluteten Häusern (Luftaufnahme mit einer Drohne). | dpa

Ein Anwohner läuft über einem Platz in Ahrweiler durch Schutt und Unrat aus den überfluteten Häusern (Luftaufnahme mit einer Drohne). Bild: dpa

"Katastrophenalarm im Kopf"

Roselieb sprach von einem "Katastrophenalarm im Kopf". Zur Zeit der Ausrufung des Katastrophenfalls gegen 23 Uhr erging demnach auch die Meldung, die Gebäude 50 Meter rechts und links der Ahr zu evakuieren. Als Pföhler zu dieser Zeit an die Bevölkerung appelliert habe, sich in höher gelegene Stockwerke zu begeben, seien allerdings schon Häuser von den Wassermassen mitgerissen worden. 

"Niemand kann sagen, dass es solche Flutwellen im Ahrtal noch nicht gegeben hat", betonte Roselieb. "Beim Hochwasser vor 200 Jahren waren die Dimensionen etwa noch gewaltiger." Vor 100 Jahren sei es ähnlich gewesen. Zudem sei man frühzeitig gewarnt worden. Aus Sicht des Forschers gibt es deshalb keinen Grund, auf eine Flutwelle wie die jüngste nicht vorbereitet gewesen zu sein.

Abwasser fließt ungeklärt in die Ahr

Die Lage vor Ort ist immer noch prekär. Da alle Kläranlagen im Ahrtal bei den Überschwemmungen beschädigt wurden, fließt anfallendes Abwasser ungereinigt und ungeklärt in die Ahr. Um den Fluss wieder überqueren zu können, wird heute die erste Behelfsbrücke für den Verkehr freigegeben. Sie wurde vom Technischen Hilfswerk aus vorgefertigten Stahl-Elementen gebaut.

In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatte extremer Starkregen vor mehr als zwei Wochen verheerende Überschwemmungen ausgelöst. Viele Gemeinden, insbesondere im rheinland-pfälzischen Ahrtal, wurden verwüstet. Rheinland-Pfalz meldete bislang 135 Tote, 59 weitere Menschen werden dort noch vermisst. In Nordrhein-Westfalen gab es 47 Todesopfer. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Juli 2021 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 31.07.2021 • 18:05 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation