Ein Bagger gibt der Ahr nach der Flutkatastrophe eine neue Struktur. (Archivbild September 2021) | picture alliance/dpa

Wiederaufbau im Ahrtal Lichtblicke im Katastrophengebiet

Stand: 14.07.2022 17:13 Uhr

Ein Jahr nach der Flut im Ahrtal läuft der Wiederaufbau auch Hochtouren. An einigen Stellen gibt es sogar Fortschritte, die den Menschen im Tal langfristig Vorteile bringen können.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Markus Blasweiler hat ein Geschenk für Ursula Hellmuth dabei. Der Architekt vom Bürger-Infopoint in Altenburg im Ahrtal hatte am Vorabend an seiner Werkbank eine kniehohe Figur aus Schrott zusammengeschweißt. Zwei Zangen, eine Schaufel, Schrauben und ein Türschloss. "Das ist ein Erd-Poseidon", sagt er, "der soll dein neues Haus vor Unheil schützen".

Peter Sonnenberg

Das neue Haus der 76-jährigen Dame steht noch gar nicht. Alles was man auf dem geräumten Grundstück sieht, sind die Markierungen aus Holz und Schnur, die die Maße ihres zukünftigen Zuhauses abstecken. Denn sie hat das Glück und kann eine Flutgeschichte erzählen, die einen positiven Ausgang zu nehmen scheint. Gerührt nimmt sie den eisernen Poseidon, trägt ihn in das, was von ihrem Garten übriggeblieben ist, und platziert ihn unter einem Rankbogen, den die Flut verschont hat.

Dann erzählt sie ihre Geschichte: Bis ins Dachgeschoss ihres alten Hauses stand das ölige Wasser in der Flutnacht. Sie wäre sicher ertrunken, sagt sie, wenn nicht der Nachbarsjunge plötzlich durch ihr kaputtes Badezimmerfenster hineingeschwommen wäre und ihr den Weg hinaus und hoch in den Weinberg gezeigt hätte. Dort hatte sie bis zum nächsten Vormittag gewartet, bis sie, gemeinsam mit anderen Nachbarn und deren Baby, gerettet wurde.

Wie die meisten hier hat Ursula Hellmuth alles verloren, was sie besaß - außer ihren Optimismus. Das mit Heizöl kontaminierte Haus musste abgerissen werden. Aber ihre Versicherung erkannte den Totalschaden an und zahlt. Doch wie organisiert eine Frau ihres Alters allein einen Hausbau? So kam Blasweiler ins Spiel. Der vom Land für die Flutopfer beauftragte Architekt nahm die Planung in die Hand.

Wenn Hilfe kommt und die Versicherung zahlt

"Wenn ich ihn nicht in dem Info-Zelt kennengelernt hätte, ich wäre heute nicht da, wo ich bin", sagt Hellmuth und umarmt den Architekten wie einen Freund. "Ich habe ihm damals gesagt, ich selbst habe von nichts eine Ahnung, und von da an hat er sich unwahrscheinlich für mich eingesetzt." Das Einfamilienhäuschen, das er für Hellmuth entworfen hat, wird hochwassersicher und energetisch besser, als es die strengste deutsche Vorschrift verlangt.

Hellmuth wird zukünftig also auch Energiekosten sparen. Vorher hatte sie eine Ölheizung, und obwohl niemand hier sagen würde, die Flut hätte auch nur irgendetwas Gutes. Aber: Die Katastrophe wird letztendlich bewirken, dass vieles im Tal angestoßen wird, was sonst noch lange nicht angegangen worden wäre. Zum Beispiel die Energieversorgung. Das zeigt auch der Blick ins Nachbardorf Mayschoß.

Von alter Schönheit weit entfernt

Doch Nachbardorf klingt näher, als es seit der Flut ist. Statt der vier Kilometer durch den Tunnel muss man 16 Kilometer über den Berg fahren. Das Wasser hatte Straße und Tunnel so stark beschädigt, dass der Weg noch immer nicht wieder frei ist. Überhaupt sieht man dem einst idyllischen Touristengebiet nach einem Jahr die Flutschäden noch sehr stark an. Immer noch klebt der Schlamm an einigen Häusern. Nur wenige sind schon fertig renoviert und wieder bewohnbar. Und wenn, steht oft direkt daneben noch eine Ruine.

Im ganzen Tal wird noch an weggespülten Land- und Ortsstraßen gearbeitet. Die Bahnstrecke war schnell etwa bis zur Hälfte wieder hergestellt, doch im weiteren Verlauf der Ahrtalbahn sind Gleise, Bahndämme, Brücken, Signalanlagen und auch Bahnhöfe so stark beschädigt, dass es noch bis 2025 dauern soll, bis die Bahn wieder bis Altenburg fahren kann.

Es gibt Menschen, die das Ahrtal für immer verlassen haben. Aber die meisten haben von Anfang an gesagt, sie würden bleiben und ihr Tal wieder aufbauen. Ganze Familien, die seit Generationen hier wohnen, würden niemals wegziehen. Dafür nehmen sie sogar die Gefahr einer neuen Flut in Kauf. Und bei einem sehr großen Teil der Flutgeschädigten ist bis heute nicht geklärt, von wem sie wieviel Geld für den Wiederaufbau erstattet bekommen oder ob sie am Ende doch auf Teilen des Schadens sitzenbleiben.

Wann, wenn nicht jetzt?

Ob das zukünftige Zuhause jetzt neu gebaut, wiederaufgebaut oder noch eine Baustelle ist - ab Herbst müssen die Häuser geheizt werden. In vielen Dörfern gibt es keine Gasleitungen. Von Heizöl wollen die meisten nichts mehr hören, und die aktuelle Energiekrise weckt auch im Ahrtal den Wunsch, sich unabhängig zu machen.

Im besagten Mayschoß ist die Planung für ein Nahwärmenetz so weit, dass man eigentlich nicht mehr zurück kann, sagt Hartwig Baltes, der ehrenamtliche Bürgermeister der Gemeinde. "In die neuen Häuser wieder Heizungen in die Keller zu bauen, die wieder überflutet werden könnten, macht keinen Sinn. Also haben wir nach zukunftsfähigen Alternativen gesucht und sind auf einen zentralen Heizpunkt gekommen, der über ein Netz das Dorf mit Wärme versorgt."

Langfristige Fortschritte

Am Dorfrand, außerhalb des Überflutungsgebietes, soll ein Holzschnitzel-Heizwerk entstehen. Hier wird Wasser erhitzt und in ein Rohrsystem geleitet. Dieses Wasser wird dann Wärmepumpen in den Häusern betreiben. 140 Interessenten gibt es schon in Mayschoß, das vor der Flut 950 Einwohner hatte und jetzt noch gut 800. Gerd Baltes ist Leiter des Wiederaufbaustabes und sagt ein wenig stolz: "Damit planen wir eines der größten Nahwärmekraftwerke in Rheinland-Pfalz."

Für die Abnehmer sollen Anschaffung und Betrieb günstiger werden als individuelle Heizungen in ihren Häusern. Und die Anlage wäre nachrüstbar, sollten andere Energieträger in Zukunft Holz, Gas und Öl ersetzen. "Leider baut man so etwas nicht in einem Jahr, für den kommenden Winter muss noch eine andere Lösung her, sagt Bürgermeister Hartwig Baltes, "aber ohne die Flut, wäre ein Heizkraftwerk für Mayschoß nie ein Thema gewesen." An einigen Stellen im Tal wird sichtbar: Nach der Katastrophe wird es im Ahrtal langfristig Fortschritte geben, die es sonst absehbar nicht gegeben hätte.