Ein freiwilliger Helfer holt mit einem Kescher tote Fische aus dem Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder. | dpa

Fischsterben in der Oder Suche nach Tätern, Sorgen um die Ostsee

Stand: 13.08.2022 22:56 Uhr

Woran Tausende Fische in der Oder gestorben sind, ist noch unklar. Um das herauszufinden, hat Polen eine Belohnung für Hinweise ausgelobt. Bundesumweltministerin Lemke kritisierte mangelnde deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Die Untersuchungen zur Aufklärung des massenhaften Fischsterbens in der Oder dauern an. Umweltpolitiker und Naturschützer bewerteten das Fischsterben als Umweltkatastrophe.

Bei ihrem Besuch an der Oder kündigte Bundesumweltministerin Steffi Lemke eine bessere Koordinierung zwischen Deutschland und Polen an. "Die Frage der deutsch-polnischen Zusammenarbeit hat an dieser Stelle ganz offensichtlich nicht funktioniert", kritisierte die Grünen-Politikerin. "Sonst hätten wir früher Informationen erhalten, zumindest das Land Brandenburg oder auch die Anrainerkommunen." Ein Sprecher der Umweltministeriums hatte zuvor gesagt: "Tatsächlich wissen wir, dass diese Meldekette, die für solche Fälle vorgesehen ist, nicht funktioniert hat."

Bundesumweltministerin Lemke besucht Helfer an der Oder | REUTERS

Bundesumweltministerin Lemke spricht mit Helfern in Frankfurt (Oder). Bild: REUTERS

Lemke kündigt gemeinsame Expertenkommission an

Brandenburg hatte ebenfalls offen kritisiert, es sei von polnischen Behörden nicht informiert worden. Lemke sagte, mit ihrer polnischen Amtskollegin Anna Moskwa habe sie bereits am Freitag in einem ersten Gespräch dazu vereinbart, dass es eine gemeinsame Expertenbewertung der Situation und einen Austausch der Analyseergebnisse geben solle.

Sie kündigte weitere Gespräche mit Moskwa an. "Und wir werden auf dem deutsch-polnischen Umweltrat übernächste Woche die Thematik mit Sicherheit vertiefen." Das immer noch bestehende Unwissen über das Ausmaß der Katastrophe, die Länge sowie die Folgen für die Nahrungskette und die Natur, "das treibt mich massiv um", sagte Lemke. "Aber Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung werden über die Messungen und dann über entsprechende Warnungen von der deutschen Seite vorgenommen."

Summe von umgerechnet 210.000 Euro ausgelobt

Für die Aufklärung des massenhaften Fischsterbens in der Oder setzte Polen eine Belohnung aus. Für Hinweise, die zur Ergreifung eines Täters führen, habe die Polizei eine Summe von umgerechnet 210.000 Euro ausgelobt, sagte Vize-Innenminister Maciej Wasik in Gorzow Wielkopolski. "Wir wollen die Schuldigen finden und die Täter des Umweltverbrechens bestrafen, um das es hier wahrscheinlich geht", betonte Regierungschef Mateusz Morawiecki.

Die Regierung vermutet, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde.

Entlassungen in Polen

Polens Regierung und Behörden stehen unter Druck, weil sie nur zögerlich vor dem Fischsterben gewarnt haben sollen. Wegen der Umweltschäden wurden mehrere Behördenmitarbeiter entlassen. Der Chef der Wasserbehörde und der Leiter der Umweltbehörde wurden von ihren Aufgaben entbunden. Er schließe weitere personelle Konsequenzen nicht aus, sagte Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki. Er selbst beteuerte, erst am 10. August von dem massiven Fischsterben erfahren zu haben. "Ich wurde auf jeden Fall zu spät informiert".

Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben bereits Ende Juli erste Hinweise darauf bekommen, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben. Über die nicht funktionierenden Meldeketten hatten sich zuvor auch deutsche Politikerinnen und Politiker beschwert. Naturschützerinnen und Naturschützer bezeichneten die Folgen der Oder-Verschmutzung als Umweltkatastrophe.

Folgen für Ostsee nicht ausgeschlossen

Das Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern rechnet mit Auswirkungen des Fischsterbens auf das Stettiner Haff. Es sei damit zu rechnen, dass die Belastungen die Odermündung nahe Stettin (Polen) abhängig von Wind- und Strömungsverhältnissen bereits am Abend erreichen, schrieb das Ministerium in einer Mitteilung. Auch der vorpommersche Teil des Stettiner Haffs könnte von der Umweltbelastung betroffen sein.

Das Ministerium von Till Backhaus (SPD) rief daher die Anlieger vorsorglich dazu auf, auf das Fischen und die Wasserentnahme - unabhängig von der Nutzung - aus dem Gewässer zu verzichten. Die zuständigen Behörden in Mecklenburg-Vorpommern bereiten demnach aktuell Gewässer- und Fischproben vor. Das Stettiner Haff ist ein inneres Küstengewässer im Mündungsbereich von Oder und der Peene. Es ist das zweitgrößte Haff der Ostsee. 

Kontakt mit Oder-Wasser soll vermieden werden

Im Oder-Grenzgebiet in Brandenburg sammelten Hunderte Helfer tote Tiere ein. In der Kleinstadt Lebus, nicht weit entfernt von Frankfurt (Oder), habe sich am Ufer durch die Verwesung der Fische unangenehmer Geruch ausgebreitet, schilderte ein dpa-Reporter. Es seien auch Vögel zu sehen, die tote Fische wegtragen. "Ich rechne mit mehreren Tonnen Fisch, die wir rausholen", sagte Thomas Rubin für die Kreisverwaltung Märkisch-Oderland.

reiwillige Helfer bergen tote Fische aus dem Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder. | dpa

Freiwillige Helfer bergen tote Fische aus dem Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder. Bild: dpa

Einsatzkräfte in Lebus trugen unter anderem Gummistiefel und Handschuhe. Sie müssen sich vor Kontakt mit dem Wasser und den Fischen schützen. Die Bürgermeisterin der Stadt Schwedt an der Oder, Annekathrin Hoppe (SPD), sagte im rbb-Inforadio, die Helfer seien beim Einsammeln mit Schutzanzügen ausgerüstet. Es sei davon auszugehen, dass dort gesundheitsgefährdende Stoffe für den Menschen vorhanden seien.

Gelöste Salze in der Oder festgestellt

Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel weist die Oder "sehr stark erhöhte Salzfrachten" auf. Das sei "absolut atypisch", sagte der Grünen-Politiker am Abend im rbb. Vogels Ministerium erklärte, die gemessenen Werte könnten im Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. "Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat", hieß es in einer Mitteilung.

Der Begriff Salzfrachten bezeichnet im Wasser gelöste Salze. Die Ergebnisse seien aber "noch nicht voll aussagefähig und nicht abschließend", hieß es. Weitere Untersuchungsdaten soll es in der kommenden Woche geben. Mit Blick auf Quecksilber-Funde sagte Vogel, das werde weiter überprüft.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. August 2022 um 14:05 Uhr.