Ein Ferkel wird in seinem Stall untersucht. | Bildquelle: dpa

Ferkelkastration Schmerzhafter Aufschub

Stand: 29.11.2018 10:16 Uhr

Ab 1. Januar 2019 dürfen Ferkel in Deutschland nicht mehr betäubungslos kastriert werden. Union und SPD wollen die Frist nun um zwei Jahre verschieben - auch, um andere Methoden zu testen.

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

"Schmerzen müssen wirksam ausgeschaltet werden" - das ist der zentrale Satz im Tierschutzgesetz zum Thema Ferkelkastration. Der Bundestag hatte die Gesetzesreform im Jahr 2013 beschlossen. Damals räumte das Parlament allerdings den Züchtern eine lange Frist ein, damit sie schmerzfreie Methoden testen können, die das Kastrieren ohne Betäubung ersetzen. Als Stichtag wurde der 1. Januar 2019 festgelegt. Diese Frist soll nun um zwei Jahre verlängert werden.

Bremsung auf der Zielgeraden

Dass die Branche den Stichtag nicht einhalten wird, deutete sich bereits im Sommer an. Mitte September wurde aus der Vermutung Gewissheit. Denn da trat Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, im Bundesrat ans Rednerpult und sagte zu den Vertretern der Bundesländer: Tierschutz sei ein wichtiges Gut. Es sei aber niemandem gedient, wenn die Betroffenen ihn nicht umsetzen könnten und es "dadurch zu einer Beschleunigung des Strukturwandels und zu einer Abwanderung der Produktion ins Ausland" komme.

Bauernverband gegen fristgerechte Umsetzung

Der Staatssekretär von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner griff damit Argumente der Branche auf: Der Bauernverband etwa befürchtet, dass bei einer fristgerechten Umsetzung des Tierschutzgesetzes Familienbetriebe aufgeben müssten und Ferkelerzeuger aus dem Ausland die entstehende Lücke füllen würden.

Der Bauernverband hätte es am liebsten, wenn Bauern die Ferkel lokal betäuben dürften vor dem Kastrieren. Eine Methode, die auch die AfD als besten Weg ansieht. Die Bauern sprechen hier vom so genannten "Vierten Weg". Hintergrund ist, dass es drei andere Alternativen gibt, die vom Bauernverband aber als zu teuer oder nicht praktikabel angesehen werden.

Ferkel drängen sich in einem Stall | Bildquelle: dpa
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Der Bauernverband möchte Ferkel vor dem Kastrieren am liebsten lokal betäuben.

Lokalanästhesie verstößt gegen Tierschutzgesetz

Das Bundeslandwirtschaftsministerium sieht das mit großer Skepsis, weil diese Lokalanästhesie derzeit gegen das Tierschutzgesetz verstoßen würde. Das Argument der Landwirte, dass es doch in anderen europäischen Ländern auch gehe, lässt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff nicht gelten.

In Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark sei nur vorgeschrieben, dass der Schmerz der Ferkel gelindert wird. Das deutsche Tierschutzgesetz hingegen "verlangt wirksame Schmerzausschaltung", so Ostendorff. Ob das vielleicht doch durch eine Lokalanästhesie zu erreichen ist, soll eine gerade angelaufene Studie klären. Das wird allerdings einige Jahre dauern.

Drei Alternativen

Das Bundeslandwirtschaftsministerium setzt auf andere Alternativen, die sie als "bereits praxistauglich" bezeichnet: Die Immunokastration. Dabei wird den Tieren ein Mittel gespritzt, das die Hoden funktionsuntüchtig macht und den geschlechtstypischen Geruch unterdrückt. Das Mittel gibt es seit Ende der 1990er-Jahre und macht die Entfernung der Hoden überflüssig.

Alternative zwei: Die Ebermast, also eine Aufzucht der männlichen Tiere, ohne dass ihnen die Hoden herausgeschnitten werden - bereits gängige Praxis in Großbritannien, Irland und auf der iberischen Halbinsel.

Und drittens die chirurgische Kastration unter Betäubung. Seit wenigen Tagen hat das Narkosemittel Isofluran eine Zulassung für Deutschland. Das Bundeslandwirtschaftsministerium will rasch eine Verordnung vorlegen, auf deren Grundlage dann Ferkelerzeuger diese Methode anwenden können. Wenn sie den Nachweis erbringen, dass sie "ordnungsgemäß mit dem Narkosemittel und mit dem Betäubungsgerät umgehen können.

Millionenhilfe vom Staat für Narkosegeräte

Für das kommende Jahr stellt das Ministerium zehn Millionen Euro bereit - Hilfe dafür, Bauern zu schulen und ihnen bei der Anschaffung der Narkosegeräte unter die Arme zu greifen.

All das wird seine Zeit brauchen, auch daraus ergibt sich wohl der Zeitrahmen von zwei Jahren, der im Gesetzentwurf steht. Die Kritik an der Verschiebung ist breit: Die Grünen werfen Klöckner vor, nichts getan zu haben. CDU und CSU, sagt Ostendorff, "haben nur blockiert, nur boykottiert, haben durch Nichtstun geglänzt".

Den Linken zufolge kapituliert die Bundesregierung vor der "erpresserischen Marktmacht der Schlacht- und Supermarktkonzerne". Und der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring spricht von Taktiererei aus rein wirtschaftlichen Motiven, die vor allem eines fördere: Politikverdrossenheit.

Ferkelkastration ohne Schmerzen - Umsetzungsfrist wird verlängert
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
30.11.2018 08:42 Uhr

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