Annalena Baerbock | dpa
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Anschuldigung gegen Baerbock Was hinter den Plagiatsvorwürfen steckt

Stand: 30.06.2021 10:41 Uhr

Hat die Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock abgeschrieben? Ein Plagiatsjäger aus Österreich wirft ihr vor, in ihrem neuen Buch gebe es Plagiate. Die fünf wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Björn Dake, ARD-Hauptstadtstudio

Was wird Baerbock vorgeworfen?

Ein österreichischer Medienwissenschaftler wirft Annalena Baerbock vor, in ihrem Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" an fünf Stellen abgeschrieben zu haben. Zum Beispiel geht es darum, dass Baerbock die Länder der EU-Osterweiterung in der gleichen Reihenfolge aufzählt, wie es die Bundeszentrale für Politische Bildung in einem Aufsatz macht. Oder: Baerbock habe aus einem Magazin abgeschrieben, als sie die drei höchsten Holzhochhäuser der Welt aufzählt.

Björn Dake ARD-Hauptstadtstudio

Ihre Forderung nach einem Wohlstandsindikator in Abgrenzung zum Bruttoinlandsprodukt findet sich in ähnlichen Worten bei Wikipedia. Große Ähnlichkeiten zu einem Blogeintrag gibt es auch, als Baerbock die Folgen des Klimawandels beschreibt.

An einer Stelle zum Klimawandel bezieht sich Baerbock in ihrem Buch außerdem auf eine Einschätzung des Pentagons. Über diese Einschätzung hat auch schon mal ein amerikanischer Politikwissenschaftler geschrieben. Da ähneln sich die Passagen. Allerdings beziehen sich beide auf die gleiche Ausgangsinformation. Und: Baerbock macht deutlich, dass es sich nicht um ihren eigenen Gedanken handelt.

Wie schwer wiegen die Vorwürfe?

Ein Plagiat im Sinne des Urheberrechts setzt voraus, dass geistiges Eigentum gestohlen wurde. Bei den kritisierten Passagen scheint es eher so, als habe Baerbock Sachinformationen übernommen.

Ein weiterer Vorwurf: Zahlreiche Absätze in Baerbocks Buch seien fast wörtlich aus dem Parteiprogramm der Grünen übernommen. Das dürfte kaum überraschen. Wenn eine Kanzlerkandidatin im Wahlkampf ein Buch über ihre politischen Ideen veröffentlicht, liegt eine Überschneidung mit dem Wahlprogramm der Partei auf der Hand. Teile des Buches ähneln im Übrigen auch Baerbocks Rede beim Parteitag der Grünen vor zweieinhalb Wochen.

Bei dem am 21. Juni erschienenen Buch handelt es sich zudem um ein politisches Sachbuch und keine wissenschaftliche Dissertation mit entsprechenden Zitierregeln. Darauf weist auch der Blogger hin, der die Vorwürfe erhebt.

Wer steckt hinter den Vorwürfen?

Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber hat die Vorwürfe in seinem "Blog für wissenschaftliche Redlichkeit" erhoben. Weber brachte im Januar 2021 mit seinen Plagiatsvorwürfen die österreichische Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) zu Fall. Sie bestritt aber jedes Fehlverhalten.

In seinen Posts beschäftigte sich Weber zuletzt mit Baerbock, unter anderem mit den Ungenauigkeiten in ihrem Lebenslauf. Seine jetzigen Vorwürfe hat er in Interviews bereits etwas relativiert. Dem "Spiegel" sagt er, die fraglichen Stellen seien "nichts Weltbewegendes". Baerbock hätte sie als Zitate kennzeichnen sollen. Dem "Focus" sagt Weber: "Dass das Buch vom Markt genommen werden muss, ist, denke ich, nicht nötig." Baerbocks Buch habe er aus eigenem Antrieb überprüft, einen Auftraggeber gebe es nicht.

Was sagt Annalena Baerbock?

Die Grünen reagieren mit scharfen Worten auf die Vorwürfe. Das zeigt, wie ernst sie solche Angriffe im Wahlkampf nehmen. Ein Sprecher Baerbocks sagt: "Das ist der Versuch von Rufmord." Der Blogger habe schon falsche Behauptungen zu Baerbocks Abschluss verbreitet. Jetzt versuche er erneut, bösartig ihren Ruf zu beschädigen. Die Vorwürfe nennt er "absurd".

Baerbock schaltete außerdem den Medienanwalt Christian Schertz ein. Er erklärt: "Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen." Auch der Ullstein-Verlag, in dem Baerbocks Buch erschienen ist, erklärt: "Die Aufzählung von allgemein zugänglichen Fakten ist ebenso wenig urheberrechtlich geschützt wie einfache Formulierungen, mit denen solche Fakten transportiert werden."

Was sagen Baerbocks Konkurrenten?

Die Parteien reagieren unterschiedlich auf die Vorwürfe. CSU-Generalsekretär Markus Blume sieht Baerbocks Glaubwürdigkeit "einmal mehr" erschüttert. Wie er auf Twitter schreibt, habe es bei Baerbock scheinbar System zu täuschen, schlampig zu arbeiten und eigene Leistungen hochzustapeln.

FDP-Parlamentsgeschäftsführer Marco Buschmann rät dagegen auf Twitter: "Regt euch ab! Es gibt echt Wichtigeres." Bücher von Spitzenkandidatinnen und -kandidaten vor der Wahl haben seiner Meinung nach ohnehin eher die Qualität einer Werbebroschüre. CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz haben sich bisher nicht geäußert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Juni 2021 um 08:11 Uhr.

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Moderation 30.06.2021 • 15:16 Uhr

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