Fahrradfahrer in Münster | Jan Koch
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tagesthemen mittendrin Wenn das Fahrrad die Straße erobert

Stand: 18.09.2020 19:05 Uhr

Viel früher als andere Städte hat Münster auf Fahrradfahrer gesetzt und Millionen Euro in Radwege investiert. Aber was ist wirklich dran am guten Ruf als Fahrradstadt?

Von Jan Koch, WDR

Theo ist noch müde. Außerdem fällt dem Grundschüler heute das Treten in die Pedale schwer: "Papa, meine Beine tun mir ein bisschen weh." Trotzdem: Auch an so einem Tag wählt er für den morgendlichen Schulweg das Fahrrad. "Wir fahren jeden Tag mit dem Rad zur Schule, zur Arbeit, zum Einkaufen", erzählt Daniel Hügel, Theos Vater.

Jan Koch

Der Weg zu Theos Schule führt durch eine Fahrradstraße in Münster. Hier hat das Zweirad Vorrang - allerdings ist es trotzdem nicht allein. Das Auto ist zu Gast, heißt es laut Straßenregeln. Es muss sich nach den Radfahrern richten, darf allerdings mit 30 km/h unterwegs sein. Theo ist ab und zu noch mulmig zu Mute. "Ich habe gelegentlich Angst", sagt der Sechsjährige, wenn die Autos so knapp an uns vorbeifahren."

Klar, sagt Theos Vater, solche Fahrradstraßen seien ein großer Verkehrsvorteil. Er fände es auch gut, dass immer mehr solcher Straßen in Münster eingerichtet werden. Aber nicht überall sei klar geregelt, dass genügend Platz für alle ist. Vor allem in Fahrradstraßen, in denen Autos noch auf beiden Seiten parken können, ist ein ordentlicher Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht einhaltbar.

Fahrradstraße in Münster | Jan Koch

Münster: Millionen in die Fahrrad-Infrastruktur Bild: Jan Koch

"Zu viel Aggressivität"

Die Sicherheit ist auch für Wolfgang Husch ein Thema. Er ist Autofahrer, nutzt seine schwarze Limousine auch beruflich, schließlich betreibt er einen Chaffeurdienst, der allerdings häufiger Kunden von Stadt zu Stadt bringt. Trotzdem kann er ein Lied von Unfallrisiken singen, die im Münsteraner Stadtverkehr herrschen. Deshalb engagiert sich der passionierte Autofahrer auch im lokalen Automobilklub - und zwar schon seit mehr als 30 Jahren. "An einigen Stellen ist es besser geworden. Aber der Verkehr wird mehrheitlich auf den Fahrradfahrer ausgelegt." Das stört Husch. "Vor allem an kritischen Stellen, wo Fahrrad- und Autofahrer immer wieder aufeinandertreffen, herrscht zu viel Aggressivität", bemängelt er.

Ein Beispiel ist der Ludgeri-Kreisverkehr mitten in der Stadt. Hier teilen sich Rad- und Pkw-Fahrer zwei Spuren, fahren nebeneinander, voreinander und überholen sich gegenseitig. "Hier mogeln sich viele irgendwie durch", erzählt Husch. Zwar ist die Unfallstatistik hier im Kreisverkehr in den vergangenen Jahren gesunken, die Verkehrsführung ist aber immer noch nicht klar für die Menge an Verkehrsteilnehmern, die vor allem in Rush-Hour-Zeiten morgens und nachmittags hier durchfahren.

Wolfgang Husch | Jan Koch

Autofahrer Wolfgang Husch: "Der Verkehr wird mehrheitlich auf den Fahrradfahrer ausgelegt." Bild: Jan Koch

Millionen für die Infrastruktur

Die Stadt sieht die Probleme und investiert in diesem Jahr mehrere Millionen Euro in neue Fahrradinfrastruktur. Sie hat das Budget generell für die nächsten Jahren erhöht - auch um die Sicherheit zu erhöhen. Daher möchte sie in einigen Straßen klare Verhältnisse schaffen und Arbeitspendlern, die das Rad wählen, ordentliche Verkehrskonzepte bieten.

"Daher haben wir dieses Jahr neun Fahrradstraßen in Auftrag gegeben", erklärt Münsters Stadtbaurat Robin Denstorff. "Die Straßen sind rot gestrichen worden, um deutlich zu machen, dass das Fahrrad ab jetzt Vorrang hat. Außerdem gibt es Sicherheitsspuren zu parkenden Autos hin, um Unfälle beim Aussteigen von Autofahrern mit Fahrradfahrern zu vermeiden."

Großer Anwohnerprotest

Diese Straßen böten einen größeren Komfort von der eigenen Wohnung bis zum Arbeitsplatz. In zwei Straßen pausiert der Umbau nun aber. Der Anwohnerprotest war zu groß. Sie bemängeln, nicht ordentlich in den Prozess einbezogen gewesen zu sein - obwohl die Stadt genau das versprochen habe: Bürgerbeteiligung aller Seiten. Streitpunkt sind die Parkflächen vor den Häusern. Die möchte die Stadt zum Teil aufheben, um den bereits angesprochenen Mindestabstand gewährleisten zu können. "Doch wo können wir dann parken", fragen sich Anwohner. Nun sollen Kompromisse gefunden werden, an denen auch Denstorff beteiligt sein wird.

Aber Fahrradstraßen seien nicht alles, sagt er. Seine Vision sei, den Verkehr so umzustrukturieren, dass Münster als Vorbild dienen kann. Dazu plant er, eine Fahrradbrücke über den Autoverkehr einer zentralen Kreuzung zu bauen oder auch genügend Radschnellwege anzubieten, die aus dem Umland in die Stadt führen, so genannte Velorouten.

"Viele Radwege sind zu marode oder zu eng"

Fahrradfahrer-Familie Hügel begrüßt solche Ideen. Als Teil der Interessengemeinschaft Fahrradstadt Münster pochen sie allerdings auch auf die Restaurierung bestehender Radstraßen und -wege. "Viele Radwege sind zu marode oder einfach zu eng", erklärt Familienvater Hügel. Stefan Blume, ein Kollege der Interessengemeinschaft ergänzt: "Wenn Münster in Zukunft eine wirkliche Fahrradstadt sein will, muss die Stadt es schaffen, auch die Menschen, die noch nicht mit dem Fahrrad unterwegs sind, aufs Rad zu bringen. Diejenigen, die im Moment an engen Stellen noch zu viel Angst haben, links und rechts zwischen Autos und Bussen hindurch zu müssen." Das Label Fahrradstadt sei daher eher Schein als ein Sein.

Mit täglich 400.000 Fahrradfahrten bei gerade 310.000 Einwohnern, einem Fahrradschnellweg rund um die Stadt und zahlreichen Projekten hat Münster gegenüber anderen Städten Vorteile. Die Basis für eine Verkehrswende scheint in der Universitätsstadt groß. Nun gilt es, verschiedene Akteure an einen Tisch zu bringen. Gemeinsam sollten Kompromisse erarbeitet werden: nicht nur im Sinne der Sicherheit, sondern auch im Sinne der Klimaneutralität. Denn dazu hat sich Münster bis 2030 verpflichtet.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. September 2020 um 22:15 Uhr.