In einem ausgetrockneten Teil des Rheins wird ein Fahrrad freigelegt. Im Hintergrund gehen Menschen im Flusbett spazieren. | dpa

Extremwetterkongress "Klimaveränderung direkt vor unserer Haustür"

Stand: 28.09.2022 14:43 Uhr

Wissenschaftler warnen eindringlich vor den unumkehrbaren Folgen der globalen Erwärmung. Die Auswirkungen des Klimawandels seien in Deutschland viel stärker als im globalen Mittel. Hitzesommer würden bald normal sein.

Die gegenwärtige globale Erwärmung wirke in Deutschland viel stärker als im weltweiten Mittel, warnen Wissenschaftler. "Wir erleben die Klimaveränderung inzwischen direkt vor unserer Haustür, sind selbst unmittelbar betroffen", sagte Tobias Fuchs, Vorstandsmitglied des Deutschen Wetterdienstes (DWD), beim 12. Extremwetterkongress. Die Veranstaltung findet bis Freitag in Hamburg statt.

Extrem heiße und trockene Sommer seien viel wahrscheinlicher geworden, heißt es in dem heute vorgestellten "Extremwetter-Faktenpapier 2022". Während die globale Temperatur um etwa 1,1 Grad über der Zeit von 1881 bis 1910 liege, seien es in Deutschland etwa 1,6 Grad.

Neun der zehn wärmsten Jahre seit 2000

Seit 1960 sei jedes Jahrzehnt hierzulande wärmer gewesen als das vorherige. Laut den Experten traten außerdem neun der zehn wärmsten Jahre seit Beginn der systematischen, flächendeckenden Wetteraufzeichnungen 1881 seit dem Jahr 2000 auf. Seit den 1990er-Jahren gebe es in vielen Regionen eine massive Häufung von Hitzewellen. 

Zudem verdreifachte sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren die Zahl heißer Tage mit einer Temperatur von mindestens 30 Grad - von etwa drei Tagen pro Jahr auf derzeit durchschnittlich neun. "Eine derart außergewöhnliche Häufung von Rekordjahren der Temperatur ist nur durch die menschengemachte globale Erwärmung erklärbar", schreiben die Autoren des Berichts.

Deutschland wird noch heißer werden

Fuchs nannte Beispiele für Folgen der Klimaveränderungen in vielen Regionen: Der diesjährige Sommer sei extrem trocken und warm gewesen und habe gefühlt schon im Mai begonnen. Böden seien fast flächendeckend ausgetrocknet, die Wasserstände von Flüssen seien sehr niedrig gewesen und es habe viele Waldbrände gegeben, sagte Fuchs. "Unter dem Strich ein für Deutschland im Klimawandel bald typischer Sommer."

Bei ungebremstem Ausstoß von Treibhausgasen werde für den Zeitraum von 2031 bis 2060 eine weitere Zunahme um fünf bis zehn heiße Tagen pro Jahr in Norddeutschland und um zehn bis 20 in Süddeutschland erwartet.

Dadurch werde sich auch das Risiko von Waldbränden weiter erhöhen. Das Waldbrandrisiko werde zudem dadurch verschärft, dass die durch Trockenschäden bereits geschwächten Bäume mehr Streu auf dem Waldboden bildeten. Diese könne durch die lichteren Kronen leichter austrocknen und sich somit auch entflammen.

Absterbende Sitkafichten stehen im Revier Steinfelder Holz des Forstamtes Billenhagen bei Rostock, die Trockenheit der letzten Jahre haben sie nicht überstehen können. | picture alliance/dpa

Absterbende Sitkafichten in einem Wald bei Rostock. Laut Wissenschaftlern wird die Gefahr von Dürren und Waldbränden in Deutschland weiter steigen. Bild: picture alliance/dpa

Konflikte wegen Eisschmelze

Der Zusammenhang von Klimawandel und Starkniederschlägen ist laut dem Bericht hingegen weniger klar als jener zwischen Klimawandel und Temperaturanstiegen. Dieser sei "komplex und Gegenstand intensiver Forschung". So veränderte sich von 1951 bis 2021 die Zahl von Tagen mit Starkregen nur unwesentlich.

Ein Schwerpunkt des Kongresses liegt nach Angaben des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) in diesem Jahr auf dem Abschmelzen von Gletschern, Meereis und Landeis. Die Wissenschaft erwarte in den kommenden Jahrzehnten weitere Verluste, wodurch die Gefahr von Wasserknappheit und bilateralen Konflikten steige.

Bis Freitag stellen rund 100 Wissenschaftler und Experten der Öffentlichkeit neueste Erkenntnisse vor. Die Bemühungen um den Klimaschutz müssten verstärkt werden, lautete die Forderung der Experten.

Das Klima warte nicht, nur weil man gerade viele andere Sorgen habe, sagte auch "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer. Regierung und Gesellschaft müssten auch mehrere Krisen gleichzeitig angehen können.

Über dieses Thema berichtete "Brisant" am 28. September 2022 um 17:15 Uhr.